Ermittlungen gegen "Artemis" : Bordell-Bosse kritisieren Staatsanwälte

Artemis-Anwälte sehen in Äußerungen der Ermittler eine Vorverurteilung und verlangen Unterlassungserklärung.

von
Polizei, Staatsanwaltschaft, Steuerfahndung und Zoll durchsuchten am 13. April das Berliner Groß-Bordell "Artemis".
Polizei, Staatsanwaltschaft, Steuerfahndung und Zoll durchsuchten am 13. April das Berliner Groß-Bordell "Artemis".Foto: Paul Zinken/dpa

900 Beamte von Zoll, Polizei und Steuerfahndung waren Mitte April bei einer Großrazzia im Großbordell "Artemis" an der Halenseestraße im Einsatz. Kurz danach sprach die Staatsanwaltschaft von Vorwürfen zu organisierter Kriminalität, Ausbeutung und Gewaltanwendung. Der damalige Oberstaatsanwalt Andreas Behm zog einen Vergleich mit dem Chicagoer Gangster Al Capone. Nun geht der Berliner Rechtsanwalt Ben M. Irle im Auftrag der beiden in Untersuchungshaft sitzenden Betreiber, der Brüder Ismail Hakki und Kenan S., juristisch dagegen vor. Er forderte in einem Abmahnschreiben an die Staatsanwaltschaft, das dem Tagesspiegel vorliegt, eine strafbewehrte Unterlassungserklärung. „Die Staatsanwaltschaft hat Äußerungen getätigt, die man selbst bei großzügiger Bewertung als glatt vorverurteilend bewerten darf“, sagte Irle dem Tagesspiegel.

Der Haftbefehl gegenüber den Brüdern S. beziehe sich „im Wesentlichen auf die Vorhaltung von Sozialversicherungsbeiträgen. Obgleich die Ermittlungen noch nicht abgeschlossen sind und nicht einmal Anklage erhoben wurde, geht die Staatsanwaltschaft bereits davon aus, ihr sei ein Schlag gegen die Organisierte Kriminalität gelungen“, sagte Irle. Die Brüder S. sitzen wegen des Verdachts des Menschenhandels, der Steuerhinterziehung und des Sozialversicherungsbetrugs in Untersuchungshaft. Auch vier „Hausdamen“ wurden verhaftet.

„Mehr als 40 Kontrollen mit 1000 überprüften Frauen“

Die Beamten hatten in Berlin Bargeld und Sachwerte in Höhe von 6,4 Millionen Euro sichergestellt und gehen davon aus, dass die Prostituierten als Scheinselbstständige beschäftigt wurden. Die Ermittler schätzen den Schaden der Sozialkassen seit Eröffnung des Artemis im Fußball-WM-Sommer 2006 auf mindestens 17,5 Millionen Euro. Unternehmensrechtler Silvin Bruns, der die Brüder S. ebenfalls vertritt, hält dagegen, es habe seit 2006 „mehr als 40 Kontrollen mit 1000 überprüften Frauen“ gegeben, „die sämtlich ohne Beanstandungen blieben“.

Am Freitag lief die Frist zur Unterlassungserklärung ab. Diese hat die Staatsanwaltschaft nicht abgegeben. Irle kündigte weitere juristische Schritte an. Martin Steltner, Sprecher der Staatsanwaltschaft, äußerte sich mit Verweis auf „laufende verwaltungsgerichtliche Auseinandersetzungen“ dazu nicht.

Im Artemis arbeiten bis zu 100 Prostituierte. Die Betreiber sollen Kontakte zu einschlägig bekannten Hells Angels gehabt haben. Offenbar sollen im Artemis auch Frauen aus dem Umfeld der Hells Angels gearbeitet haben – laut Aussage eines Staatsanwaltes „nicht immer freiwillig“. Das Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf prüft gewerberechtlich die Schließung des Bordells.

33 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben