Berlin-Charlottenburg : Klimaschutz im Kiez

Künftig wollen sich die Siedlungen Eichkamp und Heerstraße selbst mit Strom und Wärme versorgen. Die Initiative geht von den Bewohnern aus.

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Eichkamper Idylle. Efeuberankte Häuser in ruhigen Wohnstraßen sind typisch für die 20er-Jahre-Siedlung. Beim Klimaschutz denken die Anwohner aber sehr modern.
Eichkamper Idylle. Efeuberankte Häuser in ruhigen Wohnstraßen sind typisch für die 20er-Jahre-Siedlung. Beim Klimaschutz denken...Foto: Cay Dobberke

Der ökologische Anspruch ist hoch: Die Bürgervereine in den Charlottenburger Siedlungen Eichkamp und Heerstraße wollen zusammen ein „energieautarkes Wohnquartier“ schaffen – weder Strom noch Wärme sollen zugeliefert werden.

Dafür reichen energetische Sanierungen wie der Einbau moderner Heizkessel natürlich nicht aus. Angedacht sind auch Blockheizkraftwerke, die mit Biogas arbeiten, Solaranlagen und Wärmegewinnung aus dem Erdreich (Geothermie).

Viele der alten Häuser sind Baudenkmale

Die Herausforderungen sind viel größer als bei einer Neubausiedlung: Die insgesamt rund 950 Häuser mit etwa 3000 Bewohnern stammen überwiegend aus den 1920er Jahren, zum Teil stehen sie weit auseinander. Außerdem ist die ganze Siedlung Heerstraße denkmalgeschützt, ebenso wie zahlreiche Häuser in Eichkamp.

Eine Energie-Genossenschaft soll die Finanzierung bündeln

Jetzt berieten sich mehr als 70 Anwohner bei einer Auftaktveranstaltung mit Stadtplanern und Ingenieuren im Kieztreff „Haus Eichkamp“. Vereinsintern wurden die Pläne schon seit 2012 intensiv diskutiert, daraus entstand die „Bürgerenergievereinigung Eichkamp-Heerstraße“. Später soll sie zur Genossenschaft werden. Die Bewohner der Häuser sind großenteils auch deren Eigentümer.

In Eichkamp gibt es auch viele frei stehende Häuser, was den Aufwand für ein neues Leitungsnetz erhöht.
In Eichkamp gibt es auch viele frei stehende Häuser, was den Aufwand für ein neues Leitungsnetz erhöht.Foto: Cay Dobberke

Zu den treibenden Kräften gehören der Energie- und Klimaschutzexperte Wilfried Boysen, der bereits 2006 für seine Leistungen in Berlin mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wurde, sowie die Anwohner Uta Bauer und Ulrich Bogner. „Klimaschutz geht uns alle an“, sagen sie. Außerdem könnten sich die Investitionen langfristig amortisieren – durch geringere Strom- und Heizkosten und die Wertsteigerung der Immobilien.

Fördermittel aus Forschungsprogramm

Durch Fürsprache des Deutschen Geoforschungszentrums in Potsdam gelang es, im Rahmen des Forschungsprogramms „Zwanzig20 Forum Wärmewende“ 75 000 Euro vom Bundesministerium für Bildung und Forschung zu bekommen – als eines von bundesweit nur fünf „Demonstrationsprojekten“.

Mit dem Geld wurden zwei Fachfirmen engagiert. Die Deutsche Stadt- und Entwicklungsgesellschaft (DSK) will sich stadtplanerischen Aspekten widmen und die Hauseigentümer „motivieren“, wie Projektleiter Christian Voigt sagte. Auf die technische Umsetzung konzentrieren sich Ingenieure der infas enermetric Consulting GmbH.

Als Erstes wollen die Firmen die bisherige Situation analysieren. Dafür wurden Fragebogen verschickt, die auch auf der neuen Webseite www.energie-eichkamp-heerstraße.de zu finden sind. Weitere Informationsveranstaltungen und „Runde Tische“ sind geplant, im Juni 2016 soll eine Machbarkeitsstudie vorgestellt werden.

Umweltamt möchte Schulen und Sportanlagen einbeziehen

Das Charlottenburg-Wilmersdorfer Umweltamt unterstützt die Pläne nicht finanziell, will aber den Weg ebnen, etwa bei Genehmigungen für Geothermie. Amtsleiter Wilhelm-Friedrich Graf zu Lynar lobt das „spannendste Projekt in Berlin und Deutschland im besiedelten Bereich“. Er hofft auch, dass bezirkseigene Schulen und Sportanlagen in den beiden Kiezen einbezogen werden können.

Die neue Technik soll schrittweise eingeführt werden

Christian Voigt von der DSK betonte, die Planungen seien langfristig. „Es wird nicht von Anfang an eine Netzinfrastruktur für alle geben“, die neue Energieversorgung werde in „einzelnen kleinen Inseln“ starten und sukzessive ausgebaut. Vielleicht könne man klassische Energieversorger einbinden. Vorstellbar sei etwa, dass die Gasag in Blockheizkraftwerke investiere.

Kostenschätzungen für die Anwohner wird es erst später geben. Die beratenden Firmen wollen dann auch über Förderprogramme für energetische Sanierungen informieren. Davon gebe es so viele, dass „man als Einzelner oft die Übersicht verliert“, hieß es. Einzelfallberatungen seien leider unmöglich, aber es würden Musterlösungen für mehrere Häusertypen gesucht.

Das Haus Eichkamp ist der Treffpunkt für die Beratungen.
Das Haus Eichkamp ist der Treffpunkt für die Beratungen.Foto: Cay Dobberke

In der Versammlung kamen Sorgen vor den Umbauarbeiten zur Sprache. In den Straßen müssten natürlich neue Leitungen verlegt werden, antworteten die Fachleute, doch gebe es dafür relativ schonende Methoden. In den Gebäuden genüge eine neue „Energieübergabestelle“, sofern die Haustechnik bereits auf einem modernen Stand sei. Wie sich Solartechnik mit dem Denkmalschutz vereinbaren ließe, ist hingegen noch offen.

Eine Anwohnerin befürchtete, Kraftwerke könnten das Stadtbild der Siedlungen beeinträchtigen. Nach Auskunft der Experten würden die Strom und Wärme erzeugenden Blockheizkraftwerke höchstens die Größe eines Containers erreichen, in der Regel aber kleiner sein – abhängig von der Zahl der versorgten Haushalte.

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