Leben in der Demo-Hauptstadt Berlin : Mein Kreuzberg, meine Wut

Täglich Belagerungszustand, täglich Grün auf der Straße. So kann es nicht weitergehen in Kreuzberg, meint SO-36-Bewohnerin und Tagesspiegel-Redakteurin Susanne Leimstoll.

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Blick ins Grüne. Was ist denn schon wieder los, fragt sich nicht nur Fiffi. Rund um den Oranienplatz ist die Polizei im Dauereinsatz.
Blick ins Grüne. Was ist denn schon wieder los, fragt sich nicht nur Fiffi. Rund um den Oranienplatz ist die Polizei im...Foto: AFP

Ich habe mal einige Jahre auf der Schwäbischen Alb gelebt, in den Neunzigern, als dort Deutsche und Alliierte 6700 Hektar Truppenübungsplatz für Manöver nutzen durften. Wenn ich zu Bett ging, waren die Sperrfeuer der Panzer zu hören. Klein-Beirut in Württemberg. Das war gewöhnungsbedürftig.

Ich war mal im Urlaub in Israel, das Hotel lag im Badeort Netanya. Am Strand ritt die Polizei ständig Schlangenlinien zwischen den Badelaken, auf Patrouille wegen herrenloser, sprengstoffverdächtiger Taschen. Lag da eine, wurde mal kurz der Strand geräumt. Über den Köpfen der Sonnenbader kreiste ein Militärhubschrauber. Die Israelis am Strand fanden das prima. Sie sagten: „Wie schön, wir sind sicher hier.“ Eine neue Erfahrung. Ich dachte mir: Entspannung geht anders.

Solche Orte ertrage ich eine Zeit lang, dann muss ich fliehen.

Seit einigen Jahren wohne ich in Kreuzberg 36. Eigentlich sehr hübsch, mit Blick auf alte Bäume und Laternen. Die Touris, die sie in Bussen hier durchfahren, sagen: Ach, ist das entzückend! Ist es nicht.

Der 1. Mai 2014 in Berlin
...Autonome bei Zügen die Notbremse gezogen hatten und das Gleisbett besetzt hielten. Auf dem Bahnsteig befanden sich auch viele Gäste des MyFests, die unfreiwillig in die Scharmützel gerieten.Weitere Bilder anzeigen
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02.05.2014 16:05...Autonome bei Zügen die Notbremse gezogen hatten und das Gleisbett besetzt hielten. Auf dem Bahnsteig befanden sich auch viele...

In letzter Zeit habe ich den Eindruck, ich lebe mitten im Kleinkriegsgebiet. Kreuzberg nähe Oranienplatz heißt heute Wohnen im Belagerungszustand, mit ständiger Polizeipräsenz. Es ist Berlins wiederentdeckte gute alte Demo-Stube, besonders, seit Land und Bezirk begannen, sich die Verantwortung für ein Flüchtlingscamp zuschieben und es monatelang öffentlichen Raum besetzen ließen.

Ein willkommener Anlass für Aufzüge diverser Gruppen, alle paar Tage was Neues, alle paar Tage schwer bewacht. Gutes Bürgerrecht, aber: Will man diese Kulisse ständig vor der Nase und um die Ohren haben?

Keine Ruhe nach der Räumung des Camps

Nach der Räumung des Camps ist keineswegs Schluss. Wo Flüchtlinge „hungerstreiken“ und „Unterstützer“ mahnwachen, stehen die Einsatzfahrzeuge rund um die Uhr, sollen Polizeibeamte verhindern, dass dort ein neues Camp entsteht. Tage zuvor bewachten Kohorten von Polizisten ein eingezäuntes Stück Rollrasen und einen Baum mit protestierenden Flüchtlingen. Querstraßen gesperrt, nach Feierabend kein Durchkommen zum Wohnort. Wieder mal.

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