Berlin-Charlottenburg : Straftäter können malen statt zahlen

Mit krimineller Energie werden Schulen renoviert: Straftäter streichen Wände und erneuern Toiletten in der westlichen Innenstadt und ersparen sich so die mögliche Haft.

Jana Kugoth
Danke, danke. Die Männer malerten lieber, als ihre Tagessätze in der Haft abzusitzen. Die Schule freut’s.
Danke, danke. Die Männer malerten lieber, als ihre Tagessätze in der Haft abzusitzen. Die Schule freut’s.Foto: Thilo Rückeis

Es war ein verlockendes Angebot für Alexander Ruge. Der 29-Jährige war beim Schwarzfahren erwischt worden. Mehrmals. Das Gericht verurteilte ihn zu einer Geldstrafe. Geld aber hatte Ruge nicht. Anstatt zu zahlen oder gar hinter Gitter zu wandern, griff er zum Pinsel. Als einer von insgesamt 52 Verurteilten renovierte er anderthalb Jahre lang die Schule am Schloss in Charlottenburg. Ruge hatte von einem Freund von dem Programm „Schwitzen statt Sitzen“ erfahren, der auch daran teilgenommen hatte.

Berlin und der Bezirk profitieren

Seit 13 Jahren gibt es das Programm mit dem offiziellen Titel „Arbeit statt Strafe“ im Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf. Der Verein Straf- und Bewährungshilfe Berlin e. V. hat es initiiert. Stadträtin Elfi Jantzen ist von dem Projekt überzeugt. Sie ist sich sicher, dass alle gewinnen – Bezirk, Schule und Straftäter. Denn wenn die Betroffenen das Geld für ihre Strafe nicht aufbringen können, müssen sie ersatzweise zur Haft antreten. Mit „Schwitzen statt Sitzen“ spart Berlin die Kosten für den unfreiwilligen Aufenthalt hinter Gittern. Das sind 361 965,97 Euro, so viel nämlich hätte es gekostet, die 52 Verurteilten für insgesamt 2419 Tage zu inhaftieren. Stattdessen wurden 2419 Tagessätze in der Schule am Schloss abgearbeitet und so alte Toiletten erneuert und Wänden renoviert. „Und ich habe viel gelernt“, freut sich Ruge. „Besser als das, was mir sonst geblüht hätte.“

40 Schulen in der City West wurden schon renoviert

Charlottenburg-Wilmersdorf rückt seinen maroden Schulen also quasi mit krimineller Energie zu Leibe – und ist damit Vorreiter in Berlin. Seit 2011 haben hier Straftäter 40 Schulen renoviert. In der Schule am Schloss bekamen 50 Räume einen neuen Anstrich, 1,7 Kilometer Fußleisten, 139 Türen und 181 Heizkörper wurden neu lackiert.

Am Donnerstag feierten die Schüler und Lehrer der Sekundarschule den Abschluss der Renovierungsarbeiten. Auch Justizsenator Thomas Heilmann (CDU) war gekommen. Er wies darauf hin, dass die Projektteilnehmer wesentlich seltener rückfällig würden als bei anderen Strafmaßnahmen. Die Mädchen und Jungen der Sekundarschule bedankten sich auf ihre eigene Art für die getane Arbeit. Sie liehen sich Melodie und Titel vom Berliner Sänger Peter Fox und sangen: „Alles glänzt so schön neu! Wir sagen Danke für die vielen Arbeitsstunden. Die Schule hat durch sie den Glanz vom Schloss gefunden.“

- Der Artikel erscheint auf dem Ku'damm-Blog, dem Online-Magazin für die westliche Innenstadt. Möchten Sie Themen anregen oder haben Sie Fragen? Senden Sie eine Mail an kudamm@tagesspiegel.de.

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