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Osram-Werk in Berlin-Charlottenburg : Mieterhöhung zwingt Kreative zum Auszug

Wegen eines Streits mit dem Vermieter GSG schließen Ende Juni die Filmschauspielschule Berlin und weitere Kreativbetriebe an der Helmholtzstraße. Nach einem Ersatzstandort wird noch gesucht.

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Müller auf dem Miethai. Mit dieser Skulptur liefen Vertreter der Filmschauspielschule Berlin beim Karneval der Kulturen mit (2.v.r.: Geschäftsführer Norbert Ghafouri).
Müller auf dem Miethai. Mit dieser Skulptur liefen Vertreter der Filmschauspielschule Berlin beim Karneval der Kulturen mit...Foto: Cay Dobberke

Beim Karneval der Kulturen am Sonntag hat erstmals die „Filmschauspielschule Berlin“ aus Charlottenburg mitgemacht – allerdings überwiegend nicht zum Spaß. Schauspielschüler zeigten Performances, aber auch eine Protest-Plastik: „Spekulanten zerstören die Stadtkultur“ steht auf dem Körper eines Hais, der einen Mann frisst, der das Schild „Kunst & Kultur“ in Händen hält. Auf dem Hai sitzt der Regierende Bürgermeister und Kultursenator Michael Müller (SPD).

Die Miethai-Skulptur für die bedrohte Schauspielschule stammt vom Düsseldorfer Karnevalswagen-Künstler Jacques Tilly. Vor elf Jahren hatte der Schauspieler und Regisseur Norbert Ghafouri seine Ausbildungsstätte im Gewerbehof an der Helmholtzstraße 2-9, dem einstigen Osram-Glühlampenwerk, gegründet. Doch Ende Juni muss die Schule nach einem Streit um Mieterhöhungen der Gewerbesiedlungs-Gesellschaft (GSG) ausziehen.

Insgesamt wurden bisher rund 200 Film- und Theaterschauspieler ausgebildet. Aktuell gibt es 30 Schüler aus dem In- und Ausland, drei Angestellte und mehr als 20 freiberufliche Dozenten.

Aus für das Kieztheater in den Schulräumen

Das hauseigene Theater „BlackBoxx“ mit 60 Plätzen schließt ebenfalls. Seit 2014 hatten Absolventen der Schule sowie andere junge Künstler und freie Ensembles darin ihre Inszenierungen gezeigt. Die Aufführungen bei freiem Eintritt hätten beispielsweise viele Senioren aus dem Charlottenburger Kiez angelockt, sagt Ghafouri.

Ihre Räume verlieren außerdem der Kultur-Förderverein „Spielpaten“ und der „Verband deutschsprachiger privater Schauspielschulen“, die beide auf Ghafouris Initiative hin entstanden sind, sowie seine Weiterbildungs-Akademie „Coaching Company“ und die vom ihm geführte „C2 Film- und Mediaproduktion“. Darüber hinaus ist Cornelia Freitag mit ihrer Künstlervermittlung „Agentur Seven“ als Untermieterin betroffen.

In den vorigen Tagen fanden Protestdemos vor dem Gewerbehof statt. Nach Auskunft der beiden Kulturunternehmer beteiligten sich auch Nachbarbetriebe aus dem Gewerbehof, deren Miete erhöht werden solle.

Die geplante Mietsteigerung „können wir nicht stemmen“

Derzeit zahlt Ghafouri 6636 Euro als Bruttowarmmiete für 630 Quadratmeter. Ab Juli hätte die Summe jedoch 8126 Euro betragen, sagt er, und die GSG habe weitere Erhöhungen bis zu 8880 Euro im Jahr 2019 angekündigt. „Das können wir nicht stemmen.“ Seit Mitte 2015 seien Verhandlungen „fruchtlos geblieben“.

Bald fällt der letzte Vorhang. Absolventen und Lehrer der Filmschauspielschule im hauseigenen Theater „BlackBoxx“.
Bald fällt der letzte Vorhang. Absolventen und Lehrer der Filmschauspielschule im hauseigenen Theater „BlackBoxx“.Foto: Cay Dobberke

GSG wurde vom Senat privatisiert

Die GSG betreibt 45 Gewerbehöfe in der Stadt. Das Unternehmen war 1965 vom Land Berlin, der IHK und der Handwerkskammer gegründet worden, um mittelständischen Betrieben preisgünstige Produktionsflächen anzubieten. 2007 wurde die GSG an die Firma Orco verkauft, schon damals befürchteten Mittelständler hohe Mietsteigerungen. Heute gehört die GSG der CPI, einer Investmentgesellschaft des tschechischen Milliardärs Radovan Vitek. Ghafouri und Freitag glauben, es gehe nur noch um eine hohe Rendite.

Geschäftsführer weist die Kritik zurück

Dem widerspricht der kaufmännische Geschäftsführer der GSG, Oliver Schlink: „Wir sind ein sozialer Vermieter“, sagte er dem Tagesspiegel. Das Unternehmensziel bleibe die „Vermietung an kleine mittelständische Betriebe“, die Miethöhen „tarieren wir vernünftig aus“.

Für Ghafouri habe bis 2011 eine feste Miete gegolten, weil die Instandsetzung seiner Räume zuvor mit öffentlichen Subventionen gefördert worden sei. Im April 2015 habe man dem Mieter mitgeteilt, dass der bald auslaufende Vertrag um drei Jahre verlängert werden solle, verbunden mit einer Anhebung der Nettokaltmiete von 6,22 auf 7,15 Euro pro Quadratmeter. In der guten Lage in Charlottenburg sei das nicht viel: „Die Markmiete ist eine ganz andere.“ Das könne jeder über Internetportale für Gewerbeimmobilien nachprüfen. Beispielsweise verlange ein anderer Vermieter rund 14 bis 15 Euro am nahen Salzufer, Ecke Franklinstraße.

Eskalation durch scharfe Worte

Inzwischen geht es nicht mehr nur ums Geld. Als Ghafouri in einer Schautafel vor der Schauspielschule ein Protestplakat anbrachte, auf dem von der „Krake GSG“ die Rede war, wurde es kurz darauf entfernt. Bei anderen Gelegenheiten sprach Ghafouri von „Miethaien“ und „Spekulanten“. Grundsätzlich beklagt er eine „Gentrifizierung“ im Kulturbereich: Hochwertige und wirtschaftlich gesunde Kreativunternehmen würden von „gewinnorientierten Investoren in die Knie gezwungen“. Schuld daran sei vor allem die Berliner Politik, deren Rahmenbedingungen das erst ermöglichten.

Dieser Ton kam beim Vermieter nicht gut an. Ein früheres Angebot, nach einem Ersatzstandort im GSG-Bestand zu suchen, gelte nicht mehr, sagt Geschäftsführer Schlink. Nach der Kündigung wurde auch eine Räumungsklage erhoben, die soeben bei der Filmschauspielschule einging. Schlink sagt allerdings, die Klage spiele keine Rolle mehr, da sich Ghafouri inzwischen schriftlich zum Auszug verpflichtet habe. Einen Nachmieter gebe es noch nicht.

Bezirkspolitiker fanden keine Lösung

Der Chef der Schauspielschule nimmt an, dass ihm die GSG auch seine Kontakte zu Charlottenburg-Wilmersdorfer Politikern übel genommen hat: „Seitdem herrscht Krieg.“ Im Februar hatte ihn der BVV-Wirtschaftsausschuss angehört, ohne eine Lösung zu finden. Ghafouri wandte sich auch an Bezirksbürgermeister Reinhard Naumann (SPD). Dieser bestätigt, er habe sich grundsätzlich „für die Erhaltung der Filmschauspielschule eingesetzt“.

Im August soll die nächste Ausbildung starten – nur wo?

Einen geeigneten neuen Standort hat Ghafouri bisher nicht gefunden. Er verhandelt aber mit möglichen Vermietern und bleibt optimistisch. Auf ihrer Webseite kündigt die Schule für den 8. Juni Aufnahmeprüfungen für die nächsten Schauspielausbildungen an, die am 1. August beginnen sollen.

Beim Karneval der Kulturen ist die GSG übrigens einer der Hauptsponsoren, das Unternehmen stellt gratis Trainings- und Werkstatträume zur Verfügung. Ghafouri sagt, er habe den Karneval-Organisatoren versprechen müssen, beim Auftritt der Filmschauspielschule den Namen GSG nicht zu nennen.

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