Besetzte Gerhart-Hauptmann-Schule : Kreuzberg plant Flüchtlingszentrum

Das "Projektehaus" war gestern. Nun plant der Bezirk einen stärkeren Fokus auf Beratung plus Unterkunft für 70 Menschen. Eine freiwillige Räumung der Schule ist noch nicht absehbar.

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Die Klassenzimmer der ehemaligen Schule sind zum Flüchtlingslager umfunktioniert.
Die Klassenzimmer der ehemaligen Schule sind zum Flüchtlingslager umfunktioniert.Foto: dpa

In der Gerhart-Hauptmann-Schule ist es gespenstisch ruhig. Von der Räumung am Oranienplatz haben die Bewohner gehört, aber es scheint sie nicht weiter zu interessieren. Ein älterer Flüchtling mit Rastalocken kehrt Laub im Hof. Fragen will er nicht beantworten. Ein Sudanese zieht einen Koffer hinter sich her. Er sei auf dem Weg zum Oranienplatz, von dort in ein Heim. Welches es sein wird, weiß er noch nicht.

Die freiwillige Räumung der besetzten Schule ist Teil der Vereinbarung zwischen Flüchtlingen und Senat, genau wie beim Oranienplatz, doch davon ist am Dienstag nichts zu spüren. Zwei Sozialarbeiter vom Verein „Joliba“ haben ihren ersten Einsatztag in der Schule. Sie sollen den Flüchtlingen Kontakte zur Anwälten, Ärzten und Ämtern vermitteln. „Psychosoziale Beratung“, fasst Sozialarbeiter Sebastian zusammen. Einer der Flüchtlinge hat einen Abszess am Bein. Sebastian schlägt vor, ihn sofort zu den Maltesern zu bringen. Die hätten einen medizinischen Dienst für Migranten.

Wie es weitergeht in der Schule, ist derzeit unklar. Hans Panhoff (Grüne), Baustadtrat von Friedrichshain-Kreuzberg, glaubt nicht an eine schnelle Lösung. Zeltbewohner zum Auszug zu bewegen, sei doch etwas leichter als die Besetzer eines Gebäudes. Die Bewohner der Schule seien erst spät in die Verhandlungen aufgenommen worden. „Eine Lösung sollte nun in einem ähnlichen Duktus wie am Oranienplatz gefunden werden“, sagt Panhoff. Also freiwilliger Auszug im Tausch gegen eine befristete Duldung und Einzelfallprüfung.

Bis zu 200 Flüchtlinge sollen nach Schätzungen von Unterstützern in der Schule leben, darunter auch Roma-Familien. Wie viele von ihnen bereits auf der Liste der Integrationssenatorin stehen, ist unklar.

Hans Panhoff führt mit den Flüchtlingen regelmäßig Gespräche, um sie zum Auszug zu bewegen, bisher weitgehend erfolglos. Der Bezirk wollte dort ein Projektehaus einrichten. Inzwischen wurde das Konzept der Realität angepasst: Das Projektehaus soll nun ein „Flüchtlingszentrum“ werden, mit einem „Wohnanteil“ von circa 70 Plätzen. Die Projekte sollen einerseits der Beratung und Hilfe von Flüchtlingen dienen, andererseits für die Nachbarschaft und den Stadtteil Angebote machen.

Die Kontakt- und Beratungsstelle für Flüchtlinge (KUB) bietet in der Schule schon jetzt Deutschkurse und einmal in der Woche auch medizinische Beratung an. Es gibt ein Bandprojekt, einen Chor und ein Frauenprojekt.

Das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg bezahlt derzeit die Kosten für Wasser, Strom, Heizung und Müllabfuhr. Anwohner aus dem Kiez bringen ausrangierte Möbel und Kleiderspenden vorbei, die Lebensmittel kommen von der Berliner Tafel. Einmal in der Woche holen die Unterstützer einen Transporter mit mehr als hundert Kilogramm Nahrung bei der Berliner Tafel ab.

Von den geschenkten Lebensmitteln wird einmal am Tag, meist nachmittags, in der Gemeinschaftsküche gekocht. Die hygienischen Bedingungen sind weiterhin miserabel. Die Diakonie installierte eine Dusche, um zumindest etwas Abhilfe zu schaffen. Die Schultoiletten funktionieren nur noch teilweise.

Im Dezember stürmte ein Spezialeinsatzkommando der Polizei mitten in der Nacht die Turnhalle der Schule, nachdem ein Streit zwischen drei Bewohnern eskaliert war. Auch im Zusammenhang mit Drogendelikten im Görlitzer Park wird die Schule öfter genannt.

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