Berlin-Charlottenburg : Bahnhofsmission am Zoo stößt an ihre Grenzen

Die Zahl der Wohnungslosen in Berlin wächst und damit der Ansturm auf die Bahnhofsmission am Zoologischen Garten. Deren Leiter Dieter Puhl hält mehr Anlaufstellen für dringend nötig.

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Hoher Besuch. Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) kam vor wenigen Tagen zu Dieter Puhl (re.) in die Bahnhofsmission.
Hoher Besuch. Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) kam vor wenigen Tagen zu Dieter Puhl (re.) in die Bahnhofsmission.Foto: Wolfgang Kumm/dpa

Die Bahnhofsmission am Zoo hat viele Unterstützer, die spenden oder ehrenamtlich mit anpacken, sie bekommt auch Geld vom Senat und muss der Deutschen Bahn keine Miete zahlen – trotzdem geraten der Leiter Dieter Puhl und sein Team wegen der stetig wachsenden Zahl von Obdachlosen an ihre Grenzen. Darauf machte Puhl am Montag auf der Facebookseite der Bahnhofsmission aufmerksam. Die Versorgung der Bedürftigen rund um die Uhr sei „eigentlich bereits vor Jahren kaum zu schaffen“ gewesen. Längst arbeiteten alle Beschäftigten und Helfer „an der Oberkante“.

1000 Wohnungslose mehr pro Jahr

Dem Tagesspiegel sagte Puhl, er rechne für die kommenden Jahre mit jeweils 1000 Wohnungslosen mehr in Berlin. In den vorigen sieben Jahren sei die Zahl von etwa 1000 auf 6000 gewachsen. Früher habe man am Zoo täglich 400 Menschen mit Speisen versorgt, nun seien es rund 650 – Tendenz weiter steigend. 60 bis 70 Prozent der Besucher stammten aus Osteuropa, vor allem aus Polen. Bei dem Rest handele es sich Deutsche aus allen Bundesländern.

„Es fällt schwer, sich abzuseilen“

„Jeder von uns ist am Limit“, sagt auch die Vize-Leiterin der Bahnhofsmission, Claudia Haubrich. Sie habe seit ihrem Amtsantritt im Oktober 2014 zwischen 500 und 600 Überstunden angehäuft. Denn auch nach dem Ende der Dienstzeit „fällt es schwer, sich abzuseilen“.

Am Zoo gibt es zwölf Angestellte und etwa 150 ehrenamtliche Helfer. Der Jahresetat beträgt rund eine halbe Million Euro, davon stammen 240.000 Euro vom Senat und der Rest aus Spenden beziehungsweise Mitteln der Stadtmission. Hinzu kommen Sachspenden im Wert von mehr als einer Million Euro pro Jahr.

Man bräuchte „vier weitere Einrichtungen unserer Größenordnung im Innenstadtbereich“ und zusätzliche Angebote, meint Puhl. So gebe es stadtweit nur 840 Notunterkünfte für die 6000 Wohnungslosen – viel weniger als etwa in Hamburg, wo im vorletzten Winter 1400 Notübernachtungsplätze für etwa 2000 Obdachlose zur Verfügung gestanden hätten. Insgesamt seien in Berlin 15 bis 20 Millionen Euro für die Obdachlosenhilfe nötig, schätzt Puhl. Dies allein aus Spenden zu finanzieren, sei „utopisch“.

Das neue Hygienecenter soll länger öffnen

Immerhin konnte Ende 2015 nebenan in der Jebensstraße ein Hygienecenter mit Toiletten, Duschen, Waschmaschinen und Friseursalon eröffnet werden. Die 300 000 Euro Baukosten zahlte die Deutsche Bahn, der Senat finanziert den Betrieb mit zusätzlichen 150.000 Euro pro Jahr. Laut Puhl ist die Bahn bereit, weitere Flächen zur Verfügung zu stellen. Um diese nutzen zu können, bräuchte man allerdings mehr Personal.

Außenminister Steinmeier will Geldgeber suchen

Erst am vorigen Mittwoch hatte Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier das Hygienecenter besucht (wir berichteten). Der SPD-Politiker engagiert sich seit vielen Jahren für Obdachlose. Als Puhl erwähnte, man wolle das Hygienecenter möglichst von 6 bis 24 Uhr öffnen statt wie bisher nur von 10 bis 18 Uhr, sagte Steinmeier seine Unterstützung zu. Er wolle „helfen, das Geld zu suchen, damit Sie Ihre Hilfsangebote erweitern können“.

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