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Flüchtlinge in der Gerhart-Hauptmann-Schule : Räumung in Berlin-Kreuzberg wohl erst nach Mauerfall-Jubiläum

Auch am Donnerstagmorgen wurde die von Flüchtlingen besetzte Gerhart-Hauptmann-Schule in Berlin-Kreuzberg nicht geräumt. Offenbar wartet man bis nach den Mauerfall-Feierlichkeiten - um die Jubiläumsstimmung nicht zu verderben. Trotzdem sind Flüchtlinge und Unterstützer angespannt.

Bodo Straub
Jetzt heißt es warten: Ein Mann am Mittwochmorgen vor der Gerhart-Hauptmann-Schule in Kreuzberg.
Jetzt heißt es warten: Ein Mann am Mittwochmorgen vor der Gerhart-Hauptmann-Schule in Kreuzberg.Foto: Felix Zahn / dpa

Bei Fragen, ob die Gerhart-Hauptmann-Schule in der Ohlauer Straße nun geräumt werde und wann, ist vom Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg keine Auskunft zu bekommen.

Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann hatte den dort lebenden Flüchtlingen zunächst ein Ultimatum bis vergangenen Freitag gestellt. Bis Mitternacht hätten sie ausziehen sollen. Als das nicht geschah, kündigte sie am Montag eine „zeitnahe Räumung“ an. Ob der Bezirk mittlerweile ein Amtshilfeersuchen bei der Polizei gestellt hat, wollten weder Polizei noch Bezirk kommentieren. Die Verunsicherung ist auch bei den Unterstützern in der Ohlauer Straße zu spüren; es kursieren Gerüchte über zusätzliche Polizisten aus anderen Bundesländern für Berlin.

Auch am Donnerstagmorgen wurde nicht geräumt.

Einer der Flüchtlinge erlitt einen Nervenzusammenbruch

Denn trotz der Ankündigungen Herrmanns wird in Innenpolitiker-Kreisen darüber spekuliert, dass die riskante Räumung erst nach den Mauerfall-Feierlichkeiten am Wochenende stattfinden könnte, um die Jubiläumsstimmung nicht zu verderben. Flüchtlinge oder Polizisten könnten sich bei dem Einsatz verletzen. Zudem wird die Polizei eigenen Angaben zufolge auch viele Kräfte für das Mauerfall-Jubiläum bündeln müssen. Die Stimmung ist angespannt – einer der Flüchtlinge erlitt in der Nacht auf Mittwoch einen Nervenzusammenbruch und wurde von der Feuerwehr in eine Klinik gebracht. Nun ist er wieder entlassen.

Die Friedrichshainer pensionierte Ärztin Thea Jordan vom Arbeitskreis „Gesundheit und Menschenrechte Berlin“ sagte dazu: „Die aktuelle Situation beeinflusst die ohnehin traumatisierten Flüchtlinge zusätzlich.“ Die Menschen könnten durch die Unwissenheit aggressiver, depressiver oder akut krank werden.

Die Krankenschwester und Unterstützerin Tina Welz, die häufig in der Schule zu Besuch ist, berichtet, dass vielen der Schul-Bewohnern die Auswirkungen des Stresses gemein seien. "Viele schlafen seit einer Woche kaum noch, oft nur eine halbe Stunde. Sie kommen einfach nicht zur Ruhe." Weitere Folgen des akuten Stresses seien sehr niedriges Gewicht, Haarausfall und Kopfschmerzen - hervorgerufen durch die Enttäuschung und allerorts spürbare Resignation.

Anschläge gegen Diakonie und Grünen-Büro

Unterdessen wurde die Diakonie als Trägerin des dort neu entstehenden Flüchtlingszentrums in der Nacht auf Montag Opfer eines Farbbeutel-Angriffs, weil der Eindruck entstanden war, sie habe eine Räumung gefordert. „Eine mögliche Räumung der ehemaligen Gerhart-Hauptmann-Schule ist einzig und allein Sache des Bezirks Friedrichshain-Kreuzberg“, sagte Direktorin Barbara Eschen. Fachleuten zufolge sei es allerdings nicht möglich, dass Menschen in dem Gebäude leben, während es umgebaut wird.

Auch die „Grüne Box“, das Büro der Friedrichshainer Abgeordnetenhaus-Mitglieder Clara Herrmann und Marianne Burkert-Eulitz in der Boxhagener Straße, wurde in der Nacht auf Mittwoch mit Farbbeuteln und Pflastersteinen attackiert. Ob dieser Angriff mit der Hauptmann-Schule zusammenhängt, konnte niemand mit Sicherheit sagen. Herrmann sagte, sie sei wegen ihres Engagements gegen Nazis häufig schon bedroht worden.

Tina Welz erzählt währenddessen: "Viele der Flüchtlinge versuchen nun, das Gefühl der Freiheit in sich lebendig zu halten."

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