Stolperstein-Verlegung an der Güntzelstraße 53 : Hier in diesem Haus hat Marcel Reich-Ranicki mit seinen Eltern gewohnt

Anlässlich der Stolperstein-Verlegung für David und Helene Reich, die Eltern von Marcel Reich-Ranicki, hielt Christine Fischer-Defoy vom Aktiven Museum Berlin eine Rede, die wir hier dokumentieren.

Christine Fischer-Defoy
Gunter Demnig verlegt in der Güntzelstraße 53 in Berlin Stolpersteine für David Reich und Helene Reich, die Eltern von Marcel Reich-Ranicki. Christine Fischer-Defoy vom Aktiven Museum Berlin spricht.
Während der Künstler Gunter Demnig an der Güntzelstraße 53 die Stolpersteine für David und Helene Reich, die Eltern des...Foto: Markus Hesselmann

Die Verlegung dieser beiden Stolpersteine steht im Zusammenhang mit der Anbringung einer Berliner Gedenktafel am kommenden 12. September für den Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki, der von 1934 bis 1938 – damals noch als Marceli Reich – hier in diesem Haus mit seinen Eltern gewohnt hat.

Der Vater, David Reich, geboren 1880 in Plozk, nordwestlich von Warschau, stammte aus einer wohlhabenden jüdischen Kaufmannsfamilie. Marcel Reich-Ranicki schreibt über ihn in „Mein Leben“: „Da er Kaufmann werden sollte, schickten ihn seine Eltern in die Schweiz. Dort studierte er an einer Handelshochschule, brach aber bald sein Studium ab und kehrte nach Hause zurück. 1906 heiratete er meine Mutter, Helene Auerbach, die Tochter eines armen Rabbiners.“

Helene Auerbach, geboren 1884, wuchs im deutschen Grenzgebiet zwischen Schlesien und der Provinz Posen auf. Ihre Vorfahren waren, so schreibt Marcel Reich-Ranicki, „seit Jahrhunderten allesamt Rabbiner.“ Doch ihre Generation brach mit dieser Tradition, von ihren fünf Brüdern wurden vier Anwälte, nur einer wählte den Rabbiner-Beruf. „Auch sie“, so Marcel Reich-Ranicki weiter, „wollte von Religion nichts wissen, an Jüdischem war sie nur noch wenig interessiert. Trotz ihrer Herkunft? Nein, wohl eher wegen ihr.“

Das junge Ehepaar zog nach Wloclawek an der Weichsel. Dort, so Marcel Reich-Ranicki, „fühlte sich meine Mutter beinahe wie E.T.A. Hoffmann im unfernen Plozk – also in der Verbannung: Polen war und blieb ihr fremd. (...) Bis zum Ende ihre Lebens, bis zum Tag, an dem man sie in Treblinka vergaste, sprach sie zwar ein makelloses, ein besonders schönes Deutsch, aber ihr Polnisch war, obwohl sie in diesem Land Jahrzehnte gewohnt hat, fehlerhaft und eher dürftig.“

In Wloclawek kamen die drei Kinder, zwei Söhne und eine Tochter, zur Welt. Der Vater gründete kurz nach dem Ersten Weltkrieg eine kleine Fabrik für Baumaterialien. 1929, infolge der Weltwirtschaftskrise, musste er Bankrott anmelden. So blieb als einzige Überlebensmöglichkeit der Umzug nach Berlin, wo die Brüder von Helene Reich inzwischen als Anwälte zu Wohlstand gekommen waren.

Die Familie Reich wurde abwechselnd von den Brüdern Auerbach finanziell unterstützt und beherbergt. Marceli Reich besuchte die Volksschule in der Witzlebenstraße in Charlottenburg, und ab 1930 das Werner-von-Siemens-Gymnasium in Schöneberg. Zu diesem Zeitpunkt wohnte die Familie „unweit vom Bayrischen Platz“.

Marcel Reich-Ranicki und seine Familie
Tanz mit Walter Jens: Marcel Reich-Ranickis Sohn Andrew Ranicki pflegt das Andenken seines Vaters und seiner Familie. Er sammelt Texte und Bilder, von denen wir einige hier in unserer Online-Bildergalerie veröffentlichen dürfen. Los geht es mit einer Zeichnung, die das nicht immer einfache Verhältnis des Kritikers zum Rhetorikprofessor zum Thema hat. Andrew Ranicki war sehr interessiert herauszufinden, von wem die Zeichnung ist, die seinem Vater so gut gefiel, denn sie "hing mindestens 30 Jahre lang in seinen Arbeitszimmer zu Hause in Frankfurt". Nach kurzer Facebook-Diskussion war klar: Das Porträt der beiden Tänzer hat Hilke Raddatz für das Satiremagazin "Titanic" gezeichnet.Weitere Bilder anzeigen
1 von 49Copyright: Hilke Raddatz
21.11.2016 15:09Tanz mit Walter Jens: Marcel Reich-Ranickis Sohn Andrew Ranicki pflegt das Andenken seines Vaters und seiner Familie. Er sammelt...

Alle Bemühungen des Vaters, damals Anfang Fünfzig, in Berlin eine neue berufliche Existenz aufzubauen, scheiterten. Dazu Marcel Reich-Ranicki: „Wenn in der Schule nach dem Beruf des Vaters gefragt wurde, beneidete ich meine Mitschüler, meist Söhne gut situierter Akademiker. Während sie sagen konnten „Chemiker“, „Rechtsanwalt“, „Architekt“ oder, was besonders imponierte, „Generaldirektor“, wurde ich, damals noch ein Kind, verlegen und schwieg hilflos. Schließlich sagte ich leise “Kaufmann“, was aber nicht genügte. Der Lehrer wünschte eine genauere Auskunft, die ich nicht geben konnte.“

Warum sind die Reichs nicht emigriert? Dazu schreibt Marcel Reich-Ranicki: „Meine Eltern hatten weder Geld noch Kontakte, es mangelte ihnen ebenso an Initiative wie an Energie und an Tüchtigkeit. Sie haben an Auswanderung nicht einmal gedacht.“

Der Sohn Herbert Alexander erhielt als polnischer Staatsbürger die Erlaubnis zum Studium der Zahnmedizin in Berlin und promovierte 1935. Er kehrte nach Polen zurück und eröffnete in Warschau eine Zahnarzt-Praxis. 1943 wurde er von SS-Leuten im Zwangsarbeitslager Trawnicki erschossen. Die Tochter Gerda schaffte es noch im Juli 1939, mit ihrem Mann von Berlin nach London zu emigrieren, wo sie 2006 starb.

Von 1934 bis 1938 war die Familie Reich hier in der Güntzelstraße 53 polizeilich gemeldet. Der Sohn Marceli wechselte 1935 zum Fichte-Gymnasium in der Emser Straße, wo er 1938 das Abitur bestand. Er bewarb sich am 10. März 1938 noch unter der Adresse Güntzelstraße 53 um einen Studienplatz an der Philosophischen Fakultät der Friedrich-Wilhelm-Universität. Das Gesuch wurde am 7. April 1938 abgelehnt. In diesem Jahr zogen David und Helene Reich zurück nach Polen. Marceli Reich fand eine preiswerte Unterkunft in der Spichernstraße 16 – als Untermieter in der früheren Wohnung von Helene Weigel und Bertolt Brecht. Dort wurde er am 28. Oktober 1938 im Rahmen der „Polen-Aktion“ verhaftet und nach Polen ausgewiesen. Während er zusammen mit seiner Frau Tosia aus dem Warschauer Ghetto fliehen konnte und im Versteck überlebte, wurden David und Helene Reich am 6. September 1942 im Rahmen der „Aktion Reinhard“ aus dem Warschauer Ghetto nach Treblinka deportiert. Marcel Reich-Ranicki begleitete sie zum „Umschlagplatz“ und beschrieb ihren Abschied:

„Meine Eltern hatten schon ihres Alters wegen – meine Mutter war 58 Jahre alt, mein Vater 62 – keine Chance, eine „Lebensnummer“ zu bekommen, und es fehlte ihnen an Kraft und List, sich irgendwo zu verbergen. Mein Vater blickte mich ratlos an, meine Mutter erstaunlich ruhig. Sie war sorgfältig gekleidet: Sie trug einen hellen Regenmantel, den sie aus Berlin mitgebracht hatte. Ich wußte, daß ich sie zum letzten Mal sah. Und so sehe ich sie immer noch: meinen hilflosen Vater und meine Mutter in dem schönen Trenchcoat aus einem Warenhaus unweit der Berliner Gedächtniskirche.“

Am Ende seines Buches „Mein Leben“ schreibt Marcel Reich-Ranicki über das Holocaust-Denkmal in Berlin: „Ich benötige das Mahnmal nicht, mein Vater, meine Mutter, mein Bruder brauchen es erst recht nicht.“ Vielleicht aber, so hoffe ich, hätte sich Marcel Reich-Ranicki über die heute hier verlegten Stolpersteine für seine Eltern gefreut.

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