Graffitikünstler aus dem Iran in Berlin : Sprayen gegen die Illusion

Immer an der Grenze zur Gotteslästerung: Im Iran können sie sich kaum frei äußern – jetzt stellen mehrere iranische Graffitikünstler in Berlin aus. Viele sind in den letzten Jahren ins Ausland geflohen.

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"Wir Iraner können auch modern", sagt Sprayer Oham One in der SomoS Gallery in Neukölln.
"Wir Iraner können auch modern", sagt Sprayer Oham One in der SomoS Gallery in Neukölln.Foto: Mike Wolff

Oham wirkt nervös, auch ein bisschen gestresst. Er sitzt auf einer zerschlissenen weißen Couch vor einer provisorisch eingezogenen Gipswand, lässt die Füße baumeln.

Auf seiner Stirn haben sich kleine Schweißperlen gebildet, doch der 23-Jährige ist gut gelaunt: In nur wenigen Stunden darf er Berlin seinen Schatz präsentieren. Bei „Tehran 94“, der ersten persischen Graffitiausstellung in Berlin.

Hinter ihm, auf der anderen Seite der Wand hängen sie: Großflächig auf Leinwand, klitzeklein im Miniart-Format, besprayte Dosen, Collagen. Es ist die Galerie von Paul Fugers und seinem Kunstprojekt Somos, in der es etwas muffig riecht und von der Wand an einigen Stellen Putz abbröckelt. Es ist ein Ort, an dem „Kunst produziert und kommuniziert“ werden soll, wie der Galerist erklärt.

Und genau deshalb sprayt Oham, der seinen richtigen Namen lieber nicht in der Zeitung lesen möchte, seit 2007 Graffiti: „Sie bilden meine Meinung besser ab als Schrift. Du musst in kein Museum gehen, jeder kann sie sehen.“

In der Szene Teherans kannte ihn jeder

Oham ist erst seit zwei Jahren in Deutschland. Zuvor war er in seinem Heimatland schon eine echte Graffiti-Größe. „In der Szene Teherans kannte mich eigentlich jeder“, erinnert er sich. Doch dann musste er mit seiner Mutter Hals über Kopf das Land verlassen, weil er einer christlichen Freikirche angehört, die vom Mullah-Regime geächtet wird. „Sonst hätten sie meine Mutter erhängt“, erzählt Oham, dessen Künstlername übersetzt „Illusion“ bedeutet. Und Illusionen kennt er zur Genüge: Illusionen von Freiheit und Frieden.

Internationale Sprache. Nur die persische Schrift verrät, dass es sich um ein iranisches Graffiti handelt.
Internationale Sprache. Nur die persische Schrift verrät, dass es sich um ein iranisches Graffiti handelt.Foto: Mike Wolf

Viele aus seiner iranischen Crew sind in den vergangenen Jahren ins Ausland geflohen – wegen „Iran-Problemen“, wie es Oham vorsichtig formuliert. Es geht um mangelnde Religionsfreiheit, politische Verfolgung, Ärger mit der Polizei. Den hatte auch Oham. Er erinnert sich an einen Vorfall aus seinen frühen Sprayer-Jahren: „Wir waren zu viert, haben ein Wand mit unseren Tags besprayt – illegal natürlich.“

Im ganzen Iran gebe es nur eine Wand, auf der Sprayen erlaubt sei, erzählt er. Polizisten kamen, legten den Jugendlichen Handschellen an und brachten sie ins Gefängnis. „Dort wurden wir verhört, die ganze Nacht, immer wieder. Erst am nächsten Morgen kamen wir frei.“ Der Vorwurf der Beamten: Satanismus. Oham grinst: „Das ist der kleine Unterschied: Was in Berlin Vandalismus heißt, nennen sie bei uns im Iran Gotteslästerung.

Nur einer der Künstler bekam ein Visum

Seine Kumpel haben sich über die ganze Welt verstreut, jeder in eine anderen Graffitimetropole: Cave2 wohnt jetzt in London, PST in Toronto, Rend One in New York. Die Werke der vier Exil-Iraner und drei weiterer Teheraner sind bis Donnerstag im Galerieraum in Kreuzberg zu bestaunen. Doch nur Oham kann dabei sein, die anderen haben kein Visum bekommen. „Wenn du jung und intelligent bist und nicht genug Geld auf dem Konto hast, denken die, du kommst nur hierher, um Asyl zu beantragen“, empört er sich.

Deshalb haben seine Freunde ihre Werke in Paketen geschickt. Doch streikte die Post just in der Woche, als die Pakete beim Berliner Zollamt abgeholt werden sollten. Die Folge: Die Pakete gingen zurück nach Kanada und Teheran. Doch Oham hat improvisiert: Wo PSTs Bilder hängen sollten, ist eine Videoinstallation zu sehen, die andere Wand ziert eine Sprechblase aus breitem Klebeband: „I would like to ask you to imagine“ steht darin: Der Betrachter wird aufgefordert, sich einfach etwas vorzustellen. „Ist doch auch Kunst, oder?“, fragt Oham augenzwinkernd.

Mehr als 11.000 Besucher haben sich via Facebook angemeldet. Auch wenn wohl nicht so viele Menschen kommen werden, will Oham sein Ziel erreichen: „Berlin soll sehen, dass auch wir Iraner modern sind und nicht alle in der Wüste Kamele züchten.“

„Tehran 94“ ist bis zum 23. Juli von 14 bis 19 Uhr in der Kreuzberger Galerie Somos, Kottbusser Damm 95, gratis zu sehen.

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