Reise zum Mittelpunkt Berlins : Am Ruhepol

N52° 30’ 10,4, E13° 24’ 15,1, Berlins geografische Mitte: Wer diesen Punkt aufsucht, landet in einem toten Winkel von Kreuzberg – und staunt. Zwischen Sozialbau, Spießbürgerlichkeit und zartem Pioniergeist ist die Stadt hier ganz bei sich.

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Da ist das Ding! Die Mitte Berlins findet sich bei 52 Grad, 30 Minuten und 10,4 Sekunden nördlicher Breite und 13 Grad, 24 Minuten und 15,1 Sekunden östlicher Länge. Anders gesagt: im Gebüsch neben einem Sportplatz.
Da ist das Ding! Die Mitte Berlins findet sich bei 52 Grad, 30 Minuten und 10,4 Sekunden nördlicher Breite und 13 Grad, 24 Minuten...Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Die Frau in der Wäscherei überlegt. Sie überlegt lange. Ihr Blick geht zur Decke des Bungalows an der Ritterstraße, „Chemische Reinigung und Wäscherei Fischer & Thiele – seit 1918“, so stand es draußen über dem Eingang. Auf dem Tresen liegt ausgebreitet ein weißer Pelzmantel, einer, wie ihn nur Frauen über 60 tragen.

„Also, da gehen Sie jetzt hier runter“, sagt die Frau schließlich und zeigt vage zur Tür hinaus, „immer am Sportplatz lang, und dann rechts rein.“ Seitliche Handbewegung. „An der Ecke, da ist so ein Ding im Boden, mit Berlin drauf.“ Sie lässt die Hand sinken. "Das müsste’s eigentlich sein. Ich wüsste nicht, wo sonst." Dann beginnt sie wieder damit, den Damenpelz zusammenzulegen. Die Tür fällt ins Schloss.

Googelt man „Die Mitte Berlins“, sind die ersten Resultate: zwei Lokalzeitungsbeiträge über das neue Humboldtforum im Stadtschloss; eine Seite des Senats für Stadtentwicklung zum gleichen Thema; ein PDF-Dokument der Partei „Die Linke“: „Die Mitte Berlins ist für alle da!“; das Buch „Die Bedeutung des Berliner Stadtschlosses für die Mitte Berlins“, Amazon-Bestseller-Rang Nr. 3 434 532; ein Hinweis auf die Karfreitagsprozession der Evangelischen Kirche Berlins; der Umweltpreis „Grüne Ideen für die Mitte Berlins“; eine Fahrradtour von der Kantstraße zur East-Side-Gallery; ein RBB-Beitrag mit dem Titel „Die Kontinuität des Nebeneinanders“; ein Hinweis auf eine Podiumsdiskussion der Akademie der Künste; die Berliner Landing-Page des Privatbetten-Anbieters Airbnb; eine Liste der „besten Restaurants“ der Stadt; die Ankündigung für den Faschingsumzug des Festkomitees Berliner Karneval e. V. beziehungsweise dessen Absage: „Leider muss dieser Zug ausfallen!“ Das ist es also, was das Internet unter dem Herzen dieser Stadt versteht.

Und das ist es, was Geografen darunter verstehen: N52° 30’ 10,4, E13° 24’ 15,1. Der sogenannte „Flächenschwerpunkt“ Berlins, mathematisch berechnet anhand von hunderten Vektorenpunkten an der Außengrenze. Jede Stadt, jede Fläche hat solch einen Mittelpunkt – in London soll es die Reiterstatue von Charles I. am Trafalgar Square sein, in München liegt er direkt neben der berühmten Frauenkirche. Und in Berlin? Wenn die Stadt eine Laubsägearbeit wäre, wo könnte man sie auf der berühmten Stecknadel balancieren, ohne dass sie in eine Richtung wegkippt? Und, weit wichtiger noch: Wie sieht es da aus, in der Nachbarschaft, im Drumherum?

Der Weg zum Mittelpunkt Berlins, 52 Grad, 30 Minuten und 10,4 Sekunden nördliche Breite, 13 Grad, 24 Minuten und 15,1 Sekunden östliche Länge, führt die Lobeckstraße runter, immer am Sportplatz lang, und dann rechts rein.

Es ist dann sofort eine Riesenenttäuschung.

Eine winzige Granitplatte auf vier Steinstummeln. „Hier befindet sich der Mittelpunkt Berlins“, kleine Versalien in Bürokratensprache: „Flächenschwerpunkt in den Grenzen von 1996 – Vermessungsamt Kreuzberg“, und dann hat auch noch irgendein Chaot quer über den Umriss der Stadt ein paar unleserliche Linien gesprüht, gelb und grün, kreuz und quer. Wenn das ein Name sein soll, eine Signatur, dann kann man sie nicht lesen. Tja, unbekannter Sprayer, du wirst auch weiter unbekannt bleiben. Désolé.

Der Stein ist das eine, seine Lage noch mal das ganz andere. Er duckt sich regelrecht in die Weggabelung, nur ein paar Meter vom Metallzaun weg, der den Sportplatz begrenzt. Hier trifft Fußweg auf Fußweg, zwischen ein paar Büschen, in sicherer Entfernung von der Straße, inmitten brauner Erde und ein paar Haufen Hundescheiße. Der Mittelpunkt Berlins ist exakt so positioniert, dass er geschätzt keinem einzigen Menschen jemals auffällt.

Die Straßen um den Sportplatz. Das ist erst einmal die Alexandrinenstraße, grobe Nord-Süd-Richtung, zwei Querstraßen weiter stößt sie auf die Oranienstraße. Zum anderen die Ritterstraße, die nördlich des Fußballfelds verläuft, von der wiederum die winzige Jakobistraße auf den Backsteinturm der gleichnamigen Kirche zuläuft. Und eben die Lobeckstraße.

Das Tor zur Mitte. Von der Wäscherei Fischer & Thiele gelangt man geradewegs zum Mittelpunkt.
Das Tor zur Mitte. Von der Wäscherei Fischer & Thiele gelangt man geradewegs zum Mittelpunkt.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Ein erster Blick nach oben. Es ragen, gut sichtbar, drei Hochhaustürme aus dem Viertel, Sozialbau der 60er und 70er Jahre, je einer westlich, südlich und östlich des Sportplatzes, 16 Stockwerke, wie drei zu lang geratene Eckzähne. Es sieht also erst mal ein bisschen schmuddelig aus. Berliner Skyline. Beim Gang durch die Straßen entdeckt man dann die kleineren Mehrfamilienhäuser dazwischen. Sorgfältig stehen sie die Lobeckstraße entlang im Grün, auch im Norden der Alexandrinenstraße, fein säuberlich von der Straße abgewinkelt, 45 Grad. Nachkriegsklötzlein. Persil. Lenor. Bosch. AEG. Siemens. Made in West-Germany. Verblasste Farben des kleinen Bürgertums schimmern durchs Grün. Steht da hinten ein Opel Rekord?

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