Historie : Kreuzberger Geschichte: Kiez, Kanonen und Krawalle
26.04.2011 14:57 UhrVor etwa 20000 Jahren
Die Eiszeit formt die die heutige Brandenburg-Berliner Hochfläche Teltow - und damit die knapp 66 Meter hohe Erhebung, die später den Namen Kreuzberg erhält
1261
Cölln (das später mit Berlin fusioniert) erwirbt ein Gebiet, das eines Tages zur Luisenstadt wird und diese wiederum zu einem Teil Kreuzbergs.
1290
Der Berg wird erstmalig urkundlich erwähnt.
1525
Kurfürst Joachim I.
rettet sich auf die Höhenlage, um einer Sintflut zu entkommen, die ihm sein Hofastrologe vorausgesagt hat.
16. Jahrhundert
Der Weinanbau am späteren Kreuzberg beginnt (und endet rund 200 Jahre später). Um das alte Cölln entsteht die Cöllnische oder Köpenicker Vorstadt. 1802 erhält sie den Namen Luisenstadt.
Dreißigjähriger Krieg (1618–1648)
Schwedische Truppen fahren auf der Anhöhe ihre Kanonen auf, um Berlin zu bedrohen. 1760 wiederholt sich das Ganze, als russische Truppen die Stadt beschießen.
1691
Die Friedrichstadt, die später in Mitte und Kreuzberg aufgeht, wird gegründet.
1734 bis 1737
Die Berliner Zollmauer wird errichtet. Bis heute erinnern zum Beispiel das Hallesche Tor und der Wassertorplatz daran, ebenso geht der Name Oberbaumbrücke auf die Sperranlage zurück. In der Anhalter Straße wurde 1980 ein Stück wiedererrichtet.
1734/35
Preußen lässt sein Kammergericht in der Lindenstraße (heute ein Teil des Jüdischen Museums) bauen.
1809
Der Großgrundbesitzerfamilie Bergmann gehört jetzt das ganze Gebiet südlich der Straße, die 1837 nach Marie Louise Bergmann benannt wird.
1821
Am 30. März wird das Nationaldenkmal für die Befreiungskriege gegen Napoleon enthüllt, das ein eisernes Kreuz auf der Spitze trägt. Der Sandberg heißt jetzt Kreuzberg, und die Parkanlagen entstehen.
1825
Grundsteinlegung für die "Englische Gasanstalt" in der Gitschiner Straße. Die englische Betreiberfirma hat für 21 Jahre das Monopol auf die Gaslieferung Berlins.
1829
Am Südhang des Kreuzbergs gründen die Brüder Gericke denn Vergnügungspark Tivoli nach Pariser Vorbild. Daraus wurde 1857 die Brauereigesellschaft Tivoli, 1891 steigt Schultheiss ein.
1841
Der erste Anhalter Bahnhof nimmt den Betrieb auf, der 1880 durch einen repräsentativen Bau ersetzt wird. Im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigt, wird die einst imposante Halle später gesprengt. 1952 fährt der letzte Zug
1844
Der Askanische Platz erhält seinen Namen. 2009 zieht der Tagesspiegel in das Haus mit der Nummer 3.
1849
Die Orangenstraße und die Neue Orangenstraße heißen jetzt Oranienstraße.
1850/53
Das heutige Finanzamt am Mehringdamm 20-25 wird errichtet – als Garde-Dragoner-Kaserne.
1850
Der Landwehrkanal geht offiziell in Betrieb.
1852
Der Luisenstädtische Kanal ist fertig gestellt. Er führt über Wassertorplatz, Oranienplatz und Engelbecken zur Spree. Ab 1926 wird er zugeschüttet und durch einen breiten, stellenweise parkartigen Grünstreifen ersetzt.
1861
Die Tempelhofer Vorstadt (und damit der Teil des heutigen Kreuzbergs südlich des Landwehrkanals) wird von Berlin eingemeindet.
1865
Baubeginn für den Görlitzer Bahnhof, 1866 fährt der erste, 1951 der letzte Zug.
Ende 19. Jahrhundert
Zahlreiche Mietskasernen im Osten Kreuzbergs entstehen, die Einwohnerzahl steigt weiter an, zwischen 1871 und 1873 verdoppeln sich die Mieten.
1880
Die Reichsdruckerei, ein Jahr zuvor in der Oranienstraße eröffnet, druckt das erste Telefonbuch Berlins.
1881
Das Kunstgewerbemuseum, der heutige Martin-Gropius-Bau, wird feierlich eröffnet. Im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigt, wird das Haus erst 1966 unter Schutz gestellt. 1978 beginnt der Wiederaufbau.
1893
Der bisherige Platz E im Bebauungsplan erhält den Namen Kaiser-Friedrich-Platz, 1938 wird er in Gardepionierplatz umbenannt, 1947 in Südstern.
1888
Der Viktoriapark wird angelegt, und der 24 Meter hohe Wasserfall entsteht.
1891
Die Eisenbahnmarkthalle geht als „Markthalle IX“ in Betrieb.
1894/1896
Als Ersatz für eine alte Holzbrücke entsteht die noch heute erhaltene Oberbaumbrücke.
1894
Wertheim eröffnet in der Oranienstraße, 1913 ein noch größeres Haus gegenüber. Die Firma DeTeWe nimmt ihr Gebäude in der Zeughofstraße in Betrieb.
1896
Spatenstich für die Hochbahn in der Gitschiner Straße.
1887/90
Das Krankenhaus Am Urban wird gebaut.
1902
Die U-Bahnlinie vom Stralauer Tor durch Kreuzberg zum Potsdamer Platz geht in Betrieb.
1907/08
Das Hebbel-Theater in der späteren Stresemannstraße wird gebaut. Am 29. Januar 1908 ist Premiere mit Hebbels „Maria Magdalena“.
1908
Bei einem U-Bahn-Unglück am Gleisdreieck sterben 21 Fahrgäste. Die Anlage wird danach grundlegend umgebaut und erhält ihre heutige Form.
1920
Der sechste Verwaltungsbezirk von Groß-Berlin entsteht durch die Fusion der Südlichen Friedrichstadt, der Luisenstadt und der Tempelhofer Vorstadt. Name: Hallesches Tor.
1921
Umbenennung des Bezirks in Kreuzberg.
1928
Die heutige U-Bahnline 8 erreicht das Kottbusser Tor.
1934
Der erste Nazi-Bürgermeister übernimmt das Rathaus.
1938
Die Bezirksgrenze zu Mitte wird begradigt.
1939
Die S-Bahn nimmt den gesamten Nord-Süd-Tunnel in Betrieb. Die Nazis feiern das als ihren Erfolg - geplant war die Strecke aber schon vor ihrer Machtübernahme.
1941
In der Methfesselstraße baut Konrad Zuse, der „Vater der Computer“, den ersten voll arbeitsfähigen programmgesteuerten elektromechanischen Digitalrechner der Welt.
1945
Einer der schwersten Luftangriffe auf Berlin legt am 3. Februar auch weite Teile Kreuzbergs in Trümmer. Nach der Kapitulation wird der Bezirk dem amerikanischen Sektor zugeschlagen.
1949
Der SPD-Politiker Willy Kressmann wird zum Bezirksbürgermeister gewählt. Bis 1962 bleibt der populäre Rathaus-Chef im Amt und prägt den Wiederaufbau Kreuzbergs entscheidend mit.
1949
Das erste Seifenkistenrennen rollt über den Mehringdamm.
1952/58
In zwei Etappen entsteht der elfgeschossige Rathaus-Neubau an der Yorckstraße.
1954
Mit Spenden aus den USA wird am Blücherplatz die Amerika-Gedenkbibliothek eröffnet.
1956
Das Prinzenbad lädt zum Premierentag ein. Es entstand auf dem Gelände einer stillgelegten Gasanstalt.
1961
Am 13. August lassen die DDR-Machthaber die Mauer bauen. Kreuzberg rückt aus der Mitte der Gesamtstadt an den Rand West-Berlins. Der damalige Postbezirk SO 36 ist sogar von drei Seiten durch die Mauer umschlossen. Am 27. Oktober 1961 stehen sich sowjetische und amerikanische Panzer am Checkpoint Charlie gefechtsbereit gegenüber – eine der gefährlichsten Ost-West-Krisen. Außerdem: Die Anwerbung der Bundesregierung von Arbeitskräften aus der Türkei beginnt.
1962
Nachdem im Juni der DDR-Grenzsoldat Reinhold Huhn von einem West-Berliner Fluchthelfer erschossen worden war, gibt es erneut ein Todesopfer an der Grenze zwischen Mitte und Kreuzberg. Im August stirbt der DDR-Flüchtling Peter Fechter im Kugelhagel der ostdeutschen Grenzwächter.
1963
Rainer Hildebrandt eröffnet das Haus am Checkpoint Charlie.
1965
Der Blumengroßmarkt in der früheren Lindenmarkthalle wird eröffnet.
1965/71
Das 89 Meter hohe Postgiroamt (heute: Postbank) am Halleschen Ufer wird gebaut.
1970
Bundespräsident Gustav Heinemann eröffnet den Neubau des Urban-Krankenhauses.
1971
Ein Nebengebäude des Hauses Bethanien, des stillgelegten Krankhauses am Mariannenplatz wird besetzt. Die neuen Nutzer nennen es „Georg-von-Rauch-Haus“ um. Über eine Razzia in dem vom Senat legalisierten Jugendwohnprojekt macht die Band Ton Steine Scherben 1972 einen Song. In den folgenden Jahren wird Kreuzberg zu einer Hochburg der Hausbesetzer.
1974
Die Überbauung am Kottbusser Tor ist bezugsfertig. Die Investoren nennen das Gebäude Neues Kreuzberger Zentrum (NKZ). Der Grundstein für einen sozialen Brennpunkt ist gelegt.
1975
Ein Junge türkischer Herkunft fällt an seinem Geburtstag am Gröbenufer in die Spree, die an dieser Stelle in voller Breite zu Ost-Berlin gehört. Kein West-Berliner wagt sich in das streng bewachte Gewässer. Der Fünfjährige ertrinkt. Er ist das vierte Opfer an der Stelle.
1978
In „Huxleys Neuer Welt“ gründet sich die Alternative Liste, die Vorläuferin der Grünen.
1978
In der Oranienstraße wird das SO 36 eröffnet. Die Halle gibt es aber schon länger: 1861 existierte hier bereits ein Biergartenlokal.
1978
Der Vorläufer des Fußballvereins Türkyemspor gründet sich.
1980
Eine der ersten großen Straßenschlachten zwischen Polizei und Hausbesetzern tobt am Fraenkelufer. Sie dauert zehn Stunden; es gibt 270 Verletzte, darunter 70 Polizisten.
1981
Etwa 80 Häuser gelten als besetzt, nach einigem Hin und Her beginnen Verhandlungen zwischen Politik, Besetzern und Hauseigentümern, zahlreiche Wohnprojekte werden in den folgenden Jahren legalisiert.
1983
Das Museum für Verkehr und Technik öffnet in einem früheren Gebäude der Carl-Linde-Kühlhallengesellschaft in der Trebbiner Straße.
1986
Die ARD zeigt die erste Folge von „Liebling Kreuzberg“, die sich um den Kiez-Anwalt gleichen Namens (gespielt von Manfred Krug) dreht. Im Grips-Theater in Tiergarten feiert das Musical Linie 1 Premiere; es wird eines der erfolgreichsten deutschen Musicals weltweit.
1987
US-Präsident Ronald Reagan besucht im Juni West-Berlin. Der CDU-geführte Senat lässt aus Angst vor Krawallen große Teile Kreuzbergs abriegeln. Denn am 1. Mai hatte es Straßenschlachten gegeben. Auslöser war die Durchsuchung des Mehringhofs, in dem sich ein Büro von Gegnern der geplanten Volkszählung befindet. Seither gibt es jedes Jahr am 1. Mai Auseindersetzungen in Kreuzberg.
1987
Die Umgestaltung des ehemaligen Bahngeländes zum Görlitzer Park beginnt.
1988
Die Berliner Kabarett-Anstalt (BKA) eröffnet ihr Theater am Mehringdamm.
1989
Am 9. November fällt die Mauer. Kreuzberg ist plötzlich wieder mittendrin.
1991
Das Kreuzberg-Museum eröffnet in der Adalbertstraße.
1995
Das SchwuZ, der erste alternative schwule Club Berlins, zieht an den Mehringdamm.
1995
Die renovierte Oberbaumbrücke wird wiedereröffnet. Der Senat lässt darauf Straßenbahngleise verlegen, die bis heute ohne Anschluss an das bestehende Netz sind.
1996
Als erster Grüner wird Franz Schulz zum Bürgermeister gewählt.
1996
Der Karneval der Kulturen zieht Pfingsten erstmals durch den Bezirk.
1996
Das Willy-Brandt-Haus wird übergeben. Die Bundes-SPD zieht aber erst 1999 hier ein.
1998
Der Pamukkale-Brunen im Görlitzer Park ist fertig – und sprudelt wegen Pfuschs am Bau nur wenige Wochen. Zehn Jahre später folgt der Abriss. Zur ersten Langen Buchnacht in der Oranienstraße treffen sich Leser und Autoren in Buchläden, Bibliotheken und Galerien
1999
Anfang des Jahres Schlüsselübergabe für den Neubau des Jüdischen Museums. Entworfen hat ihn der Architekt Daniel Libeskind. Es dauert aber noch zweieinhalb Jahre, ehe das gesamte Museum der Öffentlichkeit übergeben wird.
2000
Der Grundstein für das Tempodrom wird gelegt. Eröffnung ist 2001.
2001
Der Großbezirk Friedrichshain-Kreuzberg entsteht.
2005
Die Bezirksverordnetenversammlung beschließt, einen Teil der Kochstraße nach dem Studentenführer Rudi Dutschke zu benennen. Es folgt ein jahrelanger Streit. Nach einem positiven Bürgerentscheid und mehreren Gerichtsprozessen erfolgt die Umbenennung dann im Jahr 2008.
2007
Unter dem Schutz eines Wachdienstes öffnet die erste McDonald's-Filiale in Kreuzberg. Es gab Proteste gegen die "McKultur".
2008
In einem Bürgerentscheid lehnen 87 Prozent der Teilnehmer die Bebauungspläne für das Spreeufer ab, wo die "Mediaspree" entstehen soll. Insgesamt hatten sich 19,1 Prozent der Wahlberechtigten im Großbezirk Friedrichshain-Kreuzberg beteiligt.
2010
Am Görlitzer Bahnhof öffnet die Moschee. Die wurde auf dem Gelände des früheren Bolle-Marktes gebaut, der beim Krawall am 1. Mai 1987 geplündert und in Brand gesteckt worden war. Der Magnet Club zieht aus Prenzlauer Berg an die Oberbaumbrücke. Es hatte Lärmbeschwerden gegeben.
2011
Nach der "Gentrifizierung" macht der Begriff der "Touristifizierung" die Runde. Besonders die Gegend am Schlesischen Tor ist bei Berlin-Gästen beliebt, wo sich in den zurückliegenden Jahren eine bunte Club- und Kneipenszene entwickelt hat. Die Grünen sehen sich genötigt, eine Diskussion zum Thema "Hilfe, die Touris kommen" zu veranstalten.









