• Stefan Zuschnitt

    Unter Nachbarn

    Lichtenberg soll wieder zum alten Glanz finden. Denn wie der Lichtenberger ja so schön sagt: „Früher war alles besser.“ Ja dafür kennt man ihn, den Lichtenberger. Nostalgisch, traditionsbewusst und nicht von gestern sondern von vorgestern. Das macht ihn so beliebt bei den anderen Berlinern. Da wird über den sympathischen Bezirk im Osten der Stadt auch schon mal von einem „Prenzlberg 2.0“ gesprochen. Die Partei „Die Partei“, hat sich nun zum Ziel gesetzt, Lichtenberg wieder leuchten zu lassen. Um dies zu erreichen, haben sich die Genossen dazu entschieden, einen König für „Light-Mountain“ zu erwählen.

    Stefan Sacharjew soll in Zukunft die Krone tragen. Der studierte Historiker, Musiker bei Corvus Corax und Monarchopunk hat bei den ganz Großen abgekupfert. „Lichtenberg ist 1 Ort von greatness her. Da braucht’s einfach einen, der voranschreitet und das Volk ins aber nicht hinters Licht führt. Es heisst ja auch Lichtenberg und nicht Finstertal.“ Dem ein oder anderen mag sich da die Frage aufdrängen, ob ein König nicht antidemokratisch ist.

    „Es ist ja nicht so, als würde ich mich einfach auf einen Thron setzen und Leute aufs Schafott schicken. Ich werde mich ja trotz allem der Wahl stellen. Wir wollen aber die Lichtenberger da abholen, wo sie seit den 90ern sitzen. Im Reichsgebiet der Weitlingstrasse. Ich bin der rechte Flügel der Partei „Die Partei“. Das muss und darf es geben. Wir wollen ja alle Stimmen und dafür ist uns jedes Mittel recht.“ Und so hat sich der zukünftige König von Lichtenberg bereits ein Kabinett zusammengestellt welches ihn bei der Machtergreifung unterstützen soll. Einen Directeur de l’Ordre, einen Propagandabischof und eine Marquise d’Erotique. Wer nun Sexismus unterstellt, dem wird auf königliche Weisung hin erklärt: „Wenn eine gut aussehende Frau ihre Reize nutzt, schreien alle von Sexismus, wenn ein dicker Mann nackt umherläuft, wenden sich die Leute angeekelt ab um zu vomitieren. Das ist wahrer Sexismus. Nacktheit sollte für alle gleich ermöglicht werden.“

    Sprachs und kraulte seinen blanken Bauch. Aber zurück zu Lichtenberg. Der pittoreske Stadtteil, der neben dem einzigen begehbaren Mielkedenkmal in der Normannenstrasse auch mit einer bei Touristen beliebten Auswahl an Tankstellen auftrumpfen kann, ist die Wahlheimat des Exilfriedrichshainers. „Die Parks erinnern mich an zu Hause. Als man noch auf dem Boxi sitzen konnte ohne von Horden von Hipstern und Touristen angeschwitzt zu werden. Damals war ein Bier noch ein Bier und kein handgeklöppeltes Gesöff aus Katzensekret. Außerdem kann man im Sommer in der Rummelsburger Bucht baden und wird gleichzeitig von den Resten des Berghains high, dessen Abwässer hier zum stehen kommen.“

    Gegen die Konkurrenz weiß sich der sympathische Absolutist auch zu wehren. „Das erste Edikt nach meiner Krönung wird obligatorische Blutgruppentattoos für AfD-Wähler einführen.“ Für den Fall, dass es mit dem majestätischen Einzug in den Bundestag was wird, hat seine königliche Hoheit auch schon Pläne. „Wir werden auf einem Schimmel in den Plenarsaal einreiten während die Regierungsparteien uns den Marsch blasen.“

    Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter: leute-r.klages@tagesspiegel.de

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von Robert Klages tagesspiegel
Liebe Nachbarn aus Lichtenberg,

ja, es gibt sie auch in Lichtenberg: Die Satirepartei „Die Partei“. Sie treffen sich jeden zweiten Donnerstag im Monat zum Stammtisch ab 19 Uhr im „Morgen wird Besser“ in der Hagenstraße 7a. Derzeit trudeln da so zwischen sechs bis zehn Personen ein. Mit dabei die Vorsitzenden Pelle Boese und Georg Zahn sowie Schatzmeisterin Henriette Stolle. Gegründet wurde der Lichtenberger-Ableger 2014. Eine Facebook-Seite gibt es auch. Interessierte könnten aber einfach eine Mail schreiben an pelle.boese@parteimail.de

Meinen Recherchen zufolge handelt es sich bei deren Vertreter*innen um Vollalkoholiker, Möchtegerne-Rocker, Studienabbrecher, GEZ-Verweigerer, Labertaschen und Tratschtanten. Also alles normal und wie bei den anderen, „renommierten“ Parteien auch. Was diese renommierten Parteien so alles machen, lest ihr wie immer in den Macher*innen Meldungen. Das Feld „Unter Nachbarn“ habe ich in dieser Woche vollkommen der Partei „Die Partei“ überlassen, damit uns diese ihre parteipolitischen Ansichten erläutern und den neuen Kandidaten, Stefan Sacharjew, präsentieren kann. Meine Stimme hätte er – doch ich wähle zum Glück in Friedrichshain-Kreuzberg.

Robert Klages ist freier Mitarbeiter beim Tagesspiegel und hat weder Geldgeschenke, noch Sachwerte jeglicher Art von der Partei „Die Partei“ erhalten. Schreiben Sie ihm bitte eine E-Mail an leute-r.klages@tagesspiegel.de. Folgen Sie ihm gerne auch auf Facebook und Twitter.

Robert Klages Tipp

Inmitten der Häuserfronten und quer gegenüber vom Eishockeystation in Hohenschönhausen findet sich der Landladen Kastaven. Regionale Lebensmittel haben hier Vorrang. Aber es gibt nicht nur Essen, sondern auch Getränke, Naturkosmetik und ökologische Reinigungsmittel. Auch die Landküche „Suppe & Stulle“ verarbeitet größtenteils Produkte aus der Region. So gibt es zum Beispiel einen erstklassigen Wirsingkohleintopf. Wie man auf der Website nachlesen kann, würden Kunden wohl fragen, warum die Produkte so teuer seien. Hier die Antwort: „Unsere Produkte sind keineswegs als teuer, sondern nur als preislich angemessen zu bewerten. Die Gründe dafür liegen auf der Hand: Wir unterstützen die Bauern (auch aus unserer Region), indem wir ihre Produkte zu fairen Preisen ankaufen.“