Der Weg von der Leichenhalle zum Café : Kreuzberger Leichenschmaus

Kaffee trinken, wo einst die Toten aufgebahrt wurden. Im Kreuzberger Bergmannkiez gibt es Berlins zweites Friedhofscafé. Ein Besuch.

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Martin und Olga Strauss in ihrem Kreuzberger Friedhofscafé.
Martin und Olga Strauss in ihrem Kreuzberger Friedhofscafé.Foto: Carmen Schucker

Den Kaffee dort zu trinken, wo einst die Toten aufgebahrt wurden, klingt zunächst etwas morbide. Doch ist es das? An einem so belebten Kreuzberger Ort wie der Bergmannstraße kann man die Verbindung von Café und Friedhof testen: im Café Strauss. Dort, wo einst die Toten aufgebahrt wurden, werden nun Kaffee und Kuchen serviert, Schnittchen gegessen und Zeitung gelesen.

Eher zufällig stießen die Betreiber Olga und Martin Strauss auf die ehemalige Leichenhalle aus Ziegelsteinen auf dem Friedrichswerderschen Friedhof. Die zwischen 1875 und 1880 entstandene Halle war über die Jahre unbrauchbar geworden und diente nur rudimentär als Lagerhalle.

Ein Friedhofscafé hatten die beiden gar nicht geplant. Doch als sie 2012 auf die Räumlichkeiten stießen, waren sie von der Idee überzeugt. „Als wir uns bei der Friedhofsverwaltung erkundigten, ob wir die alte Aufbahrungshalle in ein Café umwandeln könnten, haben wir offene Türen eingerannt“, berichtet Martin Strauss bei einem Ingwertee. „Denn viele der ehemaligen Verwaltungshäuser auf Berliner Friedhöfen stehen leer, eine Nachnutzung ist meist schwierig.“ Über dem 49-Jährigen wölben sich die Rundbögen. Der Innenraum des Cafés ist in schlichtem Weiß gehalten. Seine Frau Olga bringt unterdessen einen Cappuccino zu Gästen, die auf der Holzterrasse sitzen. Dort geht der Blick ins Grüne, auf dichte Tannen – und Gräber.

In der roten Backsteinhalle wurden einst die Toten aufgebahrt, lange Zeit stand sie leer, nun ist mit dem Café wieder Leben eingekehrt.
In der roten Backsteinhalle wurden einst die Toten aufgebahrt, lange Zeit stand sie leer, nun ist mit dem Café wieder Leben...Foto: Carmen Schucker

Doch bis die Halle seinen heutigen Kaffeehaus-Charme erhielt, war es ein langer Weg. „Das Gebäude stand lange leer, der Putz bröckelte und an den Wänden befanden sich 50er-Jahre-Fliesen“, erinnert sich Strauss. Die Pläne für den Umbau entwarf der Architekt selbst. Ein kostenintensives Unternehmen. Und so packt das Paar oft selbst an, zum Beispiel bei dem Bau der Terrasse. „Aber wir haben uns nicht unter Druck gesetzt, haben uns Zeit gelassen“, meint seine Frau, eine ehemalige Biologie-Lehrerin. Dort, wo heute der Haupteingang ist, war zunächst nur ein Fenster. Ein Jahr dauert der Ausbau, dann ist das Café fertig. Es ist Dezember 2012. Da das Café zusammen mit dem Friedhof bei Einbruch der Dunkelheit schließen muss, wird die Eröffnung auf Mai gelegt.

Viele Menschen aus dem Kiez sind Stammkunden

„Am Anfang dachte ich, ich schaffe das alleine“, sagt Olga Strauss und lacht dabei. Doch bereits kurz nach der Eröffnung kamen Gäste aus allen Berliner Stadtteilen. „Mittlerweile haben wir viele Stammgäste aus dem Kiez“, sagt Olga Strauss. Manche Gäste kommen jeden Tag, nachdem sie eine Runde über den Friedhof gemacht haben und ein Grab eines Familienangehörigen besucht haben. Eine Frau, deren Mann erst vor einigen Monaten gestorben ist, ist fast täglich nach dem Gang zum Grab im Café. „Ein bisschen ist man dann auch wie ein Seelsorger“, findet die 45-Jährige. Oft organisiert sie Kaffee und Kuchen oder Büffets für Trauerfeiern. Denn auf dem Friedhof finden jede Woche Beerdigungen statt, auch wenn die Wiesen im Laufe der Jahrzehnte etwas lichter geworden sind.

Mindestens zweimal die Woche zieht frischer Kaffeeduft durch die ehemalige Aufbahrungshalle, wenn die Kaffeebohnen aus Brasilien, Guatemala und Äthiopien geröstet werden. Bei vielen Produkten achtet das Ehepaar auf Regionalität. So gibt es frischen Apfelsaft von den eigenen Obstwiesen in der Uckermark und der Honig stammt von Olga Strauss Vater, der im Süden von Berlin Imker ist.

Draußen auf der Holzterrasse sitzen die Gäste bei Kaffee und Kuchen. „Für Kreuzberg ist es hier einfach sehr grün und ruhig, das gefällt mir“, meint Matti Cartsburg. Amadeus Firgau würde am liebsten im Glashaus, das direkt an die Aufbahrungshalle angrenzt, eine Lesung aus seinem Buch halten. Von dem Konzept des Friedhofscafé ist er begeistert: „Ich finde, Friedhöfe sollten auch irgendwie belebt sein. Wir könnten uns ein Beispiel an Mexiko nehmen, dort wird an Allerheiligen ein richtiges Fest für die Toten veranstaltet.“

Dieser Artikel erscheint im Kreuzberg Blog, dem hyperlokalen Online-Magazin des Tagesspiegels.

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