Zeitzeuge über Luftangriff auf Berlin : "In dem Geschrei war nichts mehr zu verstehen"

Der Zeitzeuge Peter Hagen (82) hat hier aufgeschrieben und in Videos erzählt, wie er als Zwölfjähriger den Bombenangriff vom 3. Februar 1945 im U-Bahnhof Bayerischer Platz erlebte, in dem die Decke nach einem Volltreffer einstürzte.

Peter Hagen
Peter Hagen (83), Zeitzeuge des Luftangriffs auf Berlin am 3. Februar 1945, steht im U-Bahnhof Bayerischer Platz, in dem er den Angriff überlebte, obwohl die Decke des Bahnhofs zur Hälfte einstürzte.
Peter Hagen (83) hat als Zeitzeuge mit uns über den Luftangriff auf Berlin am 3. Februar 1945 gesprochen. Er selbst überstand...Foto: Hendrik Lehmann

Nach starken Schneefällen hat es auch am 3. Februar 1945 getaut; es war ein Sonnabend, blauer Himmel, Sonnenschein. Es war wieder Zeit, Brot zu holen. In einer der Nebenstraßen der Regensburger Straße in Wilmersdorf hatten wir eine Bäckerei entdeckt, in der Zehnpfund-Brote gebacken wurden und von diesen sollte ich zwei holen. Für den Transport nahm ich einen Rucksack mit und bin zur U-Bahn am Innsbrucker Platz gegangen. Unterwegs traf ich Horst, einen Klassenkameraden meines Bruders; er fragte mich, ob er mich begleiten dürfe, wogegen ich ja nichts hatte. Gefahren sind wir bis zum U-Bahnhof Viktoria-Luise-Platz und haben dann die beiden Brote geholt.

Auf dem Rückweg hielt der Zug im U-Bahnhof Bayerischer Platz und es hieß „alles aussteigen“, denn es hatte so genannten Voralarm gegeben. Also raus aus dem Zug und auf den Bahnsteig.

Was dann passierte, hatte ich nicht ahnen können. In den Häusern am Platz waren wohl Krankenunterkünfte, und von dort kamen nun die Gehfähigen, um auf dem U-Bahnhof Schutz zu suchen. Deutsche Gründlichkeit herrschte immer noch, auch zum Ende des Krieges hin, und so wurden am Bahnhof bei Beginn des Hauptalarms die Scherengitter geschlossen. Es dauerte nicht lange, da fielen die ersten Sprengbomben, offenbar auf die Treppen, denn es wurde dunkel im Bahnhof und das wohl nicht nur, weil der Strom ausgefallen war.

Ein beißender Rauch, der das Atmen erschwerte

Die nächste Bombe – oder waren es mehrere Bomben? – fiel dann direkt auf den Bahnhof. Ein beißender Rauch, der das Atmen erschwerte, zog über den Bahnsteig, wir lagen auf dem Boden und rangen nach Luft. Die halbe Decke mit ihren Stahlträgern war heruntergekommen und hatte die darunter Stehenden erschlagen. In dem Geschrei war überhaupt nichts mehr zu verstehen. Als sich der Lärm dann etwas gelegt hatte, wurde gerufen, dass wir den Bahnhof schnellstens verlassen sollten. Über die Toten und Verletzten und über die vom Tauwasser nasse Erde haben wir fluchtartig den Bahnhof verlassen.

Video
Luftangriff auf Berlin: Zurück am Ort des Schreckens
Luftangriff auf Berlin: Zurück am Ort des Schreckens

Der Rucksack war weg, ich hatte auch keine Handschuhe mehr, aber Horst waren sogar die Schuhe abhandengekommen. Als wir es ins Freie geschafft hatten, winkten uns aus den umliegenden Häusern die Leute zu, dass wir zu ihnen kommen sollten. Dahin begleiteten uns SS- Männer, die offenbar in aller Eile aus ihrer Unterkunft in der Kaiserallee – heute Bundesallee – geholt worden waren. Rein in den Luftschutzkeller, wo wir mit Essigwasser getränkte Tücher bekamen, damit wir die Nase von dem Dreck befreien konnten, den wir eingeatmet hatten.

Eigenartige Blicke auf dem Heimweg

Als der Alarm zu Ende war, haben wir den Heimweg angetreten, das heißt, dass ich den Horst Huckepack nehmen musste, denn seine Schuhe waren ja weg. Unterwegs sind wir an Häusern vorbeigekommen, die von der Polizei schon geräumt waren und nun bewacht wurden, weil man dort Blindgänger festgestellt hatte. Man hat uns etwas eigenartig angesehen, warum, habe ich erst später, wieder zu Hause, feststellen können.

Video
Luftangriff auf Berlin: Ein Zeitzeuge erzählt
Luftangriff auf Berlin: Ein Zeitzeuge erzählt

Also erst einmal den Horst in der Rembrandtstraße abliefern, dann ging ich nach Hause. „Mein Gott, wie siehst Du denn aus?“ Das waren Omas erste Worte, als sie die Tür öffnete, und da bin ich erst einmal ins Badezimmer gegangen, denn ich hatte ja noch die eigenartigen Blicke der Leute von unterwegs in Erinnerung.

Ganz abgesehen davon, dass wir unsere Uniformen – das waren so eine Art Skianzüge mit Keilhosen, die das Jungvolk trug – nur etwas abgeklopft hatten und die damit immer noch recht staubig waren, sah das Gesicht ja irgendwie verschmiert aus. Mit den Tüchern hatten wir wohl nicht nur die Nase gesäubert, sondern mit Ihnen auch das Gesicht zu säubern versucht, aber das war so schlecht gelungen, dass ich im Gesicht immer noch ziemlich schwarz aussah.

Peter Hagen wurde 1932 in Berlin geboren. Er wuchs in Friedenau auf, arbeitete nach dem Krieg als Industriekaufmann in Berlin sowie in Frankfurt am Main, unternahm Dienstreisen nach Osteuropa, China, Australien, Brasilien und in die USA und lebt heute als Rentner in Steglitz. Hintergründe zu unserem Zeitzeugen-Aufruf finden Sie hier.

Wohnen Sie im Bayerischen Viertel oder interessieren Sie sich für diesen besonderen Berliner Kiez? Unseren neuen Kiezblog zum Bayerischen Viertel finden Sie hier. Themenanregungen und Kritik gern im Kommentarbereich etwas weiter unten auf dieser Seite (leider derzeit noch nicht auf unserer mobilen Seite) oder per Email an: bayerischesviertel@tagesspiegel.de. Zum Twitterfeed über das Bayerische Viertel geht es hier. Twittern Sie mit unter dem Hashtag #BayerischesViertel

Willkommen auf der Kiezseite Bayerisches Viertel

Ich heiße Markus Hesselmann, leite die Online-Redaktion des Tagesspiegels und lebe im Bayerischen Viertel. Mit meinen Kolleginnen und Kollegen schreibe ich über unseren wunderbaren Kiez. Über Historisches, Kulturelles, Aktuelles und besonders gern über bürgerschaftliches Engagement. Und dabei hoffe ich auf Ihre Unterstützung, liebe Leserinnen, liebe Leser. Schicken Sie Ihre Themen-Anregungen und Ihre Kritik an bayerischesviertel@tagesspiegel.de oder kommentieren Sie hier auf der Seite unter den Texten. Ich freue mich auf die Debatten!

1 Kommentar

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben