Berliner Obdachlosenhilfe : 200 000 Kilometer mit dem Kältebus

Seit 20 Jahren sind Ehrenamtliche im Kältebus der Stadtmission auf Tour, der seine Wurzeln in der „City-Station“ nahe dem Ku'damm hat. Die Helfer haben Tee und Decken an Bord – und schon manches Leben gerettet.

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Es begann in der City West. Auf diesem Archivbild kümmert sich Antje Müller, ehrenamtliche Helferin der Kältehilfe, um einen älteren Herrn am Richard-Wagner-Platz.
Es begann in der City West. Auf diesem Archivbild kümmert sich Antje Müller, ehrenamtliche Helferin der Kältehilfe, um einen...Foto: David Heerde

„Heute komme ich mit euch mit. Ich darf hier nicht einschlafen, sonst wache ich morgen nicht mehr auf.“ Das sagt Ingo, 58 Jahre alt. Er zittert, obwohl er in Decken eingewickelt ist. Sein Zuhause ist eine alte Parkbank in einem verlassenen Gelände hinter einem Gewerbegebiet – sein Versteck in Berlin. Die ehrenamtlichen Mitarbeiter des Kältebusses wissen aber, wo sein Schlafzimmer liegt. Wenn es nachts kalt wird, fährt Ingo gern mit zur Kälte-Notübernachtung der Berliner Stadtmission in der Nähe vom Hauptbahnhof.

Reaktion auf einen Todesfall

Viele Menschen wie Ingo überleben im Winter, weil es den Kältebus der Berliner Stadtmission gibt. Vor genau 20 Jahren startete diese den Betreuungsservice für Obdachlose. Los ging es mit einem privaten VW-Bus in der „City-Station“ nahe dem Kurfürstendamm. 1994 war ein Obdachloser in Berlin erfroren, das war der Anlass. 1995 spendeten die Tagesspiegel-Leser 26 000 DM über die Weihnachtsaktion der Zeitung und ermöglichten den Kauf des ersten Kältebusses.

Tagesspiegel-Leser spendeten für den Bus

Acht Jahre später konnte über „Menschen helfen!“ der Nachfolgebus angeschafft werden, die Leser spendeten 17 000 Euro. Mit dem Bus fahren die Ehrenamtlichen vom 1. November bis zum 31. März auch nachts die Berliner Straßen ab.

Schick mit Schleife. 1995 freuten Gunnar Fiedler und Karen Holzinger vor der City-Station nahe dem Ku'damm über den ersten von Tagesspiegel-Lesern finanzierten Kältebus.
Schick mit Schleife. 1995 freuten Gunnar Fiedler und Karen Holzinger vor der City-Station nahe dem Ku'damm über den ersten von...Foto: Mike Wolff

In den 20 Jahren lenkten zehn Männer und sechs Frauen hauptverantwortlich den Bus. Die geschulten Mitarbeiter „schauen immer genau hin“, sagt Stadtmissions-Sprecherin Ortrud Wohlwend. Sie prüfen: Ist der Mensch auf der Straße wie Ingo ansprechbar? Reagiert er kontrolliert? Sind genug warme Decken vorhanden? Wenn alles zutrifft, fährt der Bus ohne ihn ab. Kein Mensch darf gegen seinen Willen in eine der Einrichtungen der Kältehilfe transportiert werden. Meist schaut das Team aber später noch einmal nach. Und in eisigen Winternächten steigen die Menschen gern ein. Das Deutsche Rote Kreuz hat einen weiteren „Wärmebus“.

Mehr Obdachlose und Arme als bisher bekannt

In der vergangenen Saison hat die Stadtmission mehr als 2300 Menschen in der Kältehilfe betreut und 30 800 Übernachtungen gezählt. Da sie rund 42 Prozent aller Berliner Notübernachtungsangebote stellt, muss die Zahl der betreuten Obdachlosen, der Armen und osteuropäischen Reisenden bei mehr als 5000 liegen – weit mehr als zuletzt geschätzt.

In diesem Winter werden zudem viele Flüchtlinge darauf angewiesen sein, dass ihnen die Kältehilfe ein Dach überm Kopf, Feldbetten und eine Suppe zur Verfügung stellt. Träger ist die gemeinnützige Gesellschaft Gebewo. Sie koordiniert die Hilfe mit den Kirchen, freien Trägern und großen Wohlfahrtsverbänden.

Rund 73 000 Übernachtungen in der letzten Wíntersaison

Im Januar 2012 machten 31 Projekte bei der Kältehilfe mit: 16 Notübernachtungen mit täglicher Öffnung und 15 Nachtcafés mit Öffnung nur an bestimmten Wochentagen; 2013/14 wurden in ganz Berlin 72 938 Übernachtungen gezählt.

Fotoaktion für den Kältebus
Bei Temperaturen gegen 0 Grad lassen sich Berliner mit der Nummer des Kältebusses fotografieren.Alle Bilder anzeigen
1 von 7Foto: Daniel Koller
10.12.2012 11:09Bei Temperaturen gegen 0 Grad lassen sich Berliner mit der Nummer des Kältebusses fotografieren.

Menschen wie Ingo suchen bei Schnee und Eis Wärme. Ingos Unglück begann, als seine Frau starb. Er zog sich zurück und trauerte, er verlor Freunde, die Arbeit und dann auch die Wohnung. 14 Jahre lebe Ingo schon auf der Straße, sagt Ortrud Wohlwend. Tagsüber sammelt er Flaschen. Sein Hab und Gut hat er in drei Tüten verpackt und lagert es um die Parkbank herum. Morgens richtet er alles sorgfältig her. Mit einer kleinen Friedhofsharke kämmt der Mann die Erde rundum. Sein Zuhause soll bei niemandem Anstoß erregen, er will unentdeckt bleiben. Wenn er die Bank tagsüber verlässt, kriecht Angst in ihm hoch, dass ein anderer sie besetzt.

Helfer und Bedürftige kennen sich oft längst

Die Kältebus-Mitarbeiter Karen und Micha kennen Ingo schon viele Winter lang, wie auch viele andere Bedürftige. Die Helfer fahren gezielt zu ihnen oder zu anderen Menschen in Not, die den Berlinern aufgefallen sind. Pro Einsatzabend kommen laut Wohlwend im Schnitt elf Anrufe von Bürgern, die hilflose Obdachlose melden. Und dann spielt sie scherzhaft auf den Maserati-Skandal beim früheren Chef der Treberhilfe an: „Bei der Stadtmission ist das teuerste Auto einer unserer zwei Kältebusse. Der eine ist ein VW und der andere ein Mercedes.“

Von der Strecke her wurde die Erde fast fünfmal umrundet

Das Team ist jährlich an etwa 151 Tagen im Einsatz, das sind rund 900 Stunden. Es hat so in den vorigen 20 Jahren die Einwohner einer Kleinstadt vor Erfrierungen oder gar dem Tod bewahrt. Das Auto umrundete fast fünfmal die Erde gemessen am Äquator und war fast 200 000 Kilometer unterwegs. Prominentester Kältebus-Beifahrer war vorigen Winter Außenminister Frank-Walter Steinmeier. Er fungiert am Sonnabend als Schirmherr der Jubiläumsfeier.

Die City-Station bietet Speisen für wenig Geld, Beratung und Seelsorge

Obdachlose wie Ingo gehen abends gern in die „City-Station“, das Restaurant mit Beratung und Seelsorge der Stadtmission an der Joachim-Friedrich-Straße, ein Altbau im gehobenen Wilmersdorfer Wohnviertel. 50 Cent kostet die Suppe, ein kleiner Salat 30 Cent, das warme Gedeck zwei Euro. Frisch gebackenen Kuchen und Nachtisch gibt’s für je 60 Cent.

Jeder Gast wird per Handschlag begrüßt. Wer tagsüber unsichtbar sein will, genießt es hier, erkannt zu werden.

Wer Obdachlose in Not sieht, kann ab 1.11. die Kältebusse der Stadtmission anrufen: 0178 523 58 38 (21–3 Uhr) oder den DRK-Wärmebus (18–24 Uhr) unter 0170 910 00 42.
Über die Angebote der Kältehilfe informiert die Koordinierungsstelle unter Tel. 81 05 60 425 (ab 1.11. tägl. 19–23 Uhr). E-Mail: kaeltehilfe-berlin@gebewo.de.
Wer „kalt“ per Handy-SMS an die 81190 sendet, spendet fünf Euro an die Stadtmission.

- Der Artikel erscheint auf dem Ku'damm-Blog, dem Online-Magazin für die westliche Innenstadt.


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