• Maik Siegel b Credit_Paloma Aliaga

    Nachbarschaft

    Maik Siegel (28) wurde in Salzgitter geboren und lebt seit über sechs Jahren im Körnerkiez in Neukölln. Er studierte Deutsche und Englische Philologie auf Lehramt an der FU Berlin und beginnt nun im Februar ein Referendariat an einem Gymnasium in Schöneberg. Vor, während und zwischen dem Studium lebte, studierte und arbeitete er in Tansania, Uruguay, England, Taiwan und Kanada. Vergangenes Jahr erschien sein erster Roman „Hinterhofleben“, parallel ist er auch als Redakteur für das Literaturmagazin metamorphosen tätig.

    Maik, dein Roman Hinterhofleben handelt von einer Hausgemeinschaft, die sich entschließt, einen syrischen Geflüchteten bei sich aufzunehmen. Wie bist du auf das Thema gestoßen? Ich lebte 2015 in Kanada und las gerade den Roman „Chronik eines angekündigten Todes“ von Gabriel García Márquez. Die Geschichte handelt von einer Gemeinschaft, die durch ein anachronistisches Ehrbewusstsein und durch Passivität am Tod eines jungen Mannes Verantwortung trägt. Mir gefiel sehr, wie García Márquez die dünne Zivilisationsschicht der Bewohner bröckeln ließ und fühlte mich an mein Lieblingsstück, „Geschichten aus dem Wiener Wald“ von Ödön von Horvath, erinnert, das eine ähnliche Thematik aufweist. Ich wollte etwas Ähnliches für die heutige deutsche Gesellschaft schreiben und fragte mich, welche Thematik als besonders kontrovers betrachtet wurde – und musste nur daran denken, was in Deutschland zu dieser Zeit gerade geschah. So war die Idee geboren, einen syrischen Flüchtling in eine Berliner Hausgemeinschaft zu bringen.

    Wie lief die Recherche ab? Beruht die Geschichte auf wahren Erlebnissen? Der Roman ist reine Fiktion. Sämtliche Figuren habe ich mir ausgedacht, sie beruhen nicht auf wahren Vorbildern. Zum Zeitpunkt des Schreibens lebte ich in Kanada und dann in Uruguay. Ich schrieb den Roman 2015 – in dem Jahr also, da Hunderttausende nach Deutschland flüchteten, während ich tausende Kilometer davon entfernt die Geschehnisse nur über die Medien erlebte. Während ich schrieb, schien die Situation in Deutschland immer dramatischer zu werden – das war ein ziemlich surreales Gefühl. Für den Roman war einige Recherche vonnöten. Die erledigte ich vor allem übers Internet; später, vor dem Lektorat, las ich noch einmal einige Bücher über Syrien und die Fluchterlebnisse einiger Flüchtlinge – und sah darin meine bisherige Recherche vor allem bestätigt, was mich beruhigte. Einige Leser haben mir bereits gesagt, dass sie den Roman für sehr realistisch – oder besser glaubwürdig – halten. Das freut mich natürlich, weil ich weiß, dass ich einiges richtig gemacht haben muss. Gleichzeitig finde ich es beängstigend, wenn ich die Handlung des Romans betrachte.

    Was schlussfolgerst du aus deinen Recherchen, Beobachtungen und Reflexionen – auch für das Leben in Neukölln? Ich lebe im Körnerkiez, wo jeder Mikrokosmos seinen Platz zu haben scheint – die Nogat-Klause ist Zufluchtsort für die Altberliner, das Ungeheuer für die jungen Hippen mit ihren Laptops, der Flaschenzug für die jungen Fußballgucker und Biertrinker und die Wettbüros für die türkischstämmigen Männer – mal grob gesagt. Durchschmischungen finden zwar statt, aber gemessen an der Vielfalt der hier lebenden Menschen viel, viel zu wenig. In meinem Roman treffen sehr unterschiedliche Menschen aufeinander, so wie man sie in vielen Berliner Mietshäusern finden kann – nur haben sie da meist nichts miteinander zu tun. Auch ich kenne nur die allerwenigsten meiner Nachbarn persönlich, und ich lebe hier schon sechs Jahre. Das ist für mich leider auch typisch Berlin – obwohl es wohl vor allem typisch Großstadt ist. Dass in „Hinterhofleben“ so unterschiedliche Identitäten und Weltbilder aufeinandertreffen und sich ihre Begegnungen und Gespräche um ein Reizthema – den Einzug eines nicht von allen gern gesehenen syrischen Flüchtlings – drehen, führt zu Konflikten, die den Roman ausmachen. Diese Konflikte haben vor allem damit zu tun, dass sich die unterschiedlichen Seiten nicht zuhören, sondern es sich in ihrer Weltanschauung gemütlich gemacht haben und Widerspruch kaum dulden wollen – das gilt übrigens für Befürworter als auch für Mahner innerhalb der Flüchtlingsthematik. Der Roman versucht damit ein wenig die gegenwärtige Situation in Berlin und Deutschland abzubilden – die Menschen leben nebeneinander her und geben sich zu wenig Mühe, einander zu verstehen. Das beobachte ich auch in Neukölln.

    Foto: Paloma Aliaga

    Wer einen Vorschlag hat, welcher Mensch hier unbedingt vorgestellt gehört: Gerne mailen an leute-m-haarbach@tagesspiegel.de.

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von Madlen Haarbach tagesspiegel
Liebe Nachbar*innen aus Neukölln,

ein sichereres Fahrradfahren könnte bald möglich werden – auch wenn das Berliner Radgesetz weiter auf seine Verabschiedung wartet (taz.de). Vergangene Woche segnete der Ausschuss für Straßen, Grünflächen und Ordnung der Neuköllner Bezirksverordnetenversammlung (BVV) einen Einwohnerantrag in leicht geänderter Form ab.

Der Antrag, der vom Radnetzwerk Neukölln und etwa 1.300 Unterzeichner*innen unterstützt wird, schlägt konkrete Maßnahmen vor, die Neukölln in einen fahrradfreundlichen Bezirk verwandeln sollen. Das Bezirksamt soll sich beim Berliner Senat etwa für eine entsprechende Infrastruktur, beispielsweise farblich abgesetzte Radstreifen, einsetzen. Auch die Oberflächen auf Radfahrstreifen sollen verbessert und geeignete Fahrradabstellmöglichkeiten, bis hin zu Fahrradparkhäusern, geschaffen werden. Bauliche Maßnahmen wie Bremsschwellen und Einbahnstraßenregelungen sollen Geschwindigkeitsüberschreitungen verhindern. Falschparker sollen effektiver kontrolliert werden. Außerdem soll das Bezirksamt selbst eine Vorreiterrolle einnehmen: Für die Mitarbeiter*innen sollen Dienstfahrräder und Pedelecs angeschafft und ihnen die Teilnahme an einem Fahrradleasingprogramm ermöglicht werden. „Um das Thema Radfahren in der Öffentlichkeit stärker zu verankern, wird sich der Bezirk dafür einsetzen, dass der Berliner Senat jährlich eine große Fahrradkonferenz veranstaltet“, heißt es weiter in dem Papier.

Der Antrag soll nun auf der kommenden Bezirksverordnetenversammlung am 24. Januar beschlossen werden. Der Ausschuss-Vorsitzende Marko Preuss (SPD) zeigte sich zuversichtlich: „Ich freue mich über die gute und konstruktive Atmosphäre, in der wir das so wichtige Anliegen hier im Ausschuss behandelt haben, und hoffe, die BVV wird unserer Empfehlung folgen.“

Auch das Radnetzwerk begrüßte den Schritt: „Mit dem Fahrradstraßen-Abschnitt im Norden der Neuköllner Weserstraße hat der Bezirk gezeigt, dass er kann, wenn er will: Vorfahrt für die Fahrradstraße, Stop für Querverkehr, kleinere Umbauten – das war schon vorbildlich für Berliner Verhältnisse“, sagt Jan Michael Ihl vom Netzwerk. „Aber davon braucht Berlin mehr, damit mehr Leute das Auto stehen lassen und aufs Rad umsteigen. Und mehr Kontrollen, damit sich auch Auto-Rowdies an die Regeln halten, z.B. an Parkverbote, Tempolimits und Anlieger-frei-Beschilderung.“ Auf die Entscheidungen müssten nun möglichst bald konkrete Maßnahmen folgen: „Richtig gut wäre, wenn Neukölln 2018 ein paar wichtige Projekte anpackt, die wir schon lange fordern: sichere Lösungen in der Hermannstraße und Sonnenallee, Modalfilter, damit Kieze wirksam verkehrsberuhigt werden und das Weigandufer endlich (nach dem BVV-Beschluss im Januar 2016) zur Fahrradstraße machen – idealerweise als Teil eines Radschnellwegs aus dem Neuköllner Süden.“

Wird Neukölln also bald zum Vorreiter… äh -fahrer in Punkto Radsicherheit, gar zum Radfahrerparadies? Welche Maßnahmen würden Sie sich wünschen? Schreiben Sie mir gerne. Mehr zu den Plänen für das Weigandufer lesen Sie auch unter „Namen & Neues“.

Madlen Haarbach ist freie Autorin beim Tagesspiegel und begeisterte Radfahrerin. Nach einigen Nahtod-Erlebnissen im Straßenverkehr hofft sie, dass schon bald konkrete Maßnahmen für mehr Radfreude umgesetzt werden. Sie freut sich über Kritik, Anregungen und Tipps bei Twitter oder per E-Mail.

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Madlen Haarbachs Tipp für Sie

Die Menschen vom Quartiersmanagement Schillerkiez haben sich in der Nachbarschaft umgehört und unzählige Geschichten gesammelt. Diese können Sie nun in der Broschüre „Schillerndes – Geschichten aus dem Kiez“ (PDF) nachlesen. Von Brachflächen, Brieffreundschaften über Fassadengeschichten bis hin zur bewegten Kneipengeschichte der Warthestraße – in der Broschüre können Sie einmal völlig in die Anekdoten der bewegten Kiezgeschichte abtauchen. Die Holzversion erhalten Sie unter anderem im Nachbarschaftstreff im Schillerkiez, Mahlower Straße 27, und einigen Geschäften im Kiez.