Gerhart-Hauptmann-Schule in Kreuzberg : Flüchtlinge sind gekommen, um zu bleiben

Der Senat fordert die Räumung der besetzten Gerhart-Hauptmann-Schule in Kreuzberg, so sei es mit den Flüchtlingen auch vereinbart worden. Doch die Besetzer harren aus. Ein Besuch.

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Heimat auf Zeit: Die besetzte Schule in Kreuzberg. Foto: dpa
Heimat auf Zeit: Die besetzte Schule in Kreuzberg.Foto: dpa

Am Eingang sitzt ein Sicherheitsmann hinter einer Scheibe. Er schaut kritisch auf jeden Besucher. Seitdem einige Artikel darüber geschrieben worden sind, dass Totschlag und Drogenhandel den Alltag auf dem Pausenhof der ehemaligen Gerhart-Hauptmann-Oberschule beherrschen, dürfen keine Journalisten rein. Die Bewohner fühlen sich diffamiert. Die Polizeieinsätze hier, etwa wegen Messerstechereien, hatten allerdings regelmäßigen Charakter. Seit der Besetzung Ende 2012 waren es rund 100 Delikte. Also: Augen zu, vorbei am Empfang und schnell die Treppe hoch.

Von Lampedusa nach Kreuzberg

In der Vereinbarung von Integrationssenatorin Dilek Kolat mit den Flüchtlingen vom Oranienplatz steht, dass auch die besetzte Schule geräumt werden soll. Doch die meisten hier denken nicht daran, zu gehen. Bis zu 200 Flüchtlinge sollen nach Schätzungen von Unterstützern im Gebäude an der Ohlauer-/ Ecke Reichenberger Straße leben, darunter auch Romafamilien aus Bulgarien und Rumänien. In der Schule gibt es einen Aushang des Bezirksamts. Der mahnt die Bewohner der Schule, einige Sauberkeitsregeln einzuhalten. Jemand hat das Wort Hygiene dick unterstrichen. Im ersten Treppenhaus funktioniert das mit der Sauberkeit ganz gut. Ein Mann wischt den Boden, schwingt den Mop gemütlich nach links, nach rechts. Es riecht nach Bodenreiniger. Rosenduft? Im zweiten Treppenhaus stinkt es dagegen nach Fäkalien. Aus blauen Müllsäcken lief vor einiger Zeit eine braune Suppe den Flur entlang. Nun klebt sie. Ein kleiner Hund setzt gerade einen frischen Haufen oben drauf. Die Flüchtlinge – teils über Lampedusa nach Berlin gelangt – besetzten vor anderthalb Jahren das Gebäude unweit vom Görlitzer Bahnhof. Aus Protest gegen die Unterbringung in Auffanglagern. Viele der heutigen Bewohner landeten nach ihrer abenteuerlichen Reise nach und durch Europa zunächst im niedersächsischen oder bayerischen Nirgendwo.

Es geht um Arbeitserlaubnisse

Nasrdin kommt aus dem Sudan. Er ist groß, bei den Bewohnern der Schule beliebt, jede Minute klopft jemand an die Tür. Seine helle Hose ist mit Farbe bekleckert, quasi kunstvoll ergibt das ein schönes Muster. Mal schläft Nasrdin alleine, mal mit zehn anderen in seinem kleinen Klassenraum. Der ist für einen Unterricht mit maximal zehn Schülern ausgelegt, nicht als Schlafzimmer für zehn Erwachsene gedacht. An den Wänden haben sie Koransuren und eine Karte von Afrika gemalt. Nelson Mandela gibt es als selbst gemachten Siebdruck. Die sudanesischen Zimmergenossen haben sich aus Brettern eine Hochebene gezimmert. Die Decke ist hoch. Die Konstruktion bunt bemalt, mit Bodenteppich ausgelegt. Fast lädt das zum Chillen ein. „Wir haben alles ohne Werkzeug gebaut“, sagt Nasrdin etwas stolz. „Wie wäre das, wenn wir in Deutschland legal unser handwerkliches Können zeigen dürften?“, fragt er.

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