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    Unter Nachbarn

    Stephan (Steve) Rauhut, 45, ist Theologe und Bundestagskandidat der Linken für Mitte. Zur Zeit arbeitet er an der Neugestaltung des Campus der Reformationskirche im Beusselkiez, den er gemeinsam mit vielen Freunden von einem Ensemble leer stehender Gebäude zu einem Begegnungsort mit Wohnhaus und Kita umwandelt.

    Herr Rauhut, was macht Mitte für Sie aus? Mitte ist für mich ein ganz besonderer Bezirk, weil hier viele unterschiedliche Menschen mit ganz unterschiedlichen Hintergründen leben – kulturell, von der Dauer, wie lange sie hier schon wohnen, religiös, nicht religiös. Besonders toll ist, dass aus dieser Vielfalt mehr und mehr ein Miteinander wächst. Ich beobachte das besonders da, wo ich mich besonders gut auskenne, also Moabit, Wedding, Gesundbrunnen und auch Tiergarten. Das ist für mich überwältigend, mit Menschen gemeinsam zu leben, Dinge zu bewegen und diesen Kiez zu verändern. Ich kenne viele Leute hier in Mitte, die sich wünschen, dass unsere Gesellschaft gerechter wird und die in unterschiedlichsten Initiativen dafür unterwegs sind. Das ist in Mitte ganz, ganz stark.

    Was möchten Sie für Mitte im Bundestag bewegen? Soziale Gerechtigkeit im Sinne von Teilhabe, das ist schon lange mein Herzensanliegen. Besonderer Schwerpunkt ist für mich der ganze Themenkomplex Wohnen. Die Mieten schießen in die Höhe, Wohnraum wird seit langem nicht mehr mit der Prämisse organisiert, dass er für uns Menschen geschaffen wird. Wohnraum dem Profitinteresse zu entziehen und wieder als Wohnraum zur Verfügung zu stellen, ist ein ganz wichtiges Ziel von mir. Dafür müssen wir auf Bundesebene viele Gesetze ändern, das fängt an mit der Mietpreisbremse, die grundsätzlich eine gute Idee ist, aber so wie sie gerade ist nicht funktioniert; einem sozialen Wohnungsbau, der seinen Namen verdient und viel mehr Wohnungen, die von öffentlicher Hand verantwortet werden. Die Modernisierungsumlage gehört mittelfristig aus meiner Sicht abgeschafft. Für kleine Organisationen wäre unsere Idee, einen staatlichen Fond dafür zu schaffen, wenn wir energetisch innovativ sanieren. Und große Kapitalgesellschaften müssten das selber zahlen. Wichtig ist mir auch, dass Wohnen wieder gemeinnützig werden kann, also dass man in gemeinnützigen Vereinen oder Genossenschaften Wohnen organisiert und entsprechend steuerlich begünstigt wird.

    Sie treten unter anderem gegen Eva Högl und Özcan Mutlu an. Wie gehen Sie mit dieser Außenseiterrolle um? Ich habe die Erfahrung gemacht, dass das Quereinsteigen viele Vorteile mit sich bringt, weil man völlig unvoreingenommen reinkommt und neue Ideen mitbringt. Von daher gehe ich sehr engagiert in den Wahlkampf und auch in die Zielsetzung, im Bundestag selber aktiv zu sein. Wir führen einen sehr kreativen und abwechslungsreichen Wahlkampf mit jungen Menschen, die alle ehrenamtlich arbeiten und wirklich begeistert dabei sind. Mir ist schon bewusst, dass ich von der politischen Zugehörigkeit her der Jüngste bin, aber ich habe eben auch viel Lebenserfahrung in ganz unterschiedlichen Kontexten, sei es in Führungsverantwortung in einem Konzern, und auch in selbstorganisierten Strukturen wie hier in der REFO. Wir gehen also super motiviert in den Wahlkampf und haben auf jeden Fall das Ziel, diesen Wahlkreis zu gewinnen.

    Was sind Ihre Lieblingsorte im Bezirk? Ich bin total gerne da, wo Menschen unterschiedlichster Hintergründe zusammenkommen, von daher bin ich gerne draußen. Ich liebe auch das Wasser, komme ja aus Hamburg, und bin gerne auf der Spree unterwegs und natürlich im Humboldthain. Ich mag auch Orte wie den Campus hier sehr, wo Leute in verschiedenen Formaten zusammenkommen, Theater spielen… Ich finde es toll, sich im Stadtschloss zu treffen und gemeinsam zu überlegen, wie man Dinge voranbringen kann. Die Kulturfabrik in der Lehrter Straße ist auch großartig, genau wie das Zentrum für Kunst und Urbanistik, ebenfalls in Moabit.

    Foto: Gerald Zörner (GEZETT)

    Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter: leute@tagesspiegel.de

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von Felix Hackenbruch tagesspiegel
Liebe Nachbarn aus Mitte,

während Kate und Wilhelm gestern Abend in Clärchens Ballhaus das Tanzbein geschwungen haben, wurde nicht sehr weit weg in der BVV im Rathaus Mitte diskutiert und abgestimmt – ein letztes Mal vor der Sommerpause. Bei Sommerschwüle wurden Anfragen gestellt, Anträge verabschiedet und auch viel diskutiert und gelacht. Stimmungshöhepunkte des Abends stellten die Reden des AfD-Verordneten Clemens Torno dar („BVV Mitte first!“), der sich wiederholt wortreich und sehr laut darüber beschwerte, die Linken würden AfD-Anträge kopieren. Auch die Anfrage seiner Partei zu Schweinefleisch in der Kita („Bulette, Eisbein, Würstchen, Bratwurst, Schnitzel, Kotelett, Gulasch, Kassler und mehr (…) gehören schon immer zur Berliner Küche. Diese Gerichte sind sozusagen Teil unserer Esskultur“) wurde von seinen Kolleg*innen in der BVV belacht, im Raum und bei Twitter. Die Verordnete Jenna Behrends (CDU) zwitscherte zum Beispiel: „Warum bloß bekommen Kita-Kinder in Berlin Mitte kein Eisbein zum Mittagessen? In der fragenden Fraktion hat wohl niemand ein Kind.“

Laura Hofmann arbeitet beim Tagesspiegel in der Berlin-Redaktion und an der Homepage. Sie glaubt noch immer, dass der Wedding kommt und trauert ihrer ersten Berliner Heimat nun von der Grenze zwischen Prenzlberg und Mitte hinterher. Schreiben Sie ihr eine E-Mail oder folgen Sie ihr auf Twitter.

Markus Hesselmanns Tipp für Sie

„Auch in nichtjüdischen Kreisen zerfällt der Konsens über Richtung und Aufgabe des Erinnerns an den Holocaust zusehends“, schreiben Eva Lezzi und Dmitrij Belkin im jetzt erscheinenden Sammelband „Neues Judentum – altes Erinnern? Zeiträume des Gedenkens“ in ihrem einleitenden Essay. „Dabei ist die kürzlich von rechts außen eingeforderte radikale Überwindung ‚unserer dämlichen Bewältigungspolitik‘ nur ein Symptom des Offensichtlichen: Es rumort in der Mehrheitsgesellschaft, in der (nicht nur bei radikalen Nationalisten) eine Auseinandersetzung mit der Schoa nicht mehr notwendig oder selbstverständlich scheint.“ Das Buch versammelt Stimmen zu einer neuen jüdischen Gemeinschaft, die in den letzten 25 Jahren in Deutschland entstanden ist. Gestern wurde es schon einmal kurz vorgestellt, in Alt-Moabit, bei der Eröffnung des neuen Hauses des Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerks, in dessen neuer Schriftenreihe es als erster Band erscheint. Das Studienwerk fördert begabte jüdische Studierende und Promovierende. Die Buchpremiere ist dann am 26. September um 18 Uhr im Centrum Judaicum.
tagesspiegel.de
 (Leseprobe), hentrichhentrich.de (Klappentext, Inhaltsverzeichnis), juedische-allgemeine.de (Studienwerk, neues Haus)

Markus Hesselmann leitet die Redaktion Tagesspiegel Leute.

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