Debatte um Hochhaus am Bahnhof Zoo : Architektur in Berlin: Posemuckel lebt

Der Vorschlag für ein weiteres Hochhaus am Hardenbergplatz findet wenig positive Resonanz – die Stadt hat anscheinend zunehmend ein Problem mit architektonischen Grenzüberschreitungen, meint unser Autor.

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Riese mit vertikalen Gärten. Der Hochhausentwurf zeigt viele begrünte Terrassen.
Riese mit vertikalen Gärten. Der Hochhausentwurf zeigt viele begrünte Terrassen.Simulation: promo

Wer Visionen haben will, sollte zum Architekten gehen. Sogar für Berlin wird er dort ein paar fulminante Entwürfe erhalten, große, zukunftsträchtige Ideen, die von den verantwortlichen Bedenkenträger dann nach und nach auf null gebracht werden. Vor allem das Hochhaus – definiert als zumindest erkennbar oberhalb der Berliner Traufhöhe endend – ist immer noch ein Problemfall. Es wird offenbar stellvertretend für seine weltweit verrufenen Bewohner geprügelt, die Investmentbanker und Hedgefondsmanager, die ihre Teufeleien ungern unterhalb des 40. Stockwerks austüfteln.

Seelenlose Bankenarchitektur!

Entsprechend schmallippig reagierten die theoretisch zuständigen Instanzen deshalb auf den eigensinnigen Vorstoß der AG City, die sich vom Architekten Christoph Langhof einen 209 Meter hohen Wolkenkratzer für den Hardenbergplatz zeichnen ließ. „Anregender Vorstoß“ hätte man ohne jegliches Präjudiz sagen können, oder „gut, dass die AG City eigene Impulse setzen möchte“. Statt dessen kam das Übliche: „Kein historischer Bezug“, mault der Baustadtrat, bei Bausenator Müller sind sie verärgert und die Senatskanzlei will gar nicht kommentieren. Da könnte ja jeder kommen. Und schnell machten sich auch Kritiker bemerkbar, die um die Besonnung der empfindlichen Zoo-Elefanten fürchteten.

Karl-Marx-Allee und Hansaplatz sollen Weltkulturerbe werden
Die Karl-Marx-Allee soll zum Weltkulturerbe erklärt werden. So wünscht es sich zumindest eine Bürgerinitiative mit prominenter Unterstützung.Alle Bilder anzeigen
1 von 7Foto: dapd
07.07.2012 14:41Die Karl-Marx-Allee soll zum Weltkulturerbe erklärt werden. So wünscht es sich zumindest eine Bürgerinitiative mit prominenter...

Immerhin ist die West-City ja grad dabei, sich so etwas wie eine Skyline zuzulegen. Der Upper-West-Neubau wird bald zusammen mit dem Waldorf-Astoria die Berliner Twin Towers darstellen. Und auch das von Kleihues entworfene KapHag-Haus am Kantdreieck, das einst auf Betreiben der Baustadträtin vom eleganten Blickfang zum untersetzten Vollpfosten gestutzt wurde, könnte wieder wachsen. Immerhin wird über eine Aufstockung auf die ursprünglich geplante Höhe ernsthaft diskutiert, das allerdings auch schon seit 2008 – mögliche Investoren warten offenbar immer noch entspannt ab, was hier geht und was nicht.

Spektakulär klar
Seit 1958 ein architektonischer Meilenstein in Berlin: Das Le-Corbusier-Haus in der Flatowallee in Charlottenburg.Weitere Bilder anzeigen
1 von 14Foto: Thilo Rückeis
05.03.2011 18:06Seit 1958 ein architektonischer Meilenstein in Berlin: Das Le-Corbusier-Haus in der Flatowallee in Charlottenburg.

Corbusier-Haus, Hansaviertel, Karl-Marx-Allee

Berlin war schon mal offener für visionäre Architektur. Mitten im Grünen einen weithin sichtbaren Wohnblock aufrichten, der dem Vogelzug im Weg steht, Schatten auf wertvolle Biotope wirft und die Durchlüftung der Stadt gefährdet? Auf solche Ideen kam einfach niemand, als 1957 das Corbusier-Haus gebaut wurde. Und auch das Hansaviertel kam zur richtigen Zeit und zeigte zukunftsweisenden Wohnungsbau, ohne dass gravierende Einwände laut wurden.

In Ost-Berlin entstand in dieser Zeit, selbstverständlich undebattiert, die Stalinallee, wuchtige Zuckerbäckerei mit eingebautem Machtanspruch – heute als Unikat einer untergegangenen Epoche geschützt und akzeptiert. Allerdings griff später im Westteil auch niemand ein, als die brachialen Sozialwohnungsbauten am Mehringplatz oder Kottbusser Tor geplant wurden, denn Wohnungsbau genoss absoluten Vorrang und wurde so hoch subventioniert, dass sogar ein leicht irres Projekt wie die Schmargendorfer Autobahnüberbauung realisiert wurde.

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