Einem Stadtteil auf der Spur : 24 Stunden Kreuzberg

Auf die Plätze. Fertig. Los! Mit einem hyperlokalen Blog begibt sich der Tagesspiegel auf die Spur eines Phänomens – nach Kreuzberg. Es ist der widersprüchlichste Stadtteil Berlins. Eine Annäherung in 24 Stunden.

von , , , und Lucas Vogelsang
Buntes Treiben am Kotti, irgendwo ist eine Bar, ist ein Club. Nur dass der Festsaal wieder aufmacht, darauf muss man hier noch warten. Foto: Thilo Rückeis
Buntes Treiben am Kotti, irgendwo ist eine Bar, ist ein Club. Nur dass der Festsaal wieder aufmacht, darauf muss man hier noch...Foto: Thilo Rückeis

00.01 Uhr Schlesisches Tor - Ein Versprechen
Der Regen beschleunigt den Gang. Scheucht die Menschen über das Pflaster. Leert den Platz, Schlesi, einst Loch in der Zollmauer. Spült sie die Treppen des Bahnhofs hinunter, einst letzter Bahnhof auf Westberliner Seite, dahinten am Wasser die Mauer, ihre Fahrt endet hier. Wie eine Insel liegt er im anbrandenden Verkehr der Kreuzung. Seit 1990 wieder Durchgangsstation, Schleuse. Kein Ort des Verweilens, kein Ort des Ankommens. Wer am Schlesischen Tor aussteigt, hat noch etwas vor, will weiter, muss los. Bloß nicht stehen bleiben. Der Schlesi ist nie jetzt. Er ist immer nachher. Ein Versprechen. Ein Versprechen darauf, dass heute noch Großes passieren kann.


01.27 Uhr Heinrichplatz - Noch ein Bier
„Machst mir noch eins?“ – „Sicher.“ Im Goldenen Hahn. Die Kneipe wurde schon als Weltkulturerbe der Unesco empfohlen. Hat leider nicht ganz geklappt. Wie überhaupt vieles an dieser Kreuzung, denn sehr viel mehr ist der Heinrichplatz nicht, durchschnitten von der Oranienstraße, M29er-Strecke, mehr sein will als es ist. Hier, Herzstück SO 36, soll die Subkultur entstanden sein, der Kreuzberg bis heute seinen Ruf verdankt. Aber Kneipen und Clubs kommen, und sie schließen wieder, Boutiquen eröffnen, verschwinden. Die Plätze bleiben. Einer wie der Heinrichplatz war schon da, als Theodor Fontane in der Nähe lebte, war schon da, bevor aus Kreuzberg Kreuzberg wurde. Ein paar Gestalten sitzen noch und trinken, reden, lesen die Zeitung des kommenden Tages. Nach Hause? Wer will schon nach Hause.

01.30 Uhr Kottbusser Tor - Kotze zur Hölle
The place called Kotti, der oder das, wie man will, braucht eigentlich keine Einführung mehr. Kotti – das ist Kreuzberg. Schlesi, Görli, Heinrich, Hermi und Kotti, Kreuzberger Plätze heißen wie alte Saufkumpane, auf die man nicht gerade stolz ist, jeder seinen eigenen Kopf, seinen eigenen Charakter. Wenn man sich Zeit für sie nimmt, ihnen zuhört, schenken sie einem ein paar gute Geschichten. Deshalb sind wir ja hier, deshalb jetzt Kotti, der ist längst Mainstream. Den „coolen Vorhof zur Hölle“, nannte ihn die „Süddeutsche“, in seinem Song „Schwarz zu blau“ stapfte Peter Fox hier schon durch die Kotze. Das Schöne am Kotti: Er ist selbst nachts einfach nur hässlich.

Kreuzberger Plätze - ein Streifzug
Der Mehringplatz, einst so viel schöner, nun einfach nur sehr rund. Als wären Kornkreise in ein großes Feld geschrieben worden. Foto: Mike WolffWeitere Bilder anzeigen
1 von 25Foto: Mike Wolff
01.02.2014 19:14Der Mehringplatz, einst so viel schöner, nun einfach nur sehr rund. Als wären Kornkreise in ein großes Feld geschrieben worden.

02.45 Uhr Schlesisches Tor - Morgenstund
Like. Well. You know. This is like. Yeah. Totally. Fashion-Irgendwas. Wenn junge Amerikaner zum Feiern nach Berlin kommen, landen sie am Ende immer am Schlesischen Tor. Like. Well. Totally. Irgendeine Touristenbar, jeder Cocktail 3,90 Euro, hat immer geöffnet. Nimmt sie auf, spuckt sie wieder aus. Dann stehen sie hier und starren in die Auslagen, Bagdad-Imbiss. Salat komplett. Wenn junge Amerikaner zum Feiern nach Berlin kommen, bestellen sie Kebab. This is like. So good.


05.54 Uhr Marheinekeplatz - Junge Liebe
„Jetzt steig schon ein! Mir ist kalt!“ Der blonde junge Mann, der an der geöffneten Hintertür eines Taxis lehnt, lallt ein wenig und zittert heftig. Er trägt nur einen dünnen Pullover. Ihm gegenüber steht ein blondes junges Mädchen, hinter ihr ragt dunkel die Passionskirche auf. Unentschlossen tritt sie von einem Bein aufs andere. „Komm doch mit!“, sagt der Junge, er lallt jetzt flehend. Das Mädchen bewegt sich noch immer nicht von der Stelle. „Na gut, dann bleibst du eben da!“, sagt der Junge, jetzt trotzig, und steigt ins Taxi, das sofort davonfährt.

Video
Unterwegs im Görli Foto: Röhlig
Unterwegs in Kreuzberg

06.03 Uhr Marheinekeplatz - Bananenkisten
Wann ist das eigentlich passiert? Der Marheinekeplatz hat einen für Kreuzberg zu guten Ruf. Die Markthalle, Bioläden, Restaurants, Bücher und japanische Sägen. Das Leben ist leicht. Alles frisch. Grelles Neonlicht fällt von der Decke der Markthalle auf Obstkisten. Ein kleiner Mann, Mitte 40, kugelrunder Bauch, dunkelblonder Schnauzer, schiebt schnaufend einen Wagen an den Marktstand. Er nimmt die oberste Kiste. „Ali“, ruft plötzlich ein kräftiger, türkischer Junge, der gerade mit Salaten hantiert, Emrah heißt er, 18 Jahre alt, Sohn des Chefs. An sechs Tagen der Woche arbeitet er am Stand des Vaters, seit er nach der neunten von der Schule abgegangen ist. Ali heißt eigentlich Alexander. „Ali“, ruft Emrah noch einmal. „Stell dir mal vor, wir würden auch das weiße Zeug in unseren Bananenkisten finden!“ Der Junge reißt die Augen auf. „Dann müssten wir nie wieder früh aufstehen! Dann hätten wir richtig Kohle!“ – „Das Zeug war sechs Millionen wert, oder?“, fragt Ali. „Noch viel mehr“, sagt Emrah. „Früher“, sagt Ali und seufzt, „vor zehn Jahren, da haben wir am Tag noch 20 Kisten Bananen verkauft. Heute sind es nie mehr als zwei.“

08. 05 Uhr Heinrichplatz - Spanier
Der M 29er Bus kommt vorbei. Zwei Spanier ziehen ratlos ihre Rollkoffer über die Oranienstraße und suchen vergeblich ein Café zum Aufwärmen. Die haben alle noch geschlossen. Subkultur. Wer steht denn, bitteschön, vor elf Uhr auf?

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