60 Jahre Amerika-Gedenkbibliothek : Rumpelbude, Wunderkammer, Sehnsuchtsort

Hier kann man sich am Tage fortträumen – in die weite Welt, in die eigene Stadt. Die Amerika-Gedenkbibliothek in Kreuzberg wird 60. Fünf Tagesspiegel-Redakteure erinnern sich.

Die AGB in Kreuzberg wurde 1954 eröffnet.
Die AGB in Kreuzberg wurde 1954 eröffnet.Foto: dpa

Ach, Amerika. Der Name eine Verheißung. So weit weg, viel zu weit weg, um daran zu glauben, dass wir Kinder dort einmal hingelangen könnten. Aber doch so nah, so nah, dass wir zehnjährige Jungen jeden Tag dort sein konnten, unsere Tage dort verbrachten. Amerika-Gedenkbibliothek, dass war das gefühlte Amerika. Ganz links außen, wo die großen Scheiben das ganze Licht der Welt hineinließen, war unser geheimer Ort. Dort standen die Atlanten, die dicken Wälzer, die wir kaum aus den hohen Regalen heben konnten, und uns dabei zuweilen ein Erwachsener aushelfen musste. All die Länder der Welt, von denen wir gehört hatten, hier bekamen sie eine reale Existenz, waren auf den Seiten so bunt bedruckt wie es unsere Träume waren von diesen exotischen Orten. Und jeder Ort, den wir erwähnt fanden in Büchern, hier musste er seine reale Existenz beweisen. Zeitverloren saßen wir dann dort in der Ecke, die Gedanken weit weg. Ach, Amerika. Eine Sehnsucht fürs Leben. Gerd Nowakowski

Parapsychologie für Erwachsene

Als ich 15, 16 war, ging ich oft in die AGB. Ich glaubte nämlich, meine jugendlichen Identitätskrisen durch Lektüre psychologischer Werke überwinden zu können, ja, ich hatte mich gar innerlich schon zu einem Psychologie-Studium entschlossen. Ernsthaft durchsuchte ich die Regalreihen nach hilfreichen Werken und stieß auf eins mit einem komischen Titel. Es ging um „Parapsychologie“, na, war das nicht auch Psychologie? Wie überrascht war ich, als eine strenge Bibliothekarin mir die Ausleihe verbot: Dieses Buch dürfe ich erst mit 18 lesen, sagte sie, dafür sei ich zu jung, es könne mich auf falsche Gedanken bringen! In mir empörte sich alles. So ist mir die AGB in Erinnerung geblieben als ein Ort, der geistige Freiheit verspricht, aber nicht immer gewährt. Psychologie habe ich dann auch nicht studiert, aber darüber bin ich im Nachhinein ganz froh. Dorothee Nolte

Reiseführer, Geschichtsbücher und West-Berlinerinnen

Nach dem Mauerfall entdeckte ich Berlin auf ganz unterschiedlichen Wegen. Ich fuhr, nachdem sich unsere Ost-Berliner Welt geöffnet hatte, mit der S-Bahn zu jeder Station im unbekannten Gebiet, stieg dort aus und lief herum. Ich ging ins Olympiastadion zu Hertha und in die Deutschlandhalle zu den Eishockeyspielen der Preußen. Mit neuen Freunden machte ich Kneipentouren durch Schöneberg und Spandau. Und ich holte mir einen Ausweis für die Amerika-Gedenkbibliothek – um mir das neue Berlin, in das ich mich begierig hineinverlor, zu erlesen. Ich lieh mir Reiseführer über die Stadt aus, in der ich lebte und die ich doch nicht kannte. Ich holte viel Berliner Geschichte nach, die ich zwar kannte, aber nicht in allen Farben und Formen. Ich las auch viele Bücher über die DDR, über mein altes Ost-Berlin. Manchmal blieb ich einfach den ganzen Tag hier hängen, stöberte durch die Regale. Dabei fiel mir auch auf: Es gab viele junge West-Berlinerinnen hier. Robert Ide

Im Land des Lesens. Seit der Eröffnung am 17. September 1954 hat die Amerika-Gedenkbibliothek viele junge Kunden betreut. Unser Foto zeigt die Kinderbibliothek im Jahr 1957.
Im Land des Lesens. Seit der Eröffnung am 17. September 1954 hat die Amerika-Gedenkbibliothek viele junge Kunden betreut. Unser...Foto: Landesbildstelle

Auf der Suche nach musikalischen Schätzen

Die Trauer war groß Anfang der 90er: Es hieß Abschied von der Schallplatte zu nehmen. Nun konnte man sich also nicht mehr so schön durchs Vinyl blättern, in der AGB, an den Covern und der Musik dahinter erfreuen. Stattdessen klapperten diese kleinen Plastikgehäuse beim Durchstöbern in den Ausleihregalen, und die waren wegen der vielen Nutzerhände außen oft dreckig-fettig verschmiert. Also habe ich die Hüllen zu Hause erst saubergewaschen, bevor ich die CDs herausholte, um Lieder auf Leerkassette zu überspielen. Mit den Tonträgern wurden auch die Regalreihen mit Musik in der AGB kleiner. Inzwischen sind selbst CDs überholt, inzwischen laufen Onlinesender-Aufnahmeprogramme im Internet auf meinem Laptop mit. Die Erinnerung aber an das aufregende Bauchgefühl, wenn ich in den Regalreihen wieder einen musikalischen Schatz wie orientalische Volksweisen fand und mir billig auslieh, das bleibt unvergessen, wenn ich heute an dem Haus vorbeiradele. Annette Kögel

96 Ortsteile, 96 Bilder, 100 Prozent Berlin
Neukölln, Ortsteil Neukölln. Große Güte, was sollen wir denn noch schreiben über Neukölln? Ach, zeigen wir lieber die besten Bilder aus dem hippen/dreckigen/juten, alten Neukölln (je nach Alter und Herkunft).Und stellen zwei knifflige Fragen: In welchem Ortsteil steht das Karstadt am Neuköllner Hermannplatz? Genau, in Kreuzberg (der Bürgersteig ist die Grenze, das überragende Dach gehört zu Neukölln). Und wer sind die beiden Figuren in der Mitte? Das "tanzende Pärchen" steht dort seit den 80ern, erschaffen wurde es von Joachim Schmettau und drehte sich früher sogar mal. Moment: Joachim Schmettau ... Schmettau? Ja, genau, das ist auch der Mann vom markanten Wasserklops am Europa-Center.Weitere Bilder anzeigen
1 von 96Foto: Kitty Kleist-Heinrich
14.01.2016 08:38Neukölln, Ortsteil Neukölln. Große Güte, was sollen wir denn noch schreiben über Neukölln? Ach, zeigen wir lieber die besten...

Zwischen Rumpelbude und Wunderkammer

Es gibt kaum einen Typus von Bibliothek, dem ich nicht begegnet wäre. Als Kind frequentierte ich die katholische Leihbücherei meiner kleinen Stadt und suchte dort nach dem Stoff, der zumindest meinem Alter nicht angemessen war. Als Pubertierender arbeitete ich mich schnell von der Jugend- zur Erwachsenenbibliothek hoch und staunte über die große weite Welt der Zeitschriften jenseits von Illustrierten. Als Student entdeckte ich die Herrlichkeiten geisteswissenschaftlicher Bibliotheken und deren Soziotope. Ein seltsamerer Verhau, eine schlimmere Rumpelbude und eine größere Wunderkammer als die AGB aber ist mir – jedenfalls bis zur jetzigen Renovierung – nicht untergekommen. Meine Hausbibliothek ist und bleibt die (auch musikalisch in CDs und Noten) gut sortierte Ingeborg-Drewitz-Bibliothek im Steglitzer Schloss: Dort verbringe ich sogar gerne mal einen Nachmittag. Wochen könnte ich es in der Staatsbibliothek am Potsdamer Platz aushalten, nicht nur weil sie von Berufs wegen für mich am ehesten zuständig ist. Wie oft jedoch hat mich die AGB überrascht, ja gerettet, wenn die Stabi versagte, die Antiquariate Horrorpreise verlangten und kein digitales Archiv helfen konnte. Ohne einen Gang zu den Filmregalen habe ich die AGB dann übrigens selten wieder verlassen: Hier wuchern das Weltkino und der ethnografische Film bis zu den entlegensten Rändern. Gregor Dotzauer

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