Essay aus Pegida-Deutschland : Die Migranten, die Nation und ich

Deutschland, 25 Jahre nach dem Mauerfall. Einwanderer gehören längst zu dieser Gesellschaft, doch nicht alle erkennen das an. Die Suche nach einer Identität der Vielfalt bleibt schwierig - für den einzelnen, aber auch für die Gemeinschaft.

Deniz Utlu
Unser Autor Deniz Utlu wuchs in Hannover auf, seit Sommer 2003 lebt er in Berlin.
Unser Autor Deniz Utlu wuchs in Hannover auf, seit Sommer 2003 lebt er in Berlin.Foto: Kai-Uwe Heinrich

"Ich habe seit meiner Kindheit beständig in Eurer Majestät Staaten gelebt, und wünsche, mich auf immer in denselben niederlassen zu können. Da ich aber ein Ausländer bin und das nach dem Reglement erforderliche Vermögen nicht besitze, so erkühne ich mich allerunterthänigst, zu bitten …, mir mit meinen Nachkommen Dero allerhöchsten Schutz nebst der Freiheiten, die Dero Untertanen zu genießen haben, angedeihen zu lassen ...“

Mit diesen Worten beantragte im Jahre 1743 der Philosoph Moses Mendelssohn seine Aufnahme in Berlin und durfte nach einigen Abweisungen schließlich das Rosenthaler Tor passieren. Der Grenzbeamte notierte: „Heute passierten das Tor sechs Ochsen, sieben Schweine und ein Jude.“

Diese Anekdote Mendelssohns über die alte Berliner Zollmauer wird in dem Film „Die leere Mitte“ der Künstlerin und Filmemacherin Hito Steyerl von einer Off-Stimme über Bilder des ehemaligen Todesstreifens in Mitte gesprochen. Die Aufnahmen aus den 1990er Jahren zeigen Zeltlager von anarchistischen Besetzern, Brachland und – die offene Mauer.

Das Ganze ist unterlegt mit dem Streichquartett Op. 13 in a-Moll von Felix Mendelssohn Bartholdy, dem Enkel Moses Mendelssohns. Jenem Felix Mendelssohn-Bartholdy, den auch Taufe und christliche Erziehung nicht davor schützen konnten, bei den antisemitischen Hep-Hep-Unruhen 1819 schikaniert zu werden. Von „Wutbürgern“, die aufgrund einer wirtschaftlichen Krise „verunsichert“ waren und denen der Zuspruch von bürgerlichen Rechten gegenüber den Juden bei gleichzeitiger Säkularisierung der katholischen Kirche unerträglich war.

Moses Mendelssohn (1729- 1786). Der jüdische Philosoph warb für gegenseitige Toleranz zwischen Religion und Staat.
Moses Mendelssohn (1729- 1786). Der jüdische Philosoph warb für gegenseitige Toleranz zwischen Religion und Staat.Foto: akg-images / bilwissedition

Die Zollmauer wurde 1734 gebaut und stand teilweise genau da, wo später die Berliner Mauer errichtet wurde. Ende der 1860er wurde die Zollmauer abgerissen und 1871 das Kaiserreich gegründet. Damit begann ein verspäteter Prozess der nationalstaatlichen Identitätsfindung, ein Transformationsprozess für das Selbstverständnis Deutschlands. Theodor W. Adorno schreibt etwa hundert Jahre später in einem Aufsatz zur Bedeutung von Kritik in Deutschland, dass die historisch verspätet erreichte nationalstaatliche Einigung ein „Einheits- und Einigkeitstrauma“ verursacht habe, „das in jener Vielheit, deren Resultante demokratische Willensbildung ist, Schwäche wittert.“ Wer kritisiert, gilt als Spalter. Die frische Nation darf um keinen Preis infrage gestellt werden. Das Einheitstrauma habe die Nazidiktatur überdauert, „womöglich durch die Teilung Deutschlands nach dem von Hitler entfesselten Krieg sich noch gesteigert“.

Maueröffnung. Mendelssohn fand 1743 nach mehreren Anträgen Einlass am Rosenthaler Tor und erhielt Wohnrecht in Berlin. Der Grenzer notierte: „Heute passierten das Tor sechs Ochsen, sieben Schweine und ein Jude.“
Maueröffnung. Mendelssohn fand 1743 nach mehreren Anträgen Einlass am Rosenthaler Tor und erhielt Wohnrecht in Berlin. Der Grenzer...Foto: Wikimedia

Heute, 25 Jahre nach dem Mauerfall, stellt sich die Frage: Hat das „Einheitstrauma“ auch die Wiedervereinigung überlebt? Sind es heute „die Migranten“, die durch ihre bloße Existenz die (schon wieder frische) Nation infrage stellen? Laut der empirischen Studie „Deutschland postmigrantisch“ des Berliner Instituts für Migrations- und Integrationsforschung finden 49 Prozent der Befragten, dass die Wiedervereinigung dasjenige historische Ereignis sei, das Deutschland am besten beschreibe. Nur 16 Prozent denken dabei noch an den Zweiten Weltkrieg. Aber welche Auswirkungen hatte die „Wende“ auf das Zusammenleben in diesem Land? Wie formuliert sie das „Deutschsein“ neu? Und, vielleicht am wichtigsten: Wie könnte dieses neue Identitätsgefühl Migranten oder andere Minderheiten mit einschließen?

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