Kreuzberg Kinder- und Jugendprojekt : Hip-Hop aus dem "Graefe"

Schreiben, rappen und filmen: Beim Kreuzberger Kinder- und Jugendtreff "drehpunkt" rappen junge Kreuzberger über ihren Stadtteil.

Jennifer Hinz
Durch das Projekt "LebensArt" bekommen die Jungen aus dem "Graefe" die Chance, sich durch Hip-Hop auszudrücken.
Durch das Projekt "LebensArt" bekommen die Jungen aus dem "Graefe" die Chance, sich durch Hip-Hop auszudrücken.Foto: David Heerde

Über den Laptop-Bildschirm flimmern Hip-Hop-Videoclips. Ali kann alle Texte mitsprechen. Sein Kopf nickt zum Beat, während der Elfjährige aufschreibt, über welche Themen Berliner Rapper wie Bushido und Fler rappen.

Zusammen mit Freunden und Schulkameraden nahm Ali in diesen Osterferien an dem Hip-Hop- und Filmprojekt „LebensArt“ im Kreuzberger Kinder- und Jugendtreff „drehpunkt“ in der Urbanstraße 43 teil. Maximal 16 Teilnehmer produzierten einen Hip-Hop-Song, den sie selbst schrieben, im Studio aufnahmen und mit einem Videoclip vollenden. Die jungen Berliner sind zwischen zwölf und 16 Jahren. Dass an dem Projekt keine Mädchen teilnehmen, ist durchaus gewollt, sagen die Projektleiter Claudia Freistühler (37) und Stefan Seifert (52). „Es gibt sehr viel spezielle Mädchenförderung in allen Bereichen, aber nur wenig Jungenförderung. Und bei gemischten Projekten sind Jungen häufig unterrepräsentiert“, sagt Freistühler.

Lernerfolge steigern das Selbstbewusstsein

Viele der Projektteilnehmer kommen aus sozial schwachen Familien, haben Eltern mit Migrationshintergrund und leben im „Graefe“ wie sie den Kiez in der Werner-Düttmann-Siedlung nennen. Das Projekt soll das Selbstbewusstsein der Kinder stärken, sie anhalten etwas anzufangen und vor allem auch zu Ende zu führen. Das bringe einen Lernerfolg, der in Schule häufig ausbleibe.

Gleich am zweiten Tag wird getextet. Ein Ablaufplan auf einem Flipchart gibt den Jungen Orientierung, wann sie arbeiten, eine kurze Pause geplant ist oder das Mittagsessen bereitsteht. Die Gruppe wird geteilt; nicht nur damit die vier Betreuer besser auf die Teilnehmer individuell eingehen können, sondern auch, weil einige den ersten Tag verpasst haben. Am Tag zuvor hat die Gruppe bereits das Thema des Songs entwickelt. Es soll um das Leben der Jungen im „Graefe“ gehen. Jeder wird einen Splitter aus seinem Leben zum Gesamtkunstwerk beitragen. In einem Freestyle wird am Nachmittag jeder seinen Teil präsentieren.

Facebook, Lehrer und Salafisten

Ali und vier weitere Nachwuchsrapper müssen ein Stockwerk höher zum Nacharbeiten, sie haben noch kein Thema für ihren Teil. Videos von Berliner Rappern sollen Inspirationen geben. Ali notiert die Themen, in denen sich die Jungen wiederfinden. So treffen auf dem rosafarbenen Bogen Papier Stichpunkte wie Facebook, Lehrer und Salafisten aufeinander. „Salafisten hat er nur aufgeschrieben, weil er das Wort so lustig fand“, sagt Betreuer Felix. Der 28-Jährige hat selbst früher HipHop gemacht. Manchmal fällt es den Jungen schwer, sich zu konzentrieren. Dann versteigen sie sich in Diskussionen. Felix und seine Kollegen sind daher nicht nur Betreuer, sondern auch Vermittler. Häufig gehe es um Nichtigkeiten, aber auch das reiche für den einen oder anderen schon, das Projekt zu verlassen. Da müssen die Betreuer rechtzeitig gegensteuern.

Hip-Hop Projekt in Kreuzberg
In den Pausen probieren die Jungen die Synthesizer-Drummmachine aus. Sie stammt aus den 90ern, funktioniert aber noch tadellos.Alle Bilder anzeigen
1 von 8Foto: David Heerde
12.05.2014 10:07In den Pausen probieren die Jungen die Synthesizer-Drummmachine aus. Sie stammt aus den 90ern, funktioniert aber noch tadellos.

Ein Stockwerk tiefer dröhnt aus einem Ghettoblaster der extra für das Projekt komponierte Beat. Er wird später den Song unterlegen. Betreuer Holger (23) blickt auf die Notizen von Saif (12), deutet mit dem Finger auf einen Punkt und fragt: „Ist Sport etwas, das dich beschäftigt?“ „Sport ist Mord“, antwortet der etwas untersetzte Junge. Seine Wangen glühen vor Aufregung. Holger schnippt im Takt, rappt die Zeilen auf den Beat und zeigt auf, wo es noch hakt. In der Pause schnappen sich einige Jungen abwechselnd das Mikrophon, das an den Ghettoblaster angeschlossen ist. Stimmengewirr, Rapp-Passagen und plötzlich hallt der Refrain von Nenas „99 Luftballons“ durch den Raum.

Morgen geht es im Tonstudio weiter. Brühungsängste mit den Medien Ton und Film haben die meisten nicht. Ali hat eher Sorge, sich zu blamieren, „wenn wir rappen oder den Film drehen und einer verkackt.“ Zur Premiere des fertigen Videoclips im Moviemento-Kino sind schließlich Familie und Freunde der Projektteilnehmer geladen. Außerdem habe die erste Projektgruppe in den Herbstferien vorgelegt. Ihr Song kursiere nach wie vor auf den Schulhöfen und Handys im Kiez.

Für das kommende Schuljahr ist das Projekt ein weiteres Mal geplant.

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