Tangerine Dream im Bayerischen Viertel : Als Edgar Froese und David Bowie zusammen wohnten

Pascale Hugues über Edgar Froese und David Bowie und deren gemeinsame Zeit in Berlin. Aus dem Buch "Ruhige Straße in guter Wohnlage. Die Geschichte meiner Nachbarn".

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Edgar Froese von Tangerine Dream.
Edgar Froese (1944 - 2015)Foto: dpa

Pascale Hugues hat bei den Recherchen für ihr Buch "Ruhige Straße in guter Wohnlage. Die Geschichte meiner Nachbarn" herausgefunden, dass David Bowie eine Zeitlang im Bayerischen Viertel gewohnt hat - und zwar bei Edgar Froese von Tangerine Dream, die hier im Kiez auch ein Tonstudio hatten. Passend zur großen Bowie-Ausstellung im Martin-Gropius-Bau und zum letzten Tangerine-Dream-Konzert im Admiralspalast hatte uns Pascale Hugues freundlicherweise erlaubt, den Ausschnitt zu Bowie und Froese aus ihrem Buch im Tagesspiegel-Blog zum Bayerischen Viertel zu veröffentlichen. Dass er Edgar Froese gern mal in Berlin wieder treffen würde, hat Bowie im Interview mit dem Tagesspiegel mal gesagt. Beim Konzert im Admiralspalast sagte Froese, dass er sich auf ein Wiedersehen mit seinen Fans in seiner Heimatstadt freue. Beides kann nicht mehr geschehen, denn Edgar Froese starb am 20. Januar 2015 im Alter von 70 Jahren. Bowie starb ein Jahr später, am 10. Januar 2016. Er wurde 69 Jahre alt.

Edgar Froeses Frau Bianca Froese-Acquaye möchte in Berlin ein Tangerine-Dream-Museum eröffnen. In einem Post auf ihrer Facebookseite schreibt sie über David Bowie und Edgar Froese unter anderem: "Edgar hat David Bowie und Iggy Pop 1976 in Berlin dabei unterstützt, eine Wohnung in Berlin-Schöneberg zu finden. Während die Wohnung renoviert wurde, lud Edgar David und Iggy ein, bei ihm und seiner Familie zu wohnen. Es war eine intensive Zeit für die Musiker in jeder Beziehung. David war glücklich, in Berlin zu sein und ein neues Leben zu beginnen, persönlich und musikalisch. Gleichzeitig aber war es eine harte Zeit für ihn. Edgar führte ihn in die Berliner Kultur ein, zeigte ihm Hansa-Studios, Potsdamer Platz, SO36, Romy Haags Chez Nous, den Dschungel. David und Edgar interessierten sich sehr für Literatur, bildende Kunst, Philosophie und führten große intellektuelle Debatten - sie hörten nie auf, großen Respekt vor einander zu haben." Im Gespräch mit Pascale Hugues für deren Berlin-Buch hatte Edgar Froese angekündigt, dass er in seiner Autobiographie, die nun posthum erscheint, noch einiges mehr über seine Zeit mit David Bowie in Berlin schreiben werde.

Der Buchausschnitt von Pascale Hugues wurde zum Erinnerungsstück an Edgar Froese. Pascale Hugues nennt übrigens den Namen der Straße, in der sich die Geschichte und die Geschichten ihrer Nachbarn abspielen, in ihrem Buch nicht, weil die Straße exemplarischen Charakter hat. Wer sich im Bayerischen Viertel auskennt oder nach der Lektüre des Buchs aufmerksam durch den Kiez spaziert, der weiß, über welche Straße die Journalistin, Schriftstellerin und Tagesspiegel-Kolumnistin schreibt...

Eines Sonntagabends erzählte ich Edgar Froese, nachdem ich den ganzen Nachmittag durch meine Straße geschlendert war, von meiner Entdeckung: das Spiegel-Labyrinth im Entree der Nummer 7. Wenn man sich genau in die Achse zwischen den zwei Spiegeln zu beiden Seiten der Wand stellt, multipliziert sich sein eigenes Bild so ins Unendliche, dass einem schwindelig wird. «Passt perfekt zu Ihrer Musik!», schrieb ich. Die Antwort kam am selben Abend. Ich spürte, dass Edgar Froese beim Aushecken seinen Spaß hatte. Mich traf beinahe der Schlag:

«Jener Spiegel ist nicht interessant, weil er da hängt, sondern weil David Bowie, Brian Eno, Iggy Pop, George Moorse, Friedrich Gulda und viele andere Zeitgenossen dort hin eingeschaut haben, um festzustellen, dass der Zeitzahn wieder faltentief an ihnen gearbeitet hat. Dann stiegen diese Exemplare einer zeitlosen Epoche in die zweite Etage und bekamen von uns eine warme Mahlzeit. Gastfreundschaft unter Gleichgesinnten.»

David Bowie in der Nummer 7! Es verschlug mir den Atem. Meine Straße verwandelte sich vor meinen Augen in einen Treffpunkt von Weltstars und Punkrockern. Nach meinem bisherigen Wissensstand hatte in meiner Straße keine Berühmtheit ihr Domizil aufgeschlagen. Der Psychoanalytiker Wilhelm Reich mit seiner Orgasmusforschung und der Operettenkomponist Walter Kollo mit seinen Evergreens waren ihre einzigen namhaften Trophäen. Während der eine – an dem einen Ende der Straße – die Gipfel der Sinnenlust erkundete, komponierte der zweite – an ihrem anderen Ende – die Hymne unseres Viertels: Es war in Schöneberg im Monat Mai. Dabei ist das Bayerische Viertel ein wahrer Tummelplatz von Koryphäen. Ich war stets etwas neidisch auf meine Nachbarstraßen. Ich bin außerdem sicher, dass sie auf meine Straße herabsehen. Sich über sie lustig machen: Bei mir hat Gottfried Benn gelebt! Bei mir Gisèle Freund! Billy Wilder! Erich Fromm! Alfred Kerr! Albert Einstein! Und all die anderen … Einzig meine Straße war unfähig, ihre Fassaden mit Ehrentafeln zum Gedächtnis großer Persönlichkeiten zu schmücken. Die Physiker und Nobelpreisträger, die Dichter, Filmregisseure und Schauspieler schienen sich un ter ein an der abgesprochen zu haben, einen großen Bogen um meine Straße zu schlagen. Und da hat David Bowie in der Nummer 7 gewohnt! David Bowie war mein Nachbar!

David Bowie in Berlin
David Bowie, Berlin, 1976. Foto von Archival Pigment Print auf Baryt. Courtesy: EYE·D Agentur für Fotografie.
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1 von 28Foto: Jim Rakete
11.01.2016 08:23David Bowie, Berlin, 1976. Foto von Archival Pigment Print auf Baryt. Courtesy: EYE·D Agentur für Fotografie.

Er kommt im Sommer 1976 nach Berlin, um die Stadt 1978 wieder zu verlassen. Er bleibt nicht sehr lange. Er will aus dem Rampenlicht. Weg vom Koks. Berlin ist seine letzte Chance. Zweifellos findet er in meiner Straße diese Sanatoriumsatmosphäre, nach der er sich offenbar so sehr sehnte. Diese «verstörende, brüchige Berliner Energie», von der Bowie später sprechen wird, hat sie allerdings nicht zu bieten. Er kommt oft hierher. Und zwei Wochen wohnt er sogar in der Nummer 7 bei Edgar Froese und dessen erster Frau.

Eines Morgens im Jahr 1976 erhalten die Froeses einen Anruf von Bowies Assistentin, die sie fragt, ob sie David Bowie helfen könnten, in Berlin eine Wohnung zu finden: «Die Stadt habe eine magische Anziehungskraft auf ihn gehabt, und er würde gern einige Zeit in Berlin leben. Als Bowie mit Entourage in Berlin eintraf, war seine neue Wohnung erst zur Hälfte renoviert, also boten wir ihm ein Zimmer in unserer Wohnung an, das er auch temporär nutzte. Obwohl wir alles versuchten, keine Informationen nach außen dringen zu lassen, standen schon nach drei Tagen die üblichen Figuren mit ihren Teleobjektiven hinter geparkten Autos. Einige besonders Dreiste zahlten Bewohnern in der Straße Honorare, damit sie durch die Gardine unseren Hauseingang tagsüber beobachten konnten. Es blieb also keine andere Wahl, als mit Strickmütze und Schal nach Einbruch der Dunkelheit das Haus zu verlassen, um wenigstens Restaurants besuchen zu können oder andere Meetings wahrzunehmen. Nach weiteren zwei Wochen war seine Wohnung in der Hauptstraße 155 fertig renoviert, und alle zogen dort ein (unter anderem auch Iggy Pop). Immerhin dauerte Bowies Aufenthalt in Berlin fast zweieinhalb Jahre – eine erlebnisreiche Zeit mit vielen interessanten und inspirierenden Gesprächen auf beiden Seiten. Ich widme David ein ganzes Kapitel in meiner kommenden Autobiographie.»

Und damit war der Hahn der Vertraulichkeiten wieder zugedreht.

Meine Straße hat David Bowie, wenn ich das so sagen darf, das Leben gerettet. Vielleicht sollten wir daran denken, über der Eingangstür der Nummer 7 eine Gedenktafel anzubringen? Die Erinnerung an diese kurze Symbiose, die eine bescheidene Berliner Straße und eine der größten Rocklegenden mit ein an der eingegangenen sind, in Marmor eingravieren. Dieser Fetischismus, der dar in besteht, auf der Vorderfront der Häuser den Namen seiner illustren Bewohner festzuhalten, ist noch absurder, wenn die Berühmtheiten, wie David Bowie, manchmal nur wenige Tage zwischen diesen ehrwürdigen Mauern verbracht haben.

Thin White Duke: David Bowie
David Bowie 1976. Der britische Sänger lebte von 1976 bis 1978 in einer großen Altbauwohnung in Schöneberg.
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1 von 8Foto: AFP
19.05.2014 12:08David Bowie 1976. Der britische Sänger lebte von 1976 bis 1978 in einer großen Altbauwohnung in Schöneberg.

Und doch hat er hier in der Nummer 7 wirklich geschlafen, hat er hier wirklich sein Glas Milch getrunken, seine Paprika gegessen, seine Gitanes geraucht, zwei Schritte von Christopher Isherwoods Haus seine Sehnsucht nach dem Berlin der Weimarer Republik ausgelebt, wie ein Hund unter der Todeserfahrung durch seinen Entzug gelitten und, wollen wir doch hoffen, ein paar Songs seiner Berliner Trilogie geschrieben. Seine Füße haben die Gehsteigplatten gestreift, die Treppenstufen. Seine Hand ist über das Geländer geglitten und ja, sein androgynes Gesicht reflektierte sich in den beiden zylindrischen Spiegeln im Entree bis ins Unendliche.

Warum nur fühlen wir uns durch die Nähe zu den Größen so sehr geehrt? War um sind wir, die heutigen Mieter, so geschmeichelt durch die geisterhafte Anwesenheit unserer Vorgänger? Die Nummer 7 findet sich – der abblätternden Farbe der Fassade, den übelriechenden Mülleimern im Hinterhof und den Stromkabeln, die im Treppenhaus an den Wänden hängen, zum Trotz – geadelt. Und wir, das Fußvolk der Straße, sind aufgewertet. Und so stolz! Zwischen Bowie und uns – eine Seelenverwandtschaft.

Aber ein wenig traurig ist es schon, dass es weder Tangerine Dream noch David Bowie eingefallen ist, diese Straße ihrer Jugend, die ihnen so viel gegeben hat, mit einer Hommage zu ehren. Man stelle sich eine Hymne an unsere Straße vor … Penny Lane hat eine bekommen, der Broadway und die Champs-Elysées selbstredend, ganz zu schweigen von der Rue Pigalle, der Rue des Blancs Manteaux, Unter den Linden, Telegraph Road und noch so viele andere. Über hundert Songs gibt es, die mit ihrem Titel auf eine Straße, eine Avenue, einen Boulevard oder eine Lane anspielen. Nur unsere fehlt. Ich finde unsere Musiker wirklich undankbar.

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