Streit in Charlottenburg : Das größte Bordell der Stadt darf gebaut werden

Neben der „Mercedes-Welt“ und dem „Smart-Center“ am Salzufer könnte das größte Bordell der Stadt entstehen. Der Vermieter des Daimler-Areals in Charlottenburg klagte dagegen, scheiterte aber vor dem Verwaltungsgericht.

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Schwierige Nachbarschaft. Die Mercedes-Welt (links), der Turm des Smart-Centers und das Wohnhaus. Rechts davon und dahinter stehen weitere Gebäude der Automarke Smart.
Schwierige Nachbarschaft. Die Mercedes-Welt (links), der Turm des Smart-Centers und das Wohnhaus. Rechts davon und dahinter stehen...Foto: Cay Dobberke

Am Charlottenburger Salzufer muss die Berliner Mercedes-Benz-Niederlassung damit rechnen, dass es nebenan künftig mehr Verkehr anderer Art geben könnte: Das Verwaltungsgericht hat der Vermieterin des Hauses Englische Straße 29 das Recht zuerkannt, an der Stelle des Wohngebäudes das größte Bordell der Stadt mit 93 Zimmern zu bauen.

Als bisheriger Spitzenreiter gilt „Artemis“ am S-Bahnhof Westkreuz mit mehr als 70 Zimmern. Ob es wirklich zum Bau des neuen Bordells in der Nachbarschaft der „Mercedes-Welt“ und des „Smart-Centers“ des Daimler-Benz-Konzerns kommt, steht allerdings noch nicht fest.

Vom Wohn- zum Lusthaus? An der Englischen Straße gibt es unten schon ein Bordell. Baurechtlich wäre ein viel größeres möglich.
Vom Wohn- zum Lusthaus? An der Englischen Straße gibt es unten schon ein Bordell. Baurechtlich wäre ein viel größeres möglich.Foto: Cay Dobberke

„Smart“ baute zu nahe am Wohnhaus

Denn der Streit reicht lange zurück und hatte an sich nichts mit Sex zu tun. Die Probleme begannen 2004 mit dem Bau des 13-stöckigen Verkaufscenters der Automarke Smart am Salzufer, Ecke Englische Straße. Hinzu kamen ein Empfangsbau und eine Werkstatt mit je sieben Etagen. Seitdem ist das 126 Jahre alte Wohnhaus auf drei Seiten eng umbaut.

Bereits 2010 kippte das Oberverwaltungsgericht (OVG) nachträglich den Bebauungsplan. Geklagt hatte Kerstin Breidenbach, die gemeinsam mit drei Verwandten die Eigentümerin des Mietshauses ist. Die Baudichte sei zu hoch, Abstandsflächen würden nicht eingehalten und Wohnungen verschattet, urteilte das OVG damals: „Die Anforderungen an gesunde Wohn- und Arbeitsbedingungen werden nicht erfüllt.“

Die Bauarbeiten hatten auch zu Rissen in Wänden geführt. Mieter beklagen außerdem, aus Veranstaltungssälen bei Smart blickten oft Gäste in ihre Wohnungen, bei Feiern schalle Lärm manchmal bis nachts herüber.

Smart, wohin das Auge blickt. Das dritte Gebäude der Daimler-Benz-Automarke steht am Hof des Wohnhauses.
Smart, wohin das Auge blickt. Das dritte Gebäude der Daimler-Benz-Automarke steht am Hof des Wohnhauses.Foto: Cay Dobberke

Ein Grundstückstausch wurde abgelehnt

Breidenbach ärgert sich bis heute, wie sie und ihre Mieter bei der Neubauplanung in der sogenannten Spreestadt Charlottenburg ausgebootet worden seien. Bauherr war die Immobiliensparte des Autokonzerns. Breidenbach betont, sie habe damals einen Grundstückstausch vorgeschlagen: Smart hätte die Englische Straße 29 nutzen können, ersatzweise hätte Daimler-Benz Platz für ein neues Wohnhaus in seinem Gewerbegebiet schaffen müssen.

Vertretern des Autokonzerns und Managern des späteren Grundstückseigentümers TLG Immobilien „habe ich meine Gesprächsbereitschaft wie Sauerbier angeboten“, sagt Breidenbach. Für die Planer sei sie aber wohl nur eine „blöde Kuh, von der man sich nichts vorschreiben lassen will“ gewesen. Anders als der jetzige Bezirksbaustadtrat Marc Schulte (SPD) habe dessen Vorgänger Klaus-Dieter Gröhler (CDU) auch nur das Interesse des Investors verfolgt.

Im Gewerbegebiet sind Bordelle, Hotels und Studentenwohnungen erlaubt

An der Englischen Straße 29 gibt es knapp 30 Wohnungen und unten schon ein kleines Bordell. Vor drei Jahren lotete Breidenbach die baurechtlichen Möglichkeiten aus: Der Bezirk bestätigte per Bauvorbescheid, dass im Gewerbegebiet ein Großbordell zulässig sei. „Ich habe aber auch einiges andere abgefragt“, sagt Breidenbach. Ebenso erlaubt seien etwa „ein Aparthotel oder ein Studentenwohnheim“.

Hausvermieterin Kerstin Breidenbach.
Hausvermieterin Kerstin Breidenbach.Foto: privat

Sie sei „keine Puffmutter“, es hätten sich jedoch Kaufinteressenten aus dem Milieu gemeldet. Vermutlich liege dies daran, dass Ämter verstärkt gegen Wohnungsbordelle vorgehen. Die Mieter wären nach Breidenbachs Einschätzung zum Auszug bereit, wenn sie für diese andernorts Ersatzwohnungen finde oder schaffe.

Zum aktuellen Prozess kam es, weil die TLG gegen den Bauvorbescheid klagte. Für Baustadtrat Marc Schulte ist klar, dass die Immobilienfirma im Interesse ihres Mieters Daimler-Benz handelt. Der Autohersteller will sich nicht äußern. Als das Verwaltungsgericht deutlich machte, der Bauvorbescheid sei gültig, zog die TLG ihre Klage zurück.

Jetzt hat die Vermieterin eine „Trumpfkarte“

Das Unternehmen war eine Tochterfirma der Treuhandanstalt, heute gehört es der US-Investmentgesellschaft Lone Star. Die Klage wurde vor allem mit zuviel Autoverkehr durch neue Nutzungen begründet – für den Vermieter eines Automobilzentrums ein eher überraschendes Argument.

Kerstin Breidenbach lässt offen, ob und wann sie ihr Haus an Bordellbetreiber veräußert. Erst einmal freut sie sich, endlich eine „Trumpfkarte“ zu haben und will „in Ruhe abwarten“, ob TLG und Mercedes-Benz ihr Kompromissvorschläge machen.

Der Artikel erscheint auf dem Ku'damm-Blog, dem Online-Magazin für die westliche Innenstadt.

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