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Vandalismus am Bayerischen Platz : Ausstellung im U-Bahnhof mit Graffiti beschmiert

Graffiti häufen sich derzeit am Bayerischen Platz - auch die Ausstellung im U-Bahnhof über das jüdische geprägte Bayerische Viertel wurde beschmiert. Auf unsere Nachfrage hin handelte die BVG.

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Keine Rücksicht auf das Gedenken: Auch ein Schaubild zur Aktion der Löcknitz-Grundschule in Erinnerung an ermordete jüdische Nachbarn im Bayerischen Viertel wurde mit Kritzeleien verunstaltet.
Keine Rücksicht auf das Gedenken: Auch ein Schaubild zur Aktion der Löcknitz-Grundschule in Erinnerung an ermordete jüdische...Foto: Markus Hesselmann

Streetart ist das wohl nicht. Der Wille zur Stadtverschönerung ist nicht wirklich erkennbar. Eher wohl der Wunsch, sich unbedingt bemerkbar zu machen, und zwar auf Kosten dessen, was Mitmenschen womöglich für schön halten. Am Bayerischen Platz läuft derzeit mal wieder so eine Offensive der örtlichen Schmiererszene. Die Bänke auf dem Platz grell besprüht, der Brunnen mit Kritzeleien, so genannten Tags, verunstaltet - die Menschen, die dafür zuständig sind, solches Geschmier wieder zu entfernen, kommen mit ihrer Arbeit kaum nach. Immerhin wurde der Brunnen zwischenzeitlich gereinigt.

Gerade waren auch auf dem Bahnsteig der U7 großflächige Graffiti wieder entfernt worden, da haben sich die Kritzler über das gesamte Innere des U-Bahnhofs hergemacht. Dabei nehmen sie auch auf die Ausstellung im Zwischengeschoss, die sich der jüdisch geprägten Geschichte des Bayerischen Viertels widmet und von Bürgern im Kiez mitgestaltet wurde, keine Rücksicht. Auch Schautafeln zur Gedenkaktion der Löcknitz-Grundschule, bei der Kinder auf den Steinen einer Mauer die Namen ermordeter jüdischer Nachbarn verewigen, wurden dabei bekritzelt. Unlängst war bereits das Bild der im Krieg beschädigten und später abgerissenen Synagoge in der Münchener Straße mit "Tags" verunstaltet, aber dann rasch wieder gereinigt worden.

Nach Auskunft des Bürgervereins "Quartier Bayerischer Platz", auf dessen Initiative hin die Ausstellung im Bahnhof gezeigt wird, sei die BVG bereits am Freitag per Info- und Rufsäule im Bahnhof über die Schmierereien informiert worden. Als ich dann am Montagvormittag bei der BVG-Pressestelle nachfragte, wurde mir zunächst ein Rückruf in Aussicht gestellt. Bevor ein Sprecher dann tatsächlich zurückrief, setzte die BVG eine Putzkolonne in Marsch, die die Graffiti auf und an den Schautafeln der Ausstellung prompt beseitigte.

Auf vier Millionen Euro beziffert die BVG die Kosten für die Beseitigung von Vandalismus-Schäden im vergangenen Jahr. "Dafür könnten wir zum Beispiel zwölf neue Busse kaufen", sagte der BVG-Sprecher. Vandalismus könne sowohl über die Infosäulen in den Bahnhöfen als auch über die BVG-"Hotline" 030 19449 gemeldet werden.

Sollen Medien über Graffiti überhaupt berichten und sie zeigen?

Als Journalist stecke ich nun in dem Dilemma, ob ich die Schmiererei abbilden oder überhaupt darüber schreiben soll. Ist das nicht exakt das, was die Schmierer wollen, so viel Öffentlichkeit wie möglich? Mache ich mich damit zum Helfer? Andererseits will ich unangenehme Dinge nicht verdrängen, sondern darüber berichten. Und dazu gehören nun einmal auch visuelle Belege.

Grundsätzlich möchte ich mich als Journalist nicht von anderen Grundsätzen leiten lassen als dem, meine Leserinnen und Leser möglichst umfassend zu informieren - und sie mit Kommentaren wie diesem hier zu Debatten anzuregen. Gern dann auch darüber, ob wir Lokaljournalisten uns aus Ihrer Sicht überhaupt mit Graffiti und Schmierereien auseinandersetzen und diese dann auch abbilden sollen. Oder etwas umfassender: Kann Streetart eigentlich wirklich Kunst sein oder ist sie ein öffentliches Ärgernis? Wo ist die Grenze zwischen Vandalismus auf der einen, und Graffiti, die das oft graue Stadtbild bereichern, auf der anderen Seite?

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Welche Ironie steckt zum Beispiel darin, dass die East Side Gallery in Friedrichshain, Sinnbild der touristengerecht zur Schau gestellten Streetart, soeben mal wieder durch engagierte Bürger von allerlei Kritzeleien befreit werden musste? Oder dass in Prenzlauer Berg derzeit Bilder von so genannten Scratches, Szenebegriff für Kratzereien in Fenstern von U- und Straßenbahnen als Kunst in einer Galerie ausgestellt werden? Und auch wir sammeln auf Tagesspiegel.de ja gern die Kunst der Straße: Hier können Sie sehen, was wir unter Streetart verstehen. Schmiererei ist das wohl nicht.

Wohnen Sie im Bayerischen Viertel oder interessieren Sie sich für diesen besonderen Berliner Kiez? Unseren neuen Kiezblog zum Bayerischen Viertel finden Sie hier. Themenanregungen und Kritik gern im Kommentarbereich etwas weiter unten auf dieser Seite oder per E-Mail an: bayerischesviertel@tagesspiegel.de.

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Ich heiße Markus Hesselmann, leite die Online-Redaktion des Tagesspiegels und lebe im Bayerischen Viertel. Mit meinen Kolleginnen und Kollegen schreibe ich über unseren wunderbaren Kiez. Über Historisches, Kulturelles, Aktuelles und besonders gern über bürgerschaftliches Engagement. Und dabei hoffe ich auf Ihre Unterstützung, liebe Leserinnen, liebe Leser. Schicken Sie Ihre Themen-Anregungen und Ihre Kritik an bayerischesviertel@tagesspiegel.de oder kommentieren Sie hier auf der Seite unter den Texten. Ich freue mich auf die Debatten!

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