Chocolaterie in der Oranienstraße : "Schokolade ist Gottes Antwort auf Brokkoli"

Mit Idee und Witz verleitet Naciye Kilic ihre Kunden zu süßen Sünden. Schokoladenliebhaber kommen in ihrer Kreuzberger Chocolaterie auf ihre Kosten. Reue? Keine Spur. Und an allem ist ihr Vater schuld.

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Der Satz einer Freundin wird vom Slogan für Naciye Kilics Chocolaterie.
Der Satz einer Freundin wird vom Slogan für Naciye Kilics Chocolaterie.Foto: Carmen Schucker

Sie hat nicht damit gerechnet, dass der Slogan so gut ankommen würde. Eine Freundin hatte den Satz so dahingesagt: „Schokolade ist Gottes Antwort auf Broccoli.“ Der steht nun in roten Buchstaben auf der Schaufensterscheibe, auf Naciye Kilics schokobraunen Werbekarten und auf der für ihr Label produzierten Vollmilch- und Bitterschokolade. Der Spruch hat ihre „Chocolateria Sünde“, noch bekannter gemacht im Kiez an der Kreuzberger Oranienstraße. Im Bioladen gegenüber hat man ihr gleich mal Brokkoli geschenkt.

Das kleine Geschäft mit Café hat Naciye Kilic, 40, vor gut zwei Jahren eröffnet, einfach so wie sie Sprüche an Schaufenster schreibt oder dem Wörtchen Sünde im Logo einen Heiligenschein auf dem S verpasst und das E mit einem teuflischen Dreizack enden lässt neben einer Maria mit Strahlenkranz.

Ein Blick durch das Schaufenster offenbart Pralinen, Torten, Kuchen natürlich die Inhaberin, Naciye Kilic.
Ein Blick durch das Schaufenster offenbart Pralinen, Torten, Kuchen natürlich die Inhaberin, Naciye Kilic.Foto: Mike Wolff

Naciye Kilics Eltern stammen aus Anatolien, sie ist ein Kreuzberger Mädchen, hier geboren, hier aufgewachsen. Ihr Deutsch ist akzentfrei, sie hat die Fachhochschule für Sozialpädagogik absolviert, aber der Beruf war nicht ihrer. 1993 machte sie sich selbstständig auf der Oranienstraße, mit einem Secondhandladen, später mit einer Boutique. Das lief alles gut, aber da musste noch was anderes her. Auf die Idee mit der Schokolade brachte sie der Vater, ein Diabetiker, der gern nascht. Er quittierte ihre ewigen Mahnungen mit dem Satz: „Lieber sterb’ ich mit einem Stück Schokolade im Mund!“ So, sagt Naciye, sei ihr Plan entstanden, mit Süßigkeiten zu handeln. „Süße Sünden sind was Positives“, sagt sie. „Sündigen heißt frei leben.“

Schokoladiger Trost in "Dramatüten"

Nun steht sie hinter der Theke, vor sich eine halbrunde Vitrine, in der sie Pralinen, Schokotorte, kalten Hund, Marmorkuchen, Cheesecake und fruchtige Baisertorten hübsch auf Etageren präsentiert, und mixt lächelnd einen Becher heiße Trinkschokolade nach dem anderen für die Schlange stehende Kundschaft. An den Wänden gegenüber reihen sich in verspiegelten Schubladen Schokoladen und Pralinen aus Berliner Produktion zum Verkauf. Oft sagen Leute, die neu hereinschneien: „Wir finden es toll hier, wir kommen wieder!“ Das macht Naciyes Tag perfekt, da sagt sie „danke“, hält einen kleinen Plausch, und ihr Lächeln hält gleich noch ein wenig länger.

Neulich hatte sie wieder eine Idee: „Dramatüten“, Trostpflaster zum Verschenken. „Alles ist doch gleich ein Drama heute. Liebe, Schule, der Lieblingskuchen ist nicht da ... Da braucht man dann eben Trost.“ Außer Süßem packt sie immer ein Accessoire in die Tüten. Für Frauen kommt zur Schokolade vielleicht ein Taschentuch, ein Herzchen und – ein Tampon. Existenziell Bedrohte kriegen einen Taschenrechner. Für die Männertüte steht sie gerade in Verhandlung mit einem Kondomhersteller.

Ihr Café sieht aus wie eine spleenig-spießige Sechzigerjahre-Stube. Ein ausrangierter Fernseher im Schleiflackgehäuse mit Glasplatte obenauf spielt Ablage. Auf den Hockern neben dem Resopaltisch liegen Kreuzstich-bestickte Polster, neben dem Eisenofen rücken Omas Sessel zusammen. Die altmodisch tapezierte Wohnzimmerwand wirkt recht katholisch, haufenweise Heiligenbildchen, vor allem aber: Mariendarstellungen. Denn Maria ist für Naciye „das Sinnbild der starken Frau“. Passt für sie zu Freiheit und Schokolade. Bei einem Straßenmaler auf der Oranienstraße bestellte sie zwei überdimensionale Bilder, die hängen nun echt kitschig zu beiden Seiten im sündigen Café unter der Decke: eine betende Maria und eine mit Schwert. Und wenn jemand einwendet, die Maria mit Schwert gebe es doch gar nicht, sagt Naciye, die Türkin aus Kreuzberg: „Mir doch egal. Ich find’s toll so“, und verkauft noch einen himmlischen Brownie.

Chocolateria Sünde, Oranienstr. 194, Kreuzberg. Mo-Fr 9-19, Sa 10-19, So 12-18 Uhr. www.chocolateria-suende.de

Dieser Artikel erscheint im Kreuzberg Blog, dem hyperlokalen Online-Magazin des Tagesspiegels.

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