• Sbahn

    Unter Nachbarn

    Heute eine kleine Anekdote aus dem Wedding, über Scham und Freude.

    Montagnachmittag in der S25 Richtung Norden. Nahe der S-Bahnstation Humboldthain. Die Augen der Fahrgäste huschen immer wieder zur Tür der halbvollen Bahn. Man soll ja nicht starren, aber… Der Mann windet sich in seinem Rollstuhl. Unkontrolliert zucken seine Arme zu allen Seiten, der Kopf von links nach rechts, der Körper wippt vor und zurück. Ein Mädchen, vielleicht sechs, steht ein paar Meter weit weg und starrt. Da starrt der Mann zurück. Das Mädchen grinst. Er grinst zurück. Sie winkt. Er winkt, so gut er kann, gibt Geräusche von sich, die ein Lachen sein müssen. So geht es hin und her. Winken, lachen, zucken. Dann greift er an die Seite des Rollstuhls, versucht vergebens, den Klettverschluss einer Tasche aufzumachen. Sein Begleiter hilft. Leitet seine Hände an. Nach einer Minute nesteln hat er, wonach er gesucht hat. Viereckig und weiß. Er nimmt es zwischen die verkrampften Finger, vorsichtig, um es nicht zu zerknittern, und streckt es dem Mädchen entgegen. Sie macht einen Schritt und greift zu. Keine Spur von Unwohlsein, Scham, mit der andere Fahrgäste ihn betrachten. Sie geht allenfalls zur Grundschule, er ist sicher drei Mal so alt wie sie. Sie verstehen sich. „Bedank’ dich“ sagt die Mama. „Danke“, folgt das Kind. Blickt auf das Stück Papier in seiner Hand. Es ist ein Abzieh-Tattoo. Da zieht der Mann ganz verzückt den Ärmel seines weißen Pullovers nach oben. Er hat auch eins.

    Foto: dpa

    Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter: leute@tagesspiegel.de

von
bis
Bitte geben Sie hier den Suchbegriff ein!
Melanie Berger. von Melanie Berger tagesspiegel
Liebe Nachbarn aus Mitte,

es sind seltsame Allianzen, die sich da in der BVV Mitte gerade bilden, wenn es um den Umgang mit den Obdachlosen im Tiergarten geht. Auf der einen Seite der grüne Bezirksbürgermeister Stephan von Dassel, die CDU und die AfD. Auf der anderen die SPD (mit der die Grünen eine Zählgemeinschaft bilden), die Linke und wohl sogar von Dassels eigene Partei. Die Grünen greifen ihren Bürgermeister zwar nicht offen an, jedoch waren bei der gestrigen BVV-Sitzung zwei Drittel der Verordneten abwesend. Zufall oder ein Boykott? Fraktionsmitglied Taylan Kurt, der an der Sitzung teilgenommen hat, teilte auf Nachfrage mit: „Wir werden das in der nächsten Fraktionssitzung thematisieren“. Klingt eher nach Blockade als nach Krankenstand.

Von Dassel legte seine Positionen nochmals dar: Besonders aggressive Obdachlose müssten ausgewiesen werden.Die meisten der Obdachlosen seien EU-Ausländer. Er sei an die Medien gegangen, weil wiederholte Hilfegesuche in der Berliner Verwaltung verhallt seien.  Von Dassel steht zu seinen Aussagen, rudert auch nach harter Kritik nicht zurück.

Und davon gab es genug. „Rechtspopulistisch“, nannte die Verordnete Julie Roth (SPD) seine Aussagen. „Hetze“ sei das, sagten die Linken. Und auch aus den eigenen Reihen kamen kritische Töne: „Wir lehnen populistische Aussagen über Obdachlose ab, egal von wem sie kommen“, sagte Taylan Kurt, adressierte diese Aussage allerdings nicht direkt an den Bezirksbürgermeister. Von Dassel ließ es über sich ergehen, trat dann erneut ans Rednerpult und sagte: „Ich habe jetzt von Ihnen keine Lösungsvorschläge gehört“.

Melanie Berger lebt im Wedding und schreibt über Berlinisches für den Tagesspiegel. Anregungen für den Mitte-Newsletter gerne an: leute-m.berger@tagesspiegel.de.

Unser Tipp für Sie

Das Domberger Brot-Werk befindet sich in der Essener Straße 11. Da duftet es toll und sieht aus wie in einer richtig altmodischen Backstube. Das krustige Brot wird handwerklich gefertigt aus echtem, aufwändigen Sauerteig. Auch der Kuchen ist großartig. Zur Auswahl stehen nicht allzu viele Sorten und natürlich ist das etwas teurer, aber dafür bekommt man eben richtig gutes Brot. Florian Domberger ist ein Quereinsteiger, der nach vielen Jahren im Ausland seine Berufung als Bäcker gefunden hat.

Hier twittert die Stadtleben-Redaktion des Tagesspiegels. Tipps und Trends, Themen und Termine - alles, was die Stadt bewegt:



Machen Sie mit und verlinken Sie Ihre morgendlichen Fotos mit dem Hashtag #gmberlin. Oder schicken Sie Ihre Fotos wie gewohnt an leserbilder@tagesspiegel.de! Wir freuen uns auf Ihre Bilder!


Die ersten Ergebnisse sehen Sie in unserer Fotostrecke.