Das Erbe der Kreuzberger Hausbesetzer : Bunte Wände statt neuer Wohnungen

Die Grünen im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg wollen Wandmalereien aus der Hausbesetzerzeit unter Denkmalschutz stellen. Unser Autor meint, das würde den Wohnungsbau behindern.

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An der Waldemarstraße Ecke Adalbertstraße sind die Brandwände der Häuser, die an eine kriegsbedingte Baulücke grenzen, großflächig bemalt. Die Grünen im Bezirk möchten diese und andere Streetart-Bilder aus der Hausbesetzerzeit dauerhaft als als Denkmal schützen.
An der Waldemarstraße Ecke Adalbertstraße sind die Brandwände der Häuser, die an eine kriegsbedingte Baulücke grenzen, großflächig...Foto: Mike Wolff

Die Kreuzberger Grünen sind in Berlin die konservativste politische Kraft. Sie sind eben in die Jahre gekommen, und was ihre progressive Power angeht, wirkt ihr berühmter Bundestagsabgeordneter Hans-Christian Ströbele noch am frischesten von allen. Am liebsten soll alles bleiben, wie es ist, besonders im eigenen Kernland Friedrichshain-Kreuzberg.

Das Bekenntnis zu einer "konsequenten Bestandspolitik", das die beiden Fraktionschefinnen Antje Kapek und Ramona Pop im Kampf gegen die Wohnungsnot ablegen, dürfte bei der Basis gut ankommen. Ihre gleichzeitige Forderung, besonders in der Innenstadt auch die Lücken mit Neubauten zu schließen, ist deutlich unpopulärer.

Nachdem die Partei erfolgreich mitgeholfen hat, neue Wohnungen auf dem Tempelhofer Feldes per Volksentscheid zu verhindern, wollen die Milieuschützer und Bewahrer des Retro-Kiezgefühls der Mauerzeit jetzt ihr eigenes Erbe im Stadtbild für die Nachwelt sichern – und den Wohnungsneubau weiter erschweren.

In dieser Woche hat die Grünen-Fraktion in der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) beantragt, die zahlreichen großen Wandmalereien, mit denen Hausbesetzer in den achtziger Jahren Hausfassaden und Brandwände versehen haben, unter Denkmalschutz zu stellen oder als Kunst am Bau dauerhaft zu erhalten.

Denn für die grüne Bezirksbürgermeisterin Monika Hermann sind "viele dieser Gemälde wahre Kunstwerke" und daher "unbedingt erhaltenswert". Viele Menschen aus aller Welt kämen nach Berlin, weil sie sich für die geteilte Stadt interessieren.

"Die Bilder dokumentieren diese Epoche anschaulich und halten dadurch Geschichte für nachfolgende Generationen lebendig", meint Frau Hermann, es seien "einzigartige historische Dokumente einer außergewöhnlichen Zeit" – die unter anderem die Alternative Liste, die Berliner Vorläuferpartei der Grünen hervorgebracht hat.

Über den Antrag, die Wandmalereien dauerhaft zu bewahren, wird demnächst im Stadtentwicklungsausschuss der BVV weiter beraten.

Offenbar stört es die Grünen nicht, dass sich viele der Gemälde, die sie schützen wollen, an Brandwänden befinden, die an kriegsbedingte Baulücken grenzen. Wenn die Wandbilder demnächst unter Denkmalschutz stehen, wird es deutlich schwieriger sein, auf den Freiflächen neue Wohnungen zu bauen, die so dringend benötigt werden.

In ihrem nostalgischen Bemühen scheint bei den Grünen in Vergessenheit zu geraten, dass die Hausbesetzerbewegung einst aus der Wohnungsnot heraus entstand. Manche derer, die damals Häuser besetzten, wohnen heute in Kreuzberger Lofts und Dachgeschossen. Sie lieben ihre grün bewachsenen Baulücken, wollen die Freiflächen behalten – und wählen die Grünen.

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