U-Bahn-Tunnelwanderung in Berlin : Erkundungen im Schöneberger Untergrund

Unter der U-Bahnlinie 4 befindet sich ein nie in Betrieb genommener Bahnhof. Unser Autor war bei einer Tunnelwanderung dabei. Von Zombies in Rohbauten, Schwimmsand und einer unglaublichen Baustellenbilanz.

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Stets auf der Suche nach einer außergewöhnlichen Location.
Stets auf der Suche nach einer außergewöhnlichen Location.Foto: Johannes Groschupf

Siebentausend Berliner wollten in den Untergrund gehen, als die Tunnelwanderung der Arbeitsgemeinschaft Berliner U-Bahn auf Facebook angekündigt wurde. Dreißig durften schließlich mit. Darunter ein Horrorschriftsteller, ein Grafikdesigner, mehrere ehemalige, drei derzeit tätige und zwei zukünftige U-Bahnführer.

Weit nach Mitternacht steigen wir hinab in die Gruft einer Zukunft, die nie eingelöst wurde. Tief unter der U-Bahnlinie 4 und unter dem Tunnel der Stadtautobahn befindet sich ein nie in Betrieb genommener Bahnhof, der einmal Bestandteil einer geplanten U 10 hätte werden sollte. Eine gespenstische Atmosphäre, gähnend hohe Wände, weite Fluchten, roher Beton in allen Schattierungen – fifty shades of grey. „Wunderbare Location für einen Zombie-Schocker“, flüstert Horrorautor Frank, 37. „Als würden sie jeden Moment hinter den Säulen hervorkommen. Ausgehungert.“ Wir scharen uns um unseren unerschrockenen Führer durch die Unterwelt, Dominic Poncé.

Er bestätigt: „Diese leeren U-Bahnhöfe sind ein beliebtes Filmmotiv. Als die U 55 noch in Bau war, wurde dort Resident Evil gedreht.“ Horror-Frank nickt kennerisch. Dustin, 14, und Paul, 11 Jahre alt, bleiben in der Nähe ihrer Mutter. An den Wänden prangen wuchtige Graffitis. Rätselhaft, wie die Zeichner einen Zugang in den Rohbau gefunden haben.

1910 erste kommunale U-Bahn Deutschlands

Da die letzte U-Bahn der Linie 4 den Innsbrucker Platz verlassen hat und die Stromschiene kurzgeschlossen wurde, können wir uns endlich in den Tunnel der historischen Linie vorwagen. Anfangs liebäugelte man  mit einer Schwebebahn. Dann sollte es doch – London und Paris waren Vorbilder – eine elektrische Untergrundbahn werden.  Die Stadt Schöneberg, damals noch eigenständig, eröffnete 1910 die erste kommunale U-Bahn Deutschlands: fünf Stationen auf knapp drei Kilometern, wegen des tückischen Berliner Untergrunds aus Schwimmsand als Unterpflasterbahn ausgeführt, also möglichst dicht und flach unter dem Straßenpflaster.

Kurz nach der Fertigstellung schrieb der Schöneberger Stadtbaurat Friedrich Gerlach: „Möge das unter Schmerzen und schweren Opfern geborene jüngste Unternehmen der Stadt Schöneberg kein Sorgenkind bleiben, sondern immer mehr wachsen und erstarken zu einem gesunden, lebenskräftigen, unentbehrlichen Gliede in dem Verkehrsorganismus von Groß-Berlin!“

Der Bau wurde innerhalb von zwei Jahren fertig

Der Spatenstich am 8. September 1908 wurde, so berichtet Gerlach, „in weihevoller Stimmung und mit freudiger Begeisterung“ von Oberbürgermeister Wilde mit den Worten eingeleitet: „Dieses Werk, für das wir Millionen und aber Millionen aufwenden, hat keinen anderen Zweck, als uns und unseren Nachkommen täglich einige Minuten oder eine Viertelstunde Zeit zu ersparen. Zeit ist Geld. Heute beginnen wir unser Werk und wollen hoffen, dass es unserer Bürgerschaft zum Nutzen und unserer Stadt zum Segen dienen möge.“

Erkundungen im Schöneberger Untergrund
Der Rohbau der geplanten U 10 - gespenstische AtmosphäreAlle Bilder anzeigen
1 von 6Foto: Johannes Groschupf
24.05.2015 13:15Der Rohbau der geplanten U 10 - gespenstische Atmosphäre

Aus heutiger Sicht unfassbar: Der Bau wurde in der festgesetzten Frist von zwei Jahren fertig. Und ebenso unglaublich: Die veranschlagten Baukosten von 13 900 000 Mark wurden um fast eine Million Mark unterschritten. Oberbürgermeister Rudolph Wilde war es nicht mehr vergönnt, zur Betriebseröffnung am 1. Dezember 1910 „den Weiheakt der Vollendung zu vollziehen“. Einen Monat vorher war er verstorben.

Nach ihm wurde 1963 der Stadtpark benannt. „Stadtpark“ hieß die heutige Station „Rathaus Schöneberg“, sie war eine besondere Leistung der Ingenieure von Siemens und Halske. Die Untergrundbahn durchschneidet hier das moorige Fenngelände des „Schwarzen Grabens“. Diese natürliche Talmulde wurde für die Anlage eines Stadtparks bestimmt. Die ausgehobene Erde des U-Bahnbaus wurde mit Loren hierher gebracht und aufgeschüttet. Damit sparte man sich einen teuren Abtransport ins Umland und erhielt kostenlos die Bodenmassen für den Stadtpark.

Wir ziehen weiter in den nächsten Tunnel

Wir arbeiten uns untertage auf den Schottersteinen voran, eine Gruppe von Morlocks, die nichts mehr wissen, wie die Welt dort oben aussieht. Schuhe, Kleider, Hände, auch unsere Gesichter sind mittlerweile überzogen von der Patina der letzten hundert Jahre. Der Horrorautor Frank ist verstummt. Die BVG-Kenner fachsimpeln über Gleichstrom („750 bis 800 Volt sollten es doch sein!“).

Die beiden Jungs Justin und Paul lauschen hingegeben den Ausführungen unseres Hirten Poncé. Er teilt uns mit, dass den U-Bahnführern in den Dienstbestimmungen streng verboten wird, auf die Stromschiene zu urinieren – Lebensgefahr! Er zeigt uns die gelben Kästen zwischen den Schienen, die elektromagnetisch jede Geschwindigkeitsübertretung registrieren und notfalls eine Zwangsbremsung einleiten. Er weist auf die Dehnungsfugen hin, die im damaligen Stampfbeton ihren natürlichen Weg suchten.

Am Bayerischen Platz rumpelt unter uns die U7, in der sich vermutlich aberhundert Partyleute vom Karneval der Kulturen drängen. Wir aber ziehen weiter in den nächsten Tunnel, denn der Schöneberger Untergrund nimmt in dieser Nacht für uns kein Ende.

Informationen über kommende Tunnelwanderungen finden Sie hier.

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06.11.2015 17:04Neue Ausstellung im Kunstraum Ko in der Meraner Straße ...

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