Ideenklau in Berlin : Heißer Streit ums Coworking-Eis

Drei Berliner erfinden ein neues Produkt, gemeinsam in einem Coworking-Space in Berlin-Kreuzberg. Ein Ex-Mitarbeiter kopiert die Idee. Durfte er das? Das Landgericht hat gegen ihn entschieden - vorerst.

Tin Fischer
Ein Eis geht eigentlich immer - ob in der Waffel oder am Stiel. Um eine besondere Eissorte am Stiel gab es jetzt am Berliner Landgericht einen Prozess.
Ein Eis geht eigentlich immer - ob in der Waffel oder am Stiel. Um eine besondere Eissorte am Stiel gab es jetzt am Berliner...Foto: Katharina Kemme p-a/dpa

Für Manu Kumar ist der Hinterhof am Kreuzberger Paul-Lincke-Ufer schon lange kein Idyll mehr. Viel Sonne, viel Grün, das alte Gebäude ist schwarz und weiß bemalt. „Just best ingredients“ – nur beste Zutaten – steht am Eingang.

Dahinter befindet sich Kumars Labor. Hier tüftelt er an immer neuen Lebensmitteln. Für eine seiner Kreationen streitet er seit über einem Jahr vor Gericht. In dem Rechtsstreit geht es um Eis am Stiel – aber auch um die Frage, wie viel Rechtssicherheit in der neuen Arbeitswelt herrschen kann.

2008, erzählt Kumar, kamen er und Projektmanager Ali Erfani auf die Idee, ein neues Eis zu entwickeln. „Als Vater, aber auch als Bio-Mensch und Vegetarier, der Yoga macht und gesund lebt, fand ich, dass der Eismarkt nicht mehr up-to-date ist, vor allem was Inhaltsstoffe angeht: viele Kalorien, Farbstoffe und so weiter“, sagt Kumar. Die Molekularküche war en vogue – das wollten Kumar und Erfani nutzen.

Ihre Idee: ein Eis, das nicht klebrig und süß ist, sondern ungewöhnliche Geschmäcker wie gelierten Wodka an den Stiel bringt. Eher was für Clubs und Bars als den Kiosk oder das Kühlregal.

Jeder bringt seine Fähigkeiten und Ideen ein

Auch in der Umsetzung wollten sie neue Wege gehen. „Ich hatte damals bereits einen Coworking-Space aufgebaut“, sagt Kumar. Man arbeitet vernetzt im Großraumbüro, jeder bringt seine Fähigkeiten und Ideen ein, alle profitieren von allen. Und man vertraut einander. „Es herrschte bewusst ein Kommen und Gehen, damit keine eingeschworene Gemeinschaft entstand, sondern etwas Lebendiges.“ Mit diesem Prinzip machten sie sich auch an die Verwirklichung der Eisidee.

Zunächst gelang das gut. Gemeinsam mit Grafiker Stefan Gandl, der mit auf der Büroetage saß, entwickelten sie eine futuristisch anmutende Eisform. „Es begann dann die Marketing-Phase“, so Kumar. „Investoren und Presse ansprechen. Damit hatten wir keine Erfahrung.“

Hier kam David Marx ins Spiel. Kumar erinnert sich so: „Marx war neu in Berlin, fand die Szene hier spannend und mietete sich in unserem Coworking-Space ein. Er bot sich für das Marketing an. Wir nahmen ihn mit ins Boot, wollten schauen, ob das miteinander klappt.“ Schriftliche Verträge machten sie nicht, sagt Kumar. Es gab nicht mal eine Firma. Man arbeitete offen und unverbindlich. „Blauäugig.“

Streitgegenstand: das Coworking-Eis "Nuna".
Streitgegenstand: das Coworking-Eis "Nuna".Foto: PR

Die Zusammenarbeit mit Marx funktionierte nicht. In E-Mails beklagte er das mangelnde Tempo – und ging. Kumar, Erfani und Gandl fanden mit Christian Arfert einen neuen Mann fürs Marketing. Sie ließen sich ihr zackiges Eis markenrechtlich schützen, nannten es „Nuna“, gründeten eine gleichnamige Firma und machten sich auf die Suche nach einem Partner in der Industrie. Nuna glaubte sich vorerst geschützt. Verletzungen des Markenrechts können zu sofortigem Verkaufsstopp und Schadensersatz führen.

Im Herbst 2011 berichtete das Magazin „Wired“ plötzlich über ein neuartiges Eis, ein „Sci-Fi am Stiel“ namens „Kyl“. Es sah Nuna verblüffend ähnlich. Als Erfinder präsentierte sich: David Marx. „Ein Albtraum“, sagt Grafiker Gandl. Nuna mahnte Marx ab. Vor zwei Jahren dann präsentierte Marx in der Berliner Platoon-Kunsthalle die nach seinen Worten „wohl größte Eis-Evolution seit der Erfindung des Speiseeises“.

Medien berichteten, das Eisdesign ging sprichwörtlich um die Welt und Marx gab sich als sein Schöpfer aus. Über die Berliner Crowdinvestment-Plattform Companisto sammelte er knapp eine Million Euro bei Kleinstinvestoren ein, um es im eigenen Betrieb auf den Markt zu bringen.

Nuna klagte gegen Kyl

Auf die Ähnlichkeit zu Nuna-Formen angesprochen, meinte Marx damals auf Anfrage, die Form sei eine Gemeinschaftsleistung gewesen. Nuna hätte folglich kein Recht gehabt, sie ohne seine Zustimmung schützen zu lassen. Nuna – die mittlerweile einen großen deutschen Eishersteller als Partner gewinnen konnten – bestritt diese Darstellung. Und klagte.

„Ideenklau ist ein Riesenthema in Coworking-Spaces. Es gibt hier einfach sehr viel Austausch“, sagt Mathias Schürmann, Autor des Buchs „Coworking Space“. Coworker seien oft eher daran interessiert, etwas zu entwickeln, als es gleich schützen zu lassen. „Wenn ich nichts preisgebe, kann ich auch nichts gewinnen, erhalte kaum Feedback und keinen Input.“

Schürmann glaubt, dass die Vorteile der Arbeitsform überwiegen. Ähnlich sieht man es beim Berliner Betahaus, wo fast die Hälfte Unternehmensgründer sind. „Wer zu uns kommt, will Ideen teilen und schnelles Feedback“, sagt Madeleine Gummer von Mohl.

Coworking-Büros? "Für Leute mit großen Ohren"

Kumar, Erfani und Gandl hingegen arbeiten heute nicht mehr in Coworking-Büros und haben Konsequenzen aus ihren Erfahrungen gezogen. „Es ist ein Nährboden für Leute mit großen Ohren“, sagt Kumar. „Ich mache heute Verträge. Ich will nicht noch einmal beweisen müssen, wer ein Design entwickelt hat.“ Immerhin ein Aspekt der neuen, vernetzten Arbeitswelt kam Nuna zugute: Jeder Arbeitsschritt hinterlässt in der Regel digitale Spuren. Mit Skizzen und vor allem einem umfangreichen, aussagekräftigen EMail-Verkehr – den auch der Tagesspiegel einsehen konnte – überzeugte Nuna das Berliner Landgericht, dass Marx keinen substanziellen Anteil an der Entwicklung der Eisform hatte.

Markeneintrag war rechtens

Auch lasse sich aus seiner Verantwortung fürs Marketing kein Recht am Design ableiten. Und schließlich habe er, wie es ein Richter in der Verhandlung formulierte, „auf Deutsch gesagt hingeschmissen“. Nunas Markeneintrag sei also rechtens. Die Formen würden außerdem erheblich von gewöhnlicher Eisgestaltung abweichen. Und sie seien durchaus verwechselbar. Die Entscheidung des Gerichts: Marx darf sie nicht mehr verwenden. Gegen das Urteil hat er Berufung eingelegt.

Öffentlich will sich Marx zu alldem nicht äußern. Auf Anfragen antwortet er nicht. Die umstrittenen Formen sind von seiner Website verschwunden. Im Moment will er offenbar unter dem Label „21 Ice Cream“ ein veganes Eis in Bio-Märkte bringen. Seine Crowdinvestoren werden – wegen noch anderer Probleme - in Foren langsam unruhig.

Nuna derweil werde, so Christian Arfert, ihr Eis in diesem Jahr zumindest auf Events anbieten können.

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