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Berlin-Charlottenburg : Nachbarschaftshaus am Lietzensee kämpft um Existenz

Das Charlottenburger Stadtteilzentrum gerät finanziell in Schwierigkeiten, weil die Senatssozialverwaltung die Fördergelder ab Juli streicht. Der Trägerverein und einige Nutzer geben aber nicht auf.

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Annette Tafel, Geschäftsführerin des Nachbarschaftshauses am Lietzensee, ist dort fast die einzige bezahlte Mitarbeiterin.
Annette Tafel, Geschäftsführerin des Nachbarschaftshauses am Lietzensee, ist dort fast die einzige bezahlte Mitarbeiterin.Foto: Cay Dobberke

Das Charlottenburger Nachbarschaftshaus am Lietzensee macht den Eindruck einer Erfolgsgeschichte: In der Herbartstraße 25, einer früheren Seniorenfreizeitstätte, gründeten Bürger 1993 den sozialen und kulturellen Treffpunkt.

Heute nutzen monatlich etwa 2300 Menschen die mehr als 80 Angebote – darunter Selbsthilfegruppen, Lebenshilfe- und Rechtsberatung, Tanzkurse für Menschen mit Behinderung, ein Schachklub, Chöre und das „Café Elternzeit“ für Eltern und Kinder. Fast 80 Bürger helfen ehrenamtlich mit.

Hinter den Kulissen übt die Sozialverwaltung Kritik

Doch nun sieht der gemeinnützige Trägerverein das Haus bedroht, denn ab Juli gibt es kein Geld von der Senatssozialverwaltung mehr.

Das Nachbarschaftshaus in der Herbartstraße besteht seit mehr als zwei Jahrzehnten.
Das Nachbarschaftshaus in der Herbartstraße besteht seit mehr als zwei Jahrzehnten.Foto: Cay Dobberke

Mit den Zuschüssen ging es 2005 los, nachdem der Bezirk die Einrichtung formal zum Stadtteilzentrum erklärt hatte. 2014 wurde die jährliche Summe aber schon von 100 000 auf 80 000 Euro gekürzt. Warum die Förderung ganz entfallen soll, sagt die Senatsverwaltung nicht.

Nur inoffiziell hieß es, man sei unzufrieden mit dem Verein und strebe einen Trägerwechsel an. „Wir haben die Vorwürfe längst entkräftet“, sagt die Geschäftsführerin des Nachbarschaftshauses, Annette Tafel. Einer der Kritikpunkte laute, das Haus werde zu wenig genutzt; davon könne keine Rede sein. Vertreter der Behörde seien zwei Mal mittags vorbeigekommen, als sich gerade keine Gruppen trafen.

Auch das Fehlen einer Kindertagesstätte sei bemängelt worden, sagt Tafel. Als das Nachbarschaftshaus entstand, habe es aber schon genügend Kitas in der Nähe gegeben, eine Neugründung sei „nicht mehr möglich“ gewesen. Die Sozialverwaltung wünsche auch Angebote für Flüchtlinge. Dafür gebe es ein Konzept, Bewohner des Flüchtlingsheims an der Soorstraße habe man schon unterstützt.

Wird ein neues interkulturelles Zentrum bevorzugt?

Den wahren Grund sehen Annette Tafel und der Vizechef der bezirklichen CDU-Fraktion, Karsten Sell, in anderen Projekten. So plant der Verein „Divan“, zu dessen Gründern die Berliner SPD-Abgeordnete Ülker Radziwill gehört, ein „Interkulturelles Nachbarschaftszentrum“ an der Nehringstraße nahe dem Klausenerplatz. Dafür stellt der Senat 80 000 Euro pro Jahr in Aussicht, also denselben Betrag wie für das Haus am Lietzensee. Laut Annette Tafel wollte „Divan“ ursprünglich dort einziehen.

Außerdem strebt der Bezirk ein weiteres Stadtteilzentrum am Halemweg in Charlottenburg-Nord an, wo es viele soziale Probleme gibt.

„Das Geld wird umverteilt“, sagte der Vize-Vorsitzende des Trägervereins, Mario Georgi, am Mittwochabend bei einer Hausversammlung mit rund 30 Teilnehmern.

Zu den zahlreichen Nutzern der Räume gehören ein Frauenchor....
Zu den zahlreichen Nutzern der Räume gehören ein Frauenchor....Foto: Cay Dobberke
...und der Schachclub „Weiße Dame“ mit rund 130 Mitgliedern.
...und der Schachclub „Weiße Dame“ mit rund 130 Mitgliedern.Foto: promo

Der Mietvertrag gilt weiter

Noch ist das Haus am Lietzensee nicht verloren. Das Gebäude gehört dem Bezirk, und Sozialstadtrat Carsten Engelmann (CDU) will den Vertrag nicht kündigen, solange die Miete gezahlt wird. Laut Annette Tafel ist ein Sponsor in Sicht, zudem könne man einzelne Räume anderen Mietern überlassen. Denkbar sei etwa eine Mitnutzung durch die Volkshochschule.

Angeregt wurde in der Versammlung auch eine leichte Erhöhung der Kostenbeiträge, die für manche Angebote verlangt werden. Bisher bringt das jährlich etwa 40 000 Euro ein.

Außerdem hat der Trägerverein gegen die bisherige Kürzung der Fördergelder geklagt und erwägt weitere rechtliche Schritte. Stammbesucher forderten medienwirksame Proteste.

Beim Personal muss man weiter sparen: Bald werden die Geschäftsführerin und ein Minijobber die einzigen bezahlten Kräfte sein. Ein Haustechniker verliert im Sommer seinen Job.

BVV-Ausschuss lehnt Einwohnerantrag ab

Mehr als 1300 Bürger haben einen Einwohnerantrag an die Bezirksverordnetenversammlung unterzeichnet, damit der Bezirk beim Senat für die weitere Förderung wirbt.

Der BVV-Sozialausschuss hat den Einwohnerantrag am Freitag einstimmig abgelehnt, obwohl Karsten Sell am Mittwoch die Unterstützung der CDU signalisiert hatte. Nun aber waren sich die Politiker einig darin, dass eine Umsetzung der Forderung für den Bezirk „rechtlich nicht machbar“ sei. Die anwesenden Vertreter des Nachbarschaftshauses konnten die Begründung nicht nachvollziehen: Es sei doch nur um ein „Signal der Unterstützung“ gegenüber der Senatssozialverwaltung gegangen.

Auch für Kinder und Eltern gibt es einige Angebote – vom Puppentheater bis zum „Café Elternzeit “.
Auch für Kinder und Eltern gibt es einige Angebote – vom Puppentheater bis zum „Café Elternzeit “.Foto: promo

Stattdessen traten CDU und SPD einem Antrag der Grünen bei, der das Bezirksamt auffordert, zusammen mit der BVV ein neues Konzept zu entwickeln und ein Interessenbekundungsverfahren zu starten, „sollte ein neuer Betreiber gefunden werden müssen“.

Auch Sozialstadtrat Engelmann sprach sich für ein Interessenbekundungsverfahren aus, in dem der jetzige Trägerverein zeigen solle, wie es ohne die Zuschüsse weitergehen kann. Annette Tafel forderte, die jetzigen Betreiber an erster Stelle zu behandeln. Zu den noch nicht im Detail bekannten Vorwürfen der Senatsverwaltung bereitet sie gerade ein weiteres Widerspruchsschreiben vor.

Der Artikel erscheint auf dem Ku'damm-Blog, dem Online-Magazin für die westliche Innenstadt.

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