• Paul Bokowski

    Paul Bokowski, Schriftsteller.

    Unter Nachbarn

    Das gefällt mir an Mitte: Der Wedding. Da kann man Menschen aus allen Ecken und Winkeln der Welt kennenlernen. Und alles, was man machen muss, ist bei Ebay-Kleinanzeigen eine Annonce aufgeben und so tun als suche man einen Nachmieter für eine WG-geeignete Dreiraumwohnung für fünfhundert Euro warm. Versteh ich ja bis heute nicht, warum manche Menschen für einen Spanischkurs Geld bezahlen, wenn man das Ganze auch umsonst haben kann. Das nervt mich: Bei der BioCompany in der Müllerstrasse versauern, weil eine junge Frau mit Fjällräven-Rucksack ein halbes Pfund Pastinaken unbedingt mit der Kreditkarte bezahlen muss. Sich daraufhin maßlos über die hereinbrechende Gentrifizierung ärgern, nur um dann von der jungen Frau darauf angesprochen zu werden, ob man eigentlich Paul Bokowski sei, sie sei ja ein wahnsinnig großer Fan, ihr habe besonders das erste Buch gefallen, jetzt sei sie fürs Studium nach Berlin gekommen und eigentlich nur wegen meiner Geschichten in den Wedding gezogen. Das empfehle ich: Eine Fahrt mit der U8. Am besten samstags zwischen Pankstraße und Rosenthaler Platz. „Hab ich dir doch gesagt, du Spast!“, brüllte da letztens eine junge Frau durch den vollbesetzten Wagen. Woraufhin sich ein dänisches Touristenpaar in meine Richtung beugte: „What’s a Spast?“, fragten sie leise. „Spast?“, fuhr ein junger Araber dazwischen. „You don’t know what a Spast is?“ – „No!“, antworteten die Dänen verschüchtert. „Well“, setzte er an. „That’s a very small bird!“

    Wollen Sie sich oder jemand anderen in dieser Rubrik vorstellen? Haben Sie etwas Besonderes im Bezirk entdeckt? Oder ärgert sie etwas, und Sie wollen darauf aufmerksam machen? Dann schreiben Sie mir unter leute@tagesspiegel.de. Ich melde mich bei Ihnen.

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Egon Huschitt. von Egon Huschitt tagesspiegel
Liebe Nachbarn aus Mitte,

Der Bezirk Mitte will im Afrikanischen Viertel in Wedding, endlich, mit der Ehrung von Kolonialisten Schluss machen. Anfang Februar habe ich im Tagesspiegel bereits darüber geschrieben und hier im Mitte-Newsletter hat meine Kollegin Dagmar Dehmer auch gleich drei Namensvorschläge für die Umbenennung von Lüderitzstraße und Nachtigalplatz gemacht. Statt Adolf Lüderitz (auch „Lügenfritz genannt) und Gustav Nachtigal soll doch lieber der Friedensnobelpreisträgerin Wangari Maathai, der Lesbenaktivistin Fannyann Eddy oder der mosambikanische Freiheitskämpferin Josina Machel gedacht werden. Am Samstag endet die Frist für Namensvorschläge beim Bezirk – wer noch eine Idee hat, hier noch schnell hinschicken: strassenumbenennung@ba-mitte.berlin.de. Bevorzugt werden Frauen, der „(post-) kolonialen Befreiungs- und Emanzipationsbewegung aus Ländern Afrikas“. Laut der grünen Bezirksstadträtin Sabine Weißler sind etwa 100 Mails und Briefe eingegangen. Das Mitte Museum hat gesammelt und nun werden die Namen einer Jury vorgelegt. Bis April sollen die neuen Bezeichnungen dann feststehen. Es gibt auch den Vorschlag, die Namen basisdemokratisch auszuwählen. In der Ausstellung 1884-1915 – An Artistic Position, die vergangenes Jahr in der Nationalgalerie Windhoek den deutschen Kolonialismus in Namibia thematisiert hat, hat die Berliner Künstlerin Ella Ziegler die Besucher nach Vorschlägen für die Umbenennung der Lüderitzstraße gefragt und sie dem Bezirk geschickt – da weiß man aber nichts davon, man wolle aber nicht fremde Länder über Berliner Straßennamen entscheiden lassen. Ich finde den Input aus Namibia an und für sich gut und habe mir die 42 Namen mal angesehen. Nicht alle Vorschläge haben gute Chancen, würde ich behaupten. Windhoekstraße und Hererostraße sind zwar noch selbsterklärend, bei vielen der Namen ist allerdings auch Google überfragt, außerdem hat irgendjemand den, noch lebenden, Reggae-Musiker Ras Sheehama auf die Liste gesetzt und wenn ich in der Lyangurungundastraße wohnen würde, bekäme ich wohl nie wieder Post. Wie sehr neben der Leistung der Person auf eine nicht allzu komplizierte Schreibweise geachtet wird, muss die Jury entscheiden. Ich habe die Liste auf jeden Fall gleich mal ans Bezirksamt weitergemailt.

Melanie Berger ist Journalistin, unbeirrbare Weddingbewohnerin und hat einen österreichischen Migrationshintergrund. Wenn Sie Anregungen, Kritik, Wünsche, Tipps haben, schreiben Sie bitte eine E-Mail an leute@tagesspiegel.de.

Melanie Bergers Tipp für Sie

Wer mal zur Abwechslung klassische Musik in einer alten BVG-Werkstatt hören möchte, der kommt zum Piano Salon Christophori in der Uferstraße. Früher wurde in den Uferhallen Busse repariert, heute betreibt der Arzt Christoph Schreiber neben seinem Brotberuf am linken Rand des Geländes einen kleinen Konzertsaal. Die Gäste sitzen auf Klappstühlen, schönen alten Sofas oder Sitzbänken vor einer leicht erhöhten Bühne. In zwei Kühlschränken am Eingang gibt es Wein. Tickets kosten je nach Veranstaltung zwischen 20 und 25 Euro. Das Programm und Infos zu Ticketreservierungen finden Sie hier.

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