Schöneberg : Katharina Kaiser: Nachbarn für immer

Verdienste? Und wie. Aber damit angeben? Niemals. Schönebergs Kunstamtsleiterin Katharina Kaiser nimmt Abschied – nach fast dreißig Jahren.

von
Herzstück eines Lebenswerks. Katharina Kaiser in ihrer Ausstellung "Wir waren Nachbarn" im Rathaus Schöneberg.
Herzstück eines Lebenswerks. Katharina Kaiser in ihrer Ausstellung "Wir waren Nachbarn" im Rathaus Schöneberg.Foto: Paul Zinken

Eigentlich ein strenger, schmaler Raum, der sich da im Rücken der Pförtnerloge des Rathauses Schöneberg öffnet – ein Raum mit langen Tischen und Kladden drauf, mit regelmäßig gesetzten Lämpchen, und drumherum eine wie aus weißgetünchtem Backstein schimmernde Mauer, die sich bei nahem Hinsehen als Wall aus Karteikarten entpuppt. Betritt man ihn aber zusammen mit Katharina Kaiser, beginnt er sogleich zu atmen, zu leben, zu leuchten. Alles ist hier nach ihrem ureigensten Entwurf entstanden: die Form der Pulte, die Auswahl der Lampen, die zwischen Braun und sanften Grüntönen irisierenden Kladdeneinbände – nur das Konzept, das hat sie, und da gießt sie ihre Erinnerung in ein entwaffnendes Lachen, aus Paris geklaut!

Und schon stürmt sie zur Walter-Benjamin-Kladde mitten in der eben noch so stillen Halle, es ist eine von 140 fein laminierten Mappen, die an jüdische Bewohner des Bayerischen Viertels in Schöneberg erinnern, berühmte und unberühmte, und Katharina Kaiser schlägt Blatt drei auf oder Blatt vier. „Fällt ihnen was auf an dem Bild?“ sagt sie keck und zeigt auf das Foto der Bibliothèque Nationale, in der Benjamin so gerne arbeitete. Richtig, dieselben langen Pulte, hier allerdings unter majestätisch hoher Decke – und da sind tatsächlich die aufgereihten Pult-Lämpchen zu erkennen, Lichterketten des Geistes für immer.

Ja, dieser vergleichsweise bescheidene Raum im Erdgeschoss des Rathauses ist, von der Architektur bis zu den vielverzweigten Neugier-Einladungen im Detail, Katharina Kaisers Schöpfung, als work in progress längst auf das Schönste mit ihrem life in progress verwachsen. „Wir waren Nachbarn“, heißt die Zeitreisekapsel, in die sich der Besucher hineingelockt sieht – und nach allerlei zeitlichen und räumlichen Provisorien dürfte das Erinnerungswerk bald in einem lichten Saal tief im Rathauslabyrinth seine definitive Heimstatt finden. Hier kann man von den Rändern, von den Adresskarteien der deportierten Juden, auf die Individualisierungen stoßen, die in den Mappen in Fotos und Briefen dokumentiert sind. Oder man sucht erst einen Namen und stößt von dort vor ins Namenlose.

"Orte des Erinnerns" im Bayerischen Viertel
Unter dem Titel "Orte des Erinnerns im Bayerischen Viertel: Ausgrenzung und Entrechtung, Vertreibung, Deportation und Ermordung von Berliner Juden in den Jahren 1933 bis 1945" entstand rund um den Bayerischen Platz in Schöneberg Anfang der 1990er-Jahre ein ungewöhnliches Denkmal.Weitere Bilder anzeigen
1 von 26Foto: Kitty Kleist-Heinrich
05.06.2014 08:35Unter dem Titel "Orte des Erinnerns im Bayerischen Viertel: Ausgrenzung und Entrechtung, Vertreibung, Deportation und Ermordung...

Natürlich ist solch gigantische Sammelarbeit nicht allein das Werk einer Kunstamtsleiterin – im Gegenteil, dieser so federleicht zugängliche und in jedermanns eigene Tiefe führende Gedächtniszauber funktioniert nur mit vielen gemeinsam. „Ich bin einfach ’ne Spinne, ich mag vernetzen“, sagt Katharina Kaiser, wenn sie ausnahmsweise unbescheiden „ich“ statt „wir“ sagt, und dieses so gewinnend Einspinnende glaubt man ihr sofort. Ausgehend vom Konkreten, vom signifikant Sinnlichen sich frei die großen Zusammenhänge erschließen: So etwa ließe sich ihr kunstpädagogisches Prinzip beschreiben – nur dass sie das Wort lieber gleich durch „Grundgedanke“ ersetzt. Und angesichts der eingehenden Beschäftigung mit jüdischen Spuren in Schöneberg ist ihr dieser Weltzugriff zum eigenen Lebensmotto geworden.

Wie schafft man das, sich so massiv auf die gewaltige Erschließungsaufgabe von Biografien einzulassen, die mit KZ und Ermordung oder, im milderen Fall, Exil und Deutschlandhass enden? Vielleicht indem man strahlt; so ausstrahlt wie Katharina Kaiser, Sponti zu studentenbewegten Zeiten und rothaarig-grünäugiger Sponti irgendwie bis heute. Trauer ist der Ausgangspunkt, gewiss; aber jenseits davon hilft es vielleicht, ein bisschen Glücksverhexerin zu spielen, mit bunten Flattertüchern, prächtigem Handgelenksschmuck und dicker Holzperlenkette um den Hals. Nicht immer nur „die letzte Phase des Leidens“ der Juden zeigen, sondern „das ganze Leben“, das will sie. Oder, um eine Photographie-Maxime ihres Hausheiligen Walter Benjamin abzuwandeln, „die unscheinbare Stelle finden, in welcher, im Sosein jener längst vergangenen Minute das Künftige noch heut und so beredt nistet“.

Angefangen hat Katharina Kaiser damit selber ganz aus dem Unscheinbaren heraus. Kaum war sie, 1947 in Bayern geborenes Flüchtlingskind aus oberschlesischer Familie, nach Kunst- und Kulturwissenschafts- und Pädagogikstudium in Münster und Berlin und frühen beruflichen Stationen zur Schöneberger Kunstamtsleiterin geworden, stand 1983 das finstere Jubiläum von 50 Jahren Machtergreifung Hitlers bevor. Im Herbst jenes Jahres eröffnete sie ihre erste Ausstellung zum Thema in der Kunstamtsgalerie hoch unterm Dach des Hauses am Kleistpark, wobei sie bereits damals die Alltagswelt und Gespräche mit Zeitzeugen in den Mittelpunkt rückte. Und wenige Jahre später brachte sie mit Renata Stihs und Frieder Schnocks buntem Laternenmastenschilderwald im Bayerischen Viertel ein so schlichtes wie geniales Denkmal auf den Weg.

Achtzig mit Alltagsgegenständen bemalte und auf der Rückseite mit bürokratischen Sätzen beschriftete Schilder künden so eindringlich wie unaufdringlich von der Ausgrenzung der Juden aus Nazi-Deutschland, und sie tun dies bis heute stark, schmerzhaft, frisch. Der Entwurf setzte sich 1993 gegen manch bombastische Konkurrenz durch – dazu zählte auch ein Obelisk mit den 6000 Namen der Deportierten – und ist längst ein Anziehungspunkt für Touristen und Museumsleute aus aller Welt. Auch die Anwohner stehen zu der Herausforderung, bewusst mit dem historischen Schatten ihres so gutbürgerlichen Viertels zu leben. Nur selten, Katharina Kaiser sagt’s mit einem Lächeln, regen Leute eher entspannten Geschichtssinns an, „man sollte die Dinger doch abschrauben und mal anderswo in Berlin montieren“.

Sowas erzählt Katharina Kaiser auf einer Mini-Radtour durch das Schöneberger Freiluftdenkmal, die zum Rathaus führt und am Haus am Kleistpark beginnt. Dort hat sie soeben ihre letzte Ausstellung eröffnet: „Berlin, Blicke“ mit prämierten Künstler-Fotos. Die ältesten stammen aus den frühen Achtziger Jahren, als sie selber im Bezirk begann: Nelly Rau-Härings Ansichten etwa vom nahezu menschenleeren S-Bahnhof Schöneberg, auf dessen Rolltreppe „rechts gehen, links überholen, Tiere tragen“ in Sütterlin zu lesen steht. Oder Wolfgang Ritters Dokumente einer Demo am Rathaus Schöneberg, dessen Bannmeile die Polizeiketten verbissen verteidigten.

Einen Augenblick hält sie so inne, selber Zeitzeugin in zweidimensionaler Szenerie – und jetzt wohl sollte man, wegen ihres Abschieds in wenigen Wochen, die typische Wehmutsfrage stellen. Aber es will nicht gelingen, angesichts dieser energischen, ganz der auch grammatischen Gegenwart hingegebenen Frau. Und weitermachen, künftig im „Wir waren Nachbarn“-Förderverein, wird sie ohnehin. Wie sagt Katharina Kaiser, gefragt nach den geografischen Grenzen des Bayerischen Viertels, dem ihre unermüdliche Erinnerungsarbeit Sauerstoff und Seele zurückgegeben hat? „Ach, das hat keinen Anfang und kein Ende.“

Willkommen auf der Kiezseite Bayerisches Viertel

Ich heiße Markus Hesselmann, leite die Online-Redaktion des Tagesspiegels und lebe im Bayerischen Viertel. Mit meinen Kolleginnen und Kollegen schreibe ich über unseren wunderbaren Kiez. Über Historisches, Kulturelles, Aktuelles und besonders gern über bürgerschaftliches Engagement. Und dabei hoffe ich auf Ihre Unterstützung, liebe Leserinnen, liebe Leser. Schicken Sie Ihre Themen-Anregungen und Ihre Kritik an bayerischesviertel@tagesspiegel.de oder kommentieren Sie hier auf der Seite unter den Texten. Ich freue mich auf die Debatten!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben