• Patrick Siegele

    Unter Nachbarn

    Patrick Siegele (47) ist gebürtiger Österreicher, wohnt aber schon fast sein halbes Leben in Berlin. Seit 2014 ist er Direktor des Anne Frank Zentrums in der Rosenthaler Straße.

    Wie sind Sie Direktor des Anne Frank Zentrums geworden? 
    Im Juni 2000 bin ich als sogenannter Gedenkdienstleistender aus Österreich nach Berlin gekommen. Ich hatte gerade mein Studium der Germanistik und Musikwissenschaft abgeschlossen und war bereit für was Neues. Meine erste Station war bereits das Anne Frank Zentrum. Viele Jahre habe ich als Bildungsreferent mit Jugendlichen gearbeitet, später die Leitung unserer Berliner Ausstellung am Hackeschen Markt übernommen und seit Mai 2014 leite ich das  Anne Frank Zentrum. Ein spannender Job, der mich jeden Tag aufs Neue herausfordert. Es gibt in Berlin das jüdische Museum, das Holocaust-Mahnmal und die Neue Synagoge. Wieso braucht es auch noch ein Anne Frank Zentrum? Das Anne Frank Zentrum ist der einzige Erinnerungsort in Berlin, der sich speziell an Kinder und Jugendliche und somit auch an Familien richtet. Das unterscheidet uns von anderen Museen und Gedenkstätten. Die Geschichte Anne Franks bietet sich an als erster Einstieg in die Auseinandersetzung mit der Geschichte des Nationalsozialismus und Holocaust. Außerdem gibt es in Anne Franks Biografie mehr Berlin-Bezüge als man denkt. Zwei ihrer besten Freundinnen, Sanne Ledermann und Hannah Pick-Goslar, kamen aus Berlin. Und auch Fritz Pfeffer, mit dem sich Anne im Versteck ein Zimmer teilen musste, war Berliner. Seit 1998 ist das Anne Frank Zentrum in Mitte, seit 2002 in der Rosenthaler Straße. Was hat sich im Kiez seitdem verändert? Der Kiez ist zu einem touristischen Hotspot geworden. Allein der Hof des Hauses, in dem sich unser Zentrum befindet, wird im Sommer täglich von mehreren tausend Menschen besucht. All die Edel-Boutiquen und Szene-Cafes gab es noch nicht, als ich 2000 nach Berlin kam. Früher gab es rund um den Hackeschen Markt noch alternative Kneipen und Clubs. Davon ist so gut wie nichts mehr übrig. Dennoch mag ich den Kiez immer noch sehr gern mit all seinen Hinterhöfen und Überraschungen. Aber wenn ich mit Kollegen mittags essen gehe, dann kostet das heute teilweise doppelt so viel wie noch vor zehn Jahren. Wie sehr spürt man das jüdische Leben heute im Kiez? Mit der jüdischen Oberschule, dem Beth Cafe in der Tucholskystraße oder dem Centrum Judaicum befinden sich heute wieder lebendige Orte jüdischen Lebens im Kiez. Außerdem erinnern Stolpersteine, Denkmale und andere Erinnerungsorte an das einst rege jüdische Leben im Viertel. Vieles ist natürlich auch Folklore und Teil des touristischen Angebots. Aber es gibt durchaus Spannendes zu entdecken und für viele Jüdinnen und Juden ist Mitte wieder zur Heimat geworden. Wie schätzen Sie die aktuelle Situation der jüdischen Gemeinde in Berlin ein? In den letzten 20 Jahren ist Berlin wieder zu einem attraktiven Ort für Jüdinnen und Juden aus der ganzen Welt geworden. Dementsprechend ist die jüdische Gemeinde gewachsen – teils auch dank der Zuwanderung junger Juden aus Israel. Das Angebot – z.B. an koscheren Restaurants, jüdischen Kultur- und Freizeitangeboten oder Orten religiösen Lebens – ist so groß wie seit den Zwanzigerjahren nicht mehr. Gleichzeitig sind Jüdinnen und Juden in Berlin vielfach mit Antisemitismus konfrontiert – in der Schule, im Arbeitsalltag und überall, wo sie als Juden erkennbar sind oder sich als solche outen. Der tägliche Antisemitismus wird von Nicht-Juden absolut unterschätzt. Das ist eine Erfahrung, die ich immer wieder mache. Braucht es eine verstärkte Erinnerungskultur mit der antisemitischen Vergangenheit von Deutschland? Absolut, und nicht nur in Hinblick auf den Antisemitismus. Die aktuelle politische und gesellschaftliche Situation zeigt, wie geschichtsvergessen manche Menschen sind. Die Auseinandersetzung mit Anne Frank und der Geschichte des Holocaust zeigt, wohin Ausgrenzung und Diskriminierung führen können. Damit will ich nicht sagen, dass sich heute die Shoa wiederholen kann, aber auch damals hat es mit kleinen Schritten begonnen. Außerdem zeigt uns die Geschichte, wie wichtig es ist, dass es Menschen gab, die mit ihrem Handeln einen Unterschied gemacht haben, wie z.B. die Helfer der Familie Frank in Amsterdam. Wir haben heute ganz andere Handlungsspielräume als damals. Aber wir müssen sie auch nutzen.
    Foto: Stephan Pramme

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von Felix Hackenbruch tagesspiegel
Liebe Nachbarn aus Mitte,

da unser Bezirk nicht nur im Herzen von Berlin, sondern von ganz Europa (mindestens) liegt, können wir zu Beginn ganz entspannt zu unseren Nachbarn in den Niederlanden schauen. Dort wurde am Mittwoch gewählt. Gewonnen hat Europa. Das ist offenbar auch ein Verdienst der Berliner, die seit sechs Wochen jeden Sonntag zu den „Pulse of Europe“ Kundgebungen auf den Gendarmenmarkt pilgern und für Europa demonstrieren. Drei Tage vor der Wahl hat die holländische Nachrichtenagentur „NOS“ in einem kurzen Video über die Demonstration in Mitte berichtet. Allein auf Facebook wurde das Video innerhalb kürzester Zeit über eine Million Mal geklickt. „Das hat schon eine Auswirkung auf die Wahl gehabt“, glaubt Mitorganisator Alexander Freiherr von Knigge. Als Nächstes will man jetzt die Präsidentschaftswahl in Frankreich am 23. April beeinflussen. Marine Le Pen sollte sich warm anziehen.

Felix Hackenbruch ist gebürtiger Schwabe, ist in Berlin aber trotzdem freundlich aufgenommen worden und fühlt sich pudelwohl. In Mitte verbringt er nicht nur viel Zeit damit Landespolitikern auf die Finger zu schauen, sondern hat bereits in drei Wohnungen in Wedding und Gesundbrunnen gelebt. Auf Twitter können Sie ihm unter @FHackenbruch folgen.

Felix Hackenbruchs Tipp für Sie

Für Musikliebhaber ist die Nussbreite längst eine Institution. Seit Oktober 2014 gibt es den kleinen Laden in der Seestraße 106 mitten in Wedding. „Wir hatten einfach Bock auf ein eigenes Wohnzimmer“, sagt Mitgründer Thorgen Bloch. Zusammen mit elf Freunden – alles Musiker oder Musikliebhaber aus Wedding – betreiben sie immer Donnerstags bis Sonntags den gemütlichen Laden, der nach einer Straße in Eisleben benannt ist. „Wir wollen damit nicht das große Geld machen, sondern einfach nur einen Platz für gute Musik haben“, sagt Bloch. Und die gibt es garantiert. Meistens wird Jazz, Folk und Singer-Songwriter-Musik gespielt. Manchmal auch Pop. Immer live. Dazu gibt es ein breites Biersortiment und Nusslikör. Besonderes Highlight ist immer der letzte Sonntag im Monat. Dann werden die Verstärker in den Keller geräumt, die Kerzen herausgeholt und das Licht ausgeschaltet. Dann gibt es Live-Musik ohne Strom. Der perfekte Ort zum Träumen. nussbreite.defacebook.de
Foto: Nussbreite

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