Berliner Wurzeln : Keine ganz normale Familie: Die Wölffers, Theaterclan vom Ku'damm

Die Wölffers bringen in der dritten Generation Theaterdirektoren hervor. Ihre Bühnen am Ku’damm – sie brachten der Stadt Glanz, politische Relevanz und Amüsement.

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Theaterdirektor Martin Woelffer mit seinem Vater Jürgen
Alles eins, alles anders. Seit zehn Jahren heißt der Chef Martin Woelffer, der den Posten seines Vaters Jürgen und auch das "ö" im...Foto: Thilo Rückeis

Rita Steinbach ist auch da. 38 Jahre lang Sekretärin am Theater am Kurfürstendamm. Jetzt befreundet mit der ehemaligen Frau Direktor. „Die löst mein Haus auf, wenn ich einmal tot bin“, sagt Ingeborg Wölffer. Denn warum soll man immer sagen „von uns gegangen“ oder sonst etwas Verniedlichendes, wenn man doch das Sterben meint?

Ingeborg Wölffer wandert in die Küche, zerteilt alle Kuchenstücke in drei Teile, tritt durch einen riesigen Wandschrank wie in einem Theatertrick direkt hinüber in das Wohnzimmer mit dem Flügel und der Aussicht auf den Pflaumenbaum und behauptet steif und fest, 85 Jahre alt zu sein.

In diesem Alter könne man getrost die letzten Dinge in Angriff nehmen. Jetzt ist sie dabei, zu sortieren: die Familie, das Theater, die Premierenkleider, die Fotos und Tagebücher. Kommen Sie mit, sagt Wölffer, und lupft ein Chanel-Kleid aus den 60ern aus dem Schrank, säuberlich eingeschlagen in Folie. Daneben knistert ein strassbesetztes Seidenkleid, Couture-Schnitt, perfekter Zustand, ein Schild mit „Museum“ daran.

Theatermenschen haben einen erweiterten Familienbegriff

Theatermenschen haben einen erweiterten Familienbegriff. Und sie hätten immer „ungeheure“  Sekretärinnen gehabt im Theater, die erst Freunde und dann Teil der Familie geworden sind. Erst die Bröse, dann die Grothe und hier in Dahlem sitzt nun auf dem graublauen Sofa, in dem schon Lee Strasberg und Ingrid Bergmann versunken sind, die Steinbach.

Ingeborg Wölffer, neben ihr, ist die Witwe von Hans Wölffer, jenem Theaterdirektor, der 1933 bis 1942 und dann wieder nach dem Krieg Theater und Komödie am Ku’damm übernahm, die erste Generation von inzwischen dreien. Hans, der feine „Herr“ mit großer Nase, „meinem Riecher für Erfolg“. Dann kam Jürgen, der Schauspieler, der zur Not Harald Juhnke ersetzen konnte. Seit zehn Jahren führt das Haus Martin Woelffer, der das Programm verjüngte. Und weil jeder von ihnen zwar Teil der Familie, aber doch auch er selbst ist, führte jeder eigentlich ein ganz anderes Theater in einem ganz anderen Berlin.

Jede Generation hat ihre Zeit. Die von Ingeborg Wölffer hat geschillert, seit sie 1949 während einer Theatertournee zum ersten Mal Schlagsahne aß. „Wir waren ja arm“, sagt Wölffer.

„Ja, aber alle waren arm“, sagt Rita Steinbach. „Und es ging immer nur aufwärts.“

„Das stimmt“, sagt Wölffer. So habe sich der glanzvolle Aufstieg für alle ganz natürlich angefühlt. Sie fingert ein Foto aus einem Rahmen: Dort steht sie neben dem US-General Lucius Clay bei der Premiere von „My Fair Lady“,  25. Oktober 1961. Es sei das erste Mal gewesen, dass alle vier Stadtkommandanten zusammentrafen, „das größte gesellschaftliche Ereignis nach dem Krieg“. Das Theater hatte politische Relevanz und das Kleid, das sie damals trug, ist schon in der Theatersammlung der Stiftung Stadtmuseum.

Die Frau Direktor war modisch auf der Höhe

Die Frau Direktor war modisch auf der Höhe, politisch am Puls, eine Zeitung titelte „Die eleganteste Frau Berlins“. 1962 war sie die Tischdame von Thornton Wilder, das schrieb sie mit blauer Tinte in ihr Tagebuch. Bei der Eröffnung der Russischen Botschaft unter den Linden hatten die Kaviarschüsseln 50 Zentimeter Durchmesser. Als die Herren später mit feuchten Anzügen das Haus verließen, suppte aus ihren Sakkotaschen der Kaviar.

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