Zoo-Chef Knieriem über die Enteignung von Juden : „Wir werden die richtige Geste finden“

Andreas Knieriem, Leiter des Berliner Zoos, soll bei einer Verlegung von Stolpersteinen für enteignete Zoo-Aktionäre vor allem über die getöteten Tiere des Zoos während des Zweiten Weltkrieges geredet haben. Ein Gespräch über ein dunkles Kapitel des Zoos.

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Der Tiermediziner Andreas Knieriem ist seit April 2014 Direktor des Zoologischen Gartens und des Tierparks in Berlin.
Der Tiermediziner Andreas Knieriem ist seit April 2014 Direktor des Zoologischen Gartens und des Tierparks in Berlin.Foto: Jörg Carstensen/dpa

Andreas Knieriem soll als neuer Leiter Zoo und Tierpark in die Moderne führen. Doch er hat auch repräsentative Aufgaben. Am Dienstag soll er nach Angaben von Zeugen bei einer Verlegung von Stolpersteine für enteignete Zoo-Aktionären vor allem über die getöteten Tiere des Zoos während des Zweiten Weltkrieges geredet haben. Vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten gehörte nach Schätzungen von Historikern etwa ein Drittel der Zoo-Aktien jüdischen Eignern. Sie wurden nach 1933 von den Nazis enteignet.

Herr Knieriem, Sie sollen laut RBB bei der Gedenkveranstaltung für Hilde Singer und ihren Mann Kurt die vielen getöteten Tiere im Zoo „als das größte Unheil des Krieges“ bezeichnet haben.

Das ist völlig aus dem Kontext gerissen worden. Jeder kann sich vorstellen, dass ich die Sensibilität besitze, das Leid der Menschen nicht mit dem der Tiere zu vergleichen. Es ist eine Unverschämtheit, mir zu unterstellen, dass ich das gleichsetzen würde. Zudem waren jüdische Freunde meiner Eltern selbst betroffen. Sie mussten in den 30er Jahren aus Berlin nach Chicago fliehen.

Was haben Sie denn genau gesagt?

Als Zoodirektor weiß ich, dass der Zoo eine dunkle Seite hatte. Ich habe gesagt, dass das Unrecht, das im Dritten Reich passiert ist, später in den Zweiten Weltkrieg führte. Und die Berliner von damals wissen, was das heißt – ganz Berlin war am Ende zerbombt. Und nur um das zu verdeutlichen, habe ich gesagt, dass auch der Zoologische Garten zerstört war. So sehr, dass nur 92 Tiere überlebt haben. Ich wollte das Gegenteil ausdrücken von dem, was mir in den Mund gelegt wurde. Das negiert alles, was im Zoo in den vergangenen 15 Jahren angestoßen wurde.

Was meinen Sie damit genau?

Unser Aufsichtsrat beschäftigt sich bereits seit 2000 mit der Aufarbeitung dieses Themas. 2011 wurde eine Gedenktafel dazu am Giraffenhaus angebracht. Außerdem wurde Monika Schmidt für ihre wissenschaftliche Arbeit über die jüdischen Aktionäre mit Zoo-Geldern im hohen fünfstelligen Bereich bezahlt.

Monika Schmidt und die Angehörigen von Hilde Singer sowie die Patin der Stolpersteine, Daniela Reinsch, sollen gehofft haben, dass Sie bei der Gedenkfeier eine Geste des Bedauerns äußern.

Von den Angehörigen habe ich kein Wort davon gehört, dass Sie sich das gewünscht hätten. Sie haben mich sogar einen Tag zuvor im Zoo besucht. Da habe ich Kala Miccilo, die Enkelin von Frau Singer, gefragt: „Soll ich etwas sagen?“

Neuer Zoo- und Tierpark-Direktor Knieriem stellt sich vor
Da ist er! Dr. Andreas Knieriem, neuer Direktor von Zoo und Tierpark Berlin, stellt sich vor.Weitere Bilder anzeigen
1 von 10Foto: Kitty Kleist-Heinrich
04.01.2014 12:21Da ist er! Dr. Andreas Knieriem, neuer Direktor von Zoo und Tierpark Berlin, stellt sich vor.

Und was hat sie geantwortet?

It’s up to you. – Es ist Ihre Entscheidung.

Wie haben Sie die Situation bei der Stolperstein-Verlegung empfunden?

Ich war verunsichert, was ich sagen sollte. Denn eine bloße Entschuldigung vonseiten des Zoos kann doch nur deplatziert wirken. Eine Stolperstein-Verlegung ist meiner Meinung nach auch nicht der richtige Rahmen dafür. Ich war bei dieser privaten Veranstaltung nicht dazu eingeladen, dort alle Blicke auf den Zoo zu lenken. Es ging um die Familie Singer. Sie sollte bei dieser Veranstaltung nicht in den Hintergrund rücken.

Wird es vonseiten des Zoos noch eine entsprechende Geste für die enteigneten jüdischen Aktionäre geben?

Ja, noch in diesem Sommer, aber wir müssen schauen, wie wir das Thema mit dem Zoo von heute verknüpfen können. Eine Blaupause dafür gibt es nicht. Wir sind dabei, die richtige Geste zu finden.

Andreas Knieriem, 49, ist seit April 2014 Chef des Berliner Zoos und Tierparks. In seinem ersten Amtsjahr stieg die Zahl der Besucher auf 4,4 Millionen.

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