"Geh doch nach Spandau"

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Leben in der Demo-Hauptstadt Berlin : Mein Kreuzberg, meine Wut
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Am Wochenende davor eine türkische Kundgebung, die Nebenstraßen polizeigesichert. Voriges Wochenende eine von vielen turbulenten Nächten: alle paar Minuten Martinshorn. Feuerwehreinsatz, quietschende Reifen, Polizeidurchsagen per Megafon. Randalierer hatten Straßensperren gebaut und sie angezündet.

Ständig haben Beamte im Kiez etwas zu befrieden, Demos zu begleiten, Randale zu verhindern, Straßen abzuriegeln. Nächtliche Verfolgungsjagden: normal. Besoffene Bambule in der luisenstädtischen Grünanlage: ein Sommerspaß. In Mülleimern detonierende Böller: ein Kreuzberger Knaller. Dröhnende Bässe wie von Freiluftkonzerten bis in die Morgenstunden: Da rufen Anwohner morgens um drei verzweifelt und schlaflos die 110 an. Aber vermutlich wird der Wunsch nach Nachtruhe ja schlicht überbewertet.

Kreuzberger Impressionen
Viele Berliner ließen ihre Beine über dem Landwehrkanal baumeln oder fuhren noch einmal Schlauchboot.Weitere Bilder anzeigen
1 von 190Foto: Sara Schurmann
19.10.2014 19:41Viele Berliner ließen ihre Beine über dem Landwehrkanal baumeln oder fuhren noch einmal Schlauchboot.

Tagsüber kommt der Autofahrer nicht nur nicht mehr in sein Wohngebiet rein, sondern auch nicht mehr raus: etwa, wenn die Flashmob-Tour der „Critical Mass“-Fahrradfahrer mal wieder freitags zu Hunderten die Oranienstraße flutet und den Verkehr lahmlegt, obwohl „den Verkehr zu blockieren nicht das Ziel von Critical Mass ist“.

Der 1. Mai ist nur der makabre Höhepunkt, zu dem alle mit Einbruch der Dämmerung auf den Auftritt des schwarzen Blocks warten und darauf, wie erfolgreich die Staatsmacht diesmal deeskaliert. Wer in der Nähe des Oranienplatzes wohnt, blickt zwar hübsch ins Grüne, aber auch ständig auf Grün: auf Schlangen von Einsatzfahrzeugen und einsatzbereiten Polizisten. In SO36 ist der Zoff zuhause. Wer dort einfach nur nett wohnen will, hat Pech gehabt. Aber: Wieso haben die Rechte der anderen Vorrang?

Der Polizist ist längst weggezogen aus Kreuzberg

Der Schutzpolizist, der die Tagschicht in der Rund-um-die-Uhr-Bewachung der Flüchtlingsmahnwache hat, ist gebürtiger Kreuzberger. Er sagt: „Ick hab’ schon vor Jahren hier die Kurve jekratzt. Hatte die Faxen dicke.“ Er wohnt jetzt am ruhigen Stadtrand. Die Mitbewohner-Familie im Haus, ganz frisch mit zweitem Kind, entfernt sich in Richtung Pankow, hat dort ein Haus gekauft. Die berufstätige Mutter sagt: „Die Gegend hier geht mir mittlerweile auf den Zeiger. Ich denke da auch an meine Kinder.“ Ein früherer Nachbar bekam, als er sich mal über die Zustände am Ort beschwerte, zu hören: „Dann geh doch nach Spandau!“ Er antwortete: „Geh du doch nach Spandau!!!“

Es muss nicht immer Spandau sein. Viele sagen mir, warte noch, wird doch sicher ruhiger, jetzt, wo hier gebaut, saniert und alles teurer wird. So war’s nicht gemeint. Nobel muss Kreuzberg 36 nicht werden, aber vielleicht rücksichtsvoller im Umgang mit der Bürgermischung, die es ausmacht. Ist wohl zu viel verlangt. Die Hüter des Zoffs lauern schon.

Dieser Artikel erscheint im Kreuzberg Blog, dem hyperlokalen Online-Magazin des Tagesspiegels.

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