Die streitbare Grunewalder Pastorin ist tot : Helga Frisch kannte am Ku'damm alles und jeden

So viel wie Helga Frisch wusste fast niemand über den Kurfürstendamm und die Menschen in der City West. Nun ist die ehemalige Pastorin im Alter von 80 Jahren gestorben.

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Kämpferisch und kenntnisreich: Pastorin Helga Frisch.
Kämpferisch und kenntnisreich: Pastorin Helga Frisch.Foto: Mike Wolff

Von der früheren Pastorin der evangelischen Grunewald-Gemeinde stammen mehrere Bücher über den Boulevard, zuletzt hatte sie vor drei Jahren 31 Berliner über ihr Leben dort interviewt – von Friseur Udo Walz und Alt-Playboy Rolf Eden bis zu Angestellten in Cafés und Hotels. Bekannt wurde Helga Frisch als Kämpferin gegen hohe Telefongebühren und für den Fernbahnverkehr am Zoo.

„Abenteuer Kurfürstendamm“

Wie soeben bekannt wurde, ist sie bereits am 22. Oktober verstorben. „Mit ihren Anstößen hat sie unserer Kirche gut getan und weit darüber hinaus als kritischer Geist gewirkt“, schreiben Vertreter der Gemeinde und des Kirchenkreises in der Traueranzeige. Frisch war 26 Jahre lang Pastorin. Von ihrem Zweitstudium in Geschichte geprägt, brachte sie 2007 ihr erstes Buch über den Boulevard mit dem Titel „Abenteuer Kurfürstendamm“ heraus. Nicht nur der britische Journalist Roger Boyens stellte damals nach einer Lesung überrascht fest, erst durch Helga Frisch habe er den Ku’damm wirklich zu schätzen gelernt.

Hunderttausende Unterschriften brachten die Post zum Einlenken

Erste Schlagzeilen machte die streitbare Pastorin 1975 mit einer Kampagne gegen einen Vier-Minuten-Gebührentakt bei telefonischen Ortsgesprächen. Leidtragende seien kranke und behinderte Menschen, für die das Telefon unverzichtbar sei, warf sie der Post vor. Allein in Berlin wurden 150 000 Protestunterschriften gesammelt und 450 000 im übrigen Bundesgebiet. Mit Erfolg: Die Post verlängerte den Zeittakt und verzichtete in Berlin bis 1992 ganz darauf. 1996 startete Helga Frisch eine neue Aktion gegen die Tarifpolitik der Telekom, diesmal kamen 750 000 Unterschriften zusammen.

Kein Erfolg bei Bahnchef Mehdorn

Außerdem wandte sich die Pastorin gegen die Vertreibung von Grunewalder Anwohnern durch hohe Mieten. 1993 schrieb sie ein provokantes Buch über die wilde Ehe, für die sie den kirchlichen Segen forderte. Und als die Deutsche Bahn ab 2006 keine ICE-Züge mehr am Zoo halten ließ, gründete Frisch eine Bürgerinitiative dagegen.

Zusammen mit dem Bezirksamt sammelte die Initiative mehr als 140 000 Unterschriften für den Fernbahnverkehr und organisierte zwei Menschenketten um den Bahnhof – doch der damalige Bahnchef Hartmut Mehdorn blieb unbeeindruckt. Kurz darauf rief Frisch den „Verein unzufriedener Bahnkunden“ ins Leben und prangerte weitere Ärgernisse im Bahnverkehr an.

Wichtig war der Pastorin auch das Gedenken an die Judenverfolgung in der NS-Zeit. So unterstützte sie 2008 die Aktion „Zug der Erinnerung“ und beteiligte sich 2013 an einer Lesung nahe dem Mahnmal Gleis 17 am Bahnhof Grunewald.

Die Trauerfeier für Helga Frisch beginnt am 14. November um 10 Uhr in der Grunewaldkirche, Bismarckallee 28b. Die Beisetzung folgt ab 12 Uhr auf dem Waldfriedhof Dahlem am Hüttenweg.

- Der Artikel erscheint auf dem Ku'damm-Blog, dem Online-Magazin für die westliche Innenstadt.

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