• Schiff

    Unter Nachbarn

    „Mitten im Kapitalismus Alternativen kennenlernen“ wollen unsere heutigen Nachbar*innen Markus Ibrom, Sanna Pommeranz und Jennifer Smith.

    Sie wollen ihre Utopie mitten auf dem Rummelsburger See ausleben, beziehungsweise auf der Alt-Stralauer Seite dieses. Also streng genommen im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg. Dort müssen sie aber weg, denn sie haben das alte Jugendschiff „Freibeuter“ ohne Anlegeplatz gekauft. Der Bezirk will das Schiff sogar zurück. Die neuen Besitzer haben erst drei Prozent des Kaufvertrages bezahlt. Die Philanthropen sagen jedoch, der Vertrag sei unerfüllbar. Sie fühlen sich verarscht von der Politik. Derzeit suchen sie nach einem Anlegeplatz auch in Lichtenberg. Ich hab die drei mal besucht und fand eine Welt vor, irgendwo zwischen Sekte und Paradies. Hier zu lesen.

    Ein paar Tage nach meinem Artikel rief mich eine Frau an, die angab, dort mal mitgemacht zu haben. Sie sprach von patriachalischen Strukturen. Auch mich hatte bei meinen Besuch die Trennung der Geschlechter bzw. die Begründung dafür irritiert. Die Frau sprach weiterhin von sektenähnlichen Strukturen. So müsse jeder, der bei der Gemeinschaft der Freibeuter-Philantropen mitmachen möchte, sein Hab und Gut dieser überlassen. Es sei nie der Plan gewesen, einen Anlegeplatz zu finden. Stattdessen würden die versuchen, den Bezirk zu verarschen und den Anlegeplatz behalten zu dürfen. In wie fern das stimmt, kann ich derzeit nicht sagen. Auch zwei weitere Personen haben der Gesellschaft bereits den Rücken gekehrt. Einer von ihnen will dabei 10.000 Euro verloren haben.

    Ihr könnt euch auch selbst ein Bild von dem Leben in Autarkie machen. Geht einfach vorbei und klingelt. Kynasstr. 17. Die drei sagten mir, sie freuten sich über Besuch. Sie suchen auch nach neuen Mitgliedern für ihre Gesellschaft.

    Ein Foto vom Schiff oder von der Besatzung durfte ich leider nicht machen. Diese hätte ich von ihnen kaufen müssen. Da ich mich auf sowas nicht einlasse, hier nur ein Bild von außen.

    Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter: leute-r.klages@tagesspiegel.de

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von Robert Klages tagesspiegel
Liebe Nachbarn aus Lichtenberg,

„ich will Milieuschutz für den Weitlingkiez, weil … Kapitalismus tötet.“ So stand es am Donnerstag auf einem der vielen Zettel, die vor der monatlichen Politiker*innenversammlung in der Max-Taut-Aula an eine Aufstellwand gepinnt waren. Geschätzt 50 Mitglieder einer Bürger*inneninitiative haben eine Liste mit über 1000 Unterschriften für den Milieuschutz überbracht, interessante und mutige Reden gehalten und ein Plakat in der Aula aufgehängt. Und tatsächlich wurde der Einwohner*innenantrag beschlossen – durch SPD, Linke und Grüne. Das heißt nicht, dass der Milieuschutz auch kommt, sondern nur, dass neu untersucht wird. Trotzdem ein großer Erfolg für die Einwohner*innen. Mehr dazu in den „Macher“-Meldungen.

Dass Kapitalismus tötet, ist eine allgemein feststehende Annahme. Aber wenn ja: wen und wie viele? Moderner Kapitalismus tötet schleichend, unsichtbar und sauber. Der perfekte Mord. Eine der Tatwaffen: Die Angst, etwas zu verlieren. Etwas zu verlieren, das man eigentlich überhaupt nicht besitzt: Die Wohnungen gehören nicht denen, die darin wohnen, sondern den Vermieter*innen (und nicht mal denen). Das Geld gehört nicht denen, die es verdienen und ausgeben, sondern den Banken (und nicht mal denen). Sogar die Gräber gehören nicht denjenigen, die darin liegen, sondern der Stadt (…).

„Alle festen, eingerosteten Verhältnisse […] werden aufgelöst. Alles Ständische und Stehende verdampft […] alles Heilige wird entweiht“. So u. a. charakterisiert Karl Marx den Kapitalismus. Welchen Schluss Leser*innen daraus ziehen sollen, darüber wird oftmals noch diskutiert. Marx befürworte diese Veränderung, schreibt beispielsweise der britische Historiker Gareth Stedman Jones. Denn, so zitiert er aus dem Kommunistischen Manifest: „Die Menschen sind endlich gezwungen, ihre Lebensstellungen, ihre gegenseitigen Beziehungen mit nüchternen Augen anzusehen.“

Es schwebt die ständige Angst über uns, dass alles von heute auf morgen weg sein könnte. Vermieter*innen könnten Eigenbedarf anmelden, Arbeitgeber*innen uns jederzeit kündigen, Geld könnte plötzlich an Wert verlieren, Gespartes weg sein, wenn Banken pleite gehen, usw. Absolute Sicherheit gibt es, in materieller Hinsicht, nicht.

Aus dieser Verlustangst kann eine Starre entstehen, die Stagnation, eine Bewegungslosigkeit. Wir arretieren in den bestehenden Verhältnissen. Wir sind zufrieden, wenn alles so bleibt, wie es sicher zu sein den Anschein macht – oder sich nur marginal verändert. Die Angst vor von außen bestimmter Veränderung bleibt, ein Leben lang. Der Kampf gegen den Kapitalismus kann schnell zu einem Kampf für Stillstand verkommen.

Das Einzige, was immer gleich bleibt, ist, dass nichts gleich bleibt. Es gilt nicht nur, die bestehenden Zustände zu erhalten, sondern sie zu verändern, in den Entwicklungsprozess einzusteigen, die Entwicklung zu sein. Nur dann bleibt alles, wie es nie war und wir können bleiben, wo wir nie gewesen sind. Bürger*innen, die vor Politiker*innen reden und vielleicht auch ihre Angst vor Veränderung und Verdrängung zeigen, leisten hierzu einen großen Beitrag. Sie zeigen, dass sie da sind und nicht alles über sich ergehen lassen werden. Sie nehmen sich selbst die Angst und geben sie zurück.

Robert Klages ist freier Mitarbeiter beim Tagesspiegel. Schreibt ihm bei Anregungen, Kritik, Wünschen, Tipps bitte eine E-Mail an leute-r.klages@tagesspiegel.de. Ansonsten ist er auch auf Facebook und Twitter und Instagram. Einblick in seine literarischen Bemühungen findet ihr auf Robert-Klages.de.

Mein Tipp für euch

Karl-Heinz Baum stellt am Mittwoch, 29. November, um 19 Uhr sein Buch „Kein Indianerspiel – DDR-Reportagen eines Westjournalisten“ im Museum Lichtenberg in der Türrschmidtstraße 24 vor. Baum arbeitete von 1977 bis 1990 als DDR-Korrespondent der Frankfurter Rundschau in Ost-Berlin. In dieser Zeit hat er zahlreiche Reportagen verfasst, in denen sich nicht nur die deutsch-deutsche Politik spiegelt, sondern auch der Alltag der Ostdeutschen: Der Eintritt kostet 3 Euro, mit Berlinpass 1,50 Euro.