Vom Akazienkiez ins Bayerische Viertel : Aus Ousies wird Ousia - und Qualität siegt

Der Laden brummt, auch die neuen, größeren Räume im Bayerischen Viertel sind stets gut gefüllt. Was machen die richtig, im griechischen Restaurant "Ousia"?

von
Inhaber Athanasios Gortsas und sein Team freuen sich täglich ab 17 Uhr auf ihre Gäste. Die Restaurantkritik von Elisabeth Binder finden Sie hier.
Inhaber Athanasios Gortsas und sein Team freuen sich täglich ab 17 Uhr auf ihre Gäste. Die Restaurantkritik von Elisabeth Binder...Foto: Thilo Rückeis

Mit dem Umzug hat sich das alte "Ousies" einen neuen Namen gegeben. Es heißt jetzt „Ousia“, das ist das griechische Wort für „das Wesentliche“ oder „die Essenz“. Das Wesentliche beherrschte das Team des griechischen Restaurants auch vorher schon so gut, dass der Laden brummte und fast immer rappelvoll war. Die neuen Räume im Bayerischen Viertel sind zweieinhalbmal so groß wie die alten im Akazienkiez, und trotzdem gelang es uns an einem Freitagabend nur mit Mühe, noch einen Tisch um 21 Uhr zu ergattern. Was machen die hier richtig?

Zum Beispiel dies: Sie achten ihre Großeltern und entdecken neues Potenzial in deren Sitten. In Omas Küche gab es auf dem Peloponnes und den Inseln zum Wein Mezedes: viele kleine Gerichte. Das passt zur anhaltenden Tapas-Mode – Omas Vorlieben gleichen der zeitgemäßen Lust am Naschen.

Außerdem ist das neue Ousia sehr schön gestaltet. Fast fühlt man sich wie auf einem Dorfplatz: unter schmiedeeisernem Balkon und grünen Fensterläden, zwischen Lebensmittelsäcken, Wandfresken, Weinfässern und Milchkannen. Auf grünweiß gewürfelten Tischdecken brennen nostalgisch flackernde Lämpchen. Zum kräftigen Landbrot gibt es ein silbernes Kännchen mit Öl. Die hoch gewachsenen Kellner arbeiten effizient, flott und freundlich. Lediglich mit dem Nachschenken lassen sie sich Zeit, merken aber, wenn der Gast die tropfende Weinflasche aus dem Kühler Richtung Glas balanciert und eilen dann rasch zur Hilfe.

Bayerisches Viertel wird Griechisches Viertel
Neue Heimat Bayerisches Viertel: Das griechische Restaurant "Ousia" ist aus dem Akazienkiez an die Ecke Bozener/Grunewaldstraße gezogen. Es ist nicht der einzige neue oder schon länger im Bayerischen Viertel ansässige griechische Laden. Fast könnte man meinen: Das Bayerische Viertel wird zum Griechischen Viertel. Eine Fototour im Kiez.Weitere Bilder anzeigen
1 von 17Foto: Thilo Rückeis
07.11.2014 12:28Neue Heimat Bayerisches Viertel: Das griechische Restaurant "Ousia" ist aus dem Akazienkiez an die Ecke Bozener/Grunewaldstraße...

Viel Platz ist auf dem Tisch nicht, deshalb kommen die Gerichte nach und nach, je nachdem, was gerade fertig ist. Zunächst grüner Salat mit roten Zwiebeln, der zum Hineinlegen gut schmeckt. Gutes Olivenöl gehört nun mal zur Essenz der griechischen Küche, und hier wird eine erstklassige Qualität verwendet. Das sahnige Tsatsiki mit Dill ist ebenfalls überdurchschnittlich (4,40 Euro). Sehr mächtig wirkt das gegrillte Knoblauchbrot mit reichlich frisch geriebener Knolle und Oregano (2,30 Euro).

Die gebratenen Spinatbällchen waren fluffig, leicht und fein (5,50 Euro). Exzellent und ausgesprochen reichlich waren die leicht panierten gebratenen Zucchinischeiben mit Knoblauch-Kartoffelpüree von intensivem Geschmack und geschmeidiger Konsistenz. Einen schlichten Klassiker richtig gut zu machen, gehört eben auch zu den wesentlichen Fähigkeiten eines Kochs (5,50 Euro). Vegetarier können noch mit drei weiteren Minigerichten glücklich werden. Auch die gegrillten Calamaris erwiesen sich als Hit, ganz zart und mit einem geradezu suchterzeugenden Geschmack (7,50 Euro).

Verbesserungsfähig fand ich lediglich die hausgemachte griechische Bauernwurst. Die wurde in einem Pfännchen serviert und war handlich in viele kleine Scheiben geschnitten. Bäuerlich hieß lange, dass es auch knorpelig und sehnig sein durfte. Diesen Teil würde ich aus dem Wurstrezept streichen. Bäuerlich kräftig gewürzt reicht schon. Da die Wurst aus eigener Herstellung kommt, ließe sich das Rezept sogar ohne Aufwand verfeinern (7,70 Euro). Zumal die Küche ohne die übliche Folklore auskommt, man findet auf der Karte zum Beispiel weder Gyros noch Halva.

Eine der schönsten Straßen Berlins: Die Bozener Straße
Die Bozener Straße in Schöneberg ist eine der schönsten Straßen des Bayerischen Viertels, wenn nicht Berlins. Eine Bildergalerie.Weitere Bilder anzeigen
1 von 12
12.05.2014 18:04Die Bozener Straße in Schöneberg ist eine der schönsten Straßen des Bayerischen Viertels, wenn nicht Berlins. Eine Bildergalerie.

Die Auswahl an Nachspeisen ist relativ klein. Zum leichten Programm passt am besten der griechische Sahnejoghurt mit Honig und Walnüssen, ein schlichter, schlüssiger Klassiker (4,70 Euro). Wer nach den kräftig gewürzten Speisen einfach nur einen süßen Abschluss braucht, wäre auch mit einem Dessertwein gut bedient. Wir probierten den Samos Grand Cru, einen im Eichenfass gelagerten Moschato mit Honig- und Rosennoten. Köstlich (0,1 l für 3,50 Euro). Überhaupt ist es erfreulich, mit wie viel Sorgfalt hier die Weinkarte gepflegt wird. Es gibt eine große, aber nicht unübersichtliche Auswahl griechischer Anbieter. Sehr gut passte zum Essen der 2013er White Dot aus Moschofilero- und Roditis-Trauben vom Peloponnes mit wenig Säure und fruchtigen Aromen, den wir unter den besonderen Empfehlungen fanden (21,50 Euro).

Das Fazit fällt leider nicht besonders originell aus, trifft aber die Essenz des auch unter der Woche brummenden Ethno-Restaurants: Qualität siegt.

Wohnen Sie im Bayerischen Viertel oder interessieren Sie sich für diesen besonderen Berliner Kiez? Unseren neuen Kiezblog zum Bayerischen Viertel finden Sie hier. Themenanregungen und Kritik gern im Kommentarbereich etwas weiter unten auf dieser Seite (leider derzeit noch nicht auf unserer mobilen Seite) oder per Email an: bayerischesviertel@tagesspiegel.de. Zum Twitterfeed über das Bayerische Viertel geht es hier. Twittern Sie mit unter dem Hashtag #BayerischesViertel

Autor

Willkommen auf der Kiezseite Bayerisches Viertel

Ich heiße Markus Hesselmann, leite die Online-Redaktion des Tagesspiegels und lebe im Bayerischen Viertel. Mit meinen Kolleginnen und Kollegen schreibe ich über unseren wunderbaren Kiez. Über Historisches, Kulturelles, Aktuelles und besonders gern über bürgerschaftliches Engagement. Und dabei hoffe ich auf Ihre Unterstützung, liebe Leserinnen, liebe Leser. Schicken Sie Ihre Themen-Anregungen und Ihre Kritik an bayerischesviertel@tagesspiegel.de oder kommentieren Sie hier auf der Seite unter den Texten. Ich freue mich auf die Debatten!

2 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben