Besuch in der Botschaft Kasachstans in Niederschönhausen : Die Sicht der Anderen

Kasachstan hat nicht das beste Image. Gerade macht das Land Schlagzeilen, weil deutsche Politiker sich gegen Geld für das Land einsetzen sollten. Der Botschafter des Landes mit Sitz in Niederschönhausen geht in die Offensive.

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Ziemlich beste Freunde: Kasachstans Staatschef Nasarbajew und Ex-Bundespräsident Köhler in der Büchervitrine der Botschaft.
Ziemlich beste Freunde: Kasachstans Staatschef Nasarbajew und Ex-Bundespräsident Köhler in der Büchervitrine der Botschaft.Foto: Ulrike Scheffer

Die Glasvitrine in der kasachischen Botschaft hat es in sich. Drei Bücher stehen darin auf einem Bord, sie alle zeigen Nursultan Nasarbajew, den Staatschef Kasachstans. Auf den Bänden rechts und links ist der Präsident in großformatigen Posen abgebildet, auf dem mittleren schüttelt er die Hand des deutschen Bundespräsidenten Horst Köhler. "2009 Kasachstan-Jahr in Deutschland", lautet der Titel des Buches. Das Bild darauf entstand bei einem Staatsbesuch Köhlers in Kasachstan, wie die Hochhauskulisse im Hintergrund belegt. Beide lächeln freundschaftlich. Dem "Spiegel" waren deutsch-kasachische Männerfreundschaften in der vergangenen Woche eine Titelgeschichte wert. Kasachstan soll deutschen Politikern im Ruhestand, darunter Horst Köhler und Gerhard Schröder, über eine österreichische Anwaltskanzlei Geld geboten haben, damit sie helfen, das schlechte Image Kasachstans aufzupolieren. Der frühere Innenminister Otto Schily sollte demnach sogar Einfluss auf Ermittlungen gegen den in Ungnade gefallen Schwiegersohn Nasarbajews in Deutschland nehmen. Grund genug für den Pankow-Blog, sich das Land und seine offiziellen Vertreter einmal genauer anzusehen. Denn die residieren im beschaulichen Niederschönhausen. Aber sind sie auch bereit, mit Journalisten zu sprechen? Die Spiegel-Rechercheure sind mit ihren Anfragen bei der Botschaft angeblich abgeblitzt. Am Telefon bittet der Pressesekretär darum, den Terminwunsch schriftlich einzureichen. Das klingt nach Hinhaltetaktik. Doch schon zwei Tage später meldet er sich und bietet ein Gespräch mit dem Botschafter für den nächsten Tag an.

Die kasachische Botschaft in Niederschönhausen fällt auf.
Die kasachische Botschaft in Niederschönhausen fällt auf.Foto: Ulrike Scheffer

Die Botschaft liegt in der Nordendstraße. Vor der Wende wohnte an diesem Standort der amerikanische Botschafter in der DDR. Danach übernahm Kasachstan das großzügige Gelände mit einem Altbau, der an ein Gutshaus erinnert. Das Gebäude wurde allerdings bald zu klein für die Botschaft. Vor allem die Konsularabteilung musste vergrößert werden, denn rund eine Million deutschstämmige Bürger haben Kasachstan in Richtung Deutschland verlassen und kommen immer mal wieder mit Anliegen in die Botschaft - wenn sie beispielsweise Dokumente wie Geburts- oder Heiratsurkunden benötigten, erklärt Pressesekretär Marlen Kalambayev. 2012 entstand daher neben dem Altbau ein neues Gebäude mit dunkler Klinkerfassade, bronzefarbenen Metallelementen darauf und großen geschwungenen Metallfenstern. Das fällt schon von Weitem auf. Nicht zu übersehen ist aber auch die Menschenschlange, die sich hier morgens manchmal vor dem Eingang bildet. Schon lange bevor die Botschaft öffnet, stehen dann viele PKW mit auswärtigen Kennzeichen in der Nordendstraße.

Botschafter Bolat Nussupov.
Botschafter Bolat Nussupov.Foto: promo

Auch Botschafter Bolat Nussupov hat sein Büro im Neubau, dessen rundes Treppenhaus mit traditionellen Ornamenten versehen ist und ein kuppelartiges Glasdach hat. Das soll an ein kasachisches Nomadenzelt, eine Jurte, erinnern. Sie ist rund und zum Himmel hin offen. Gäste empfängt Nussupov in einem kleinen Zimmer mit Blick auf den parkartigen Garten, das mit ausladenden weißen Ledersesseln ausgestattet ist. Über die "Spiegel"-Geschichte möchte er nur ungern sprechen. Grundsätzlich findet er aber, sein Land habe die schlechte Presse nicht verdient. Kasachstan sei ein "Anker der Stabilität" in Zentralasien, sagt er. "Bei uns leben viele Volksgruppen mit verschiedenen Religionen friedlich zusammen." Die Atmosphäre im Land sei von Toleranz geprägt. "Das ist unser größter Verdienst." Auch das Internet sei in keiner Weise beschränkt, fügt er noch hinzu. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch zeichnet ein anderes Bild. Im aktuellen Jahresbericht der Organisation heißt es unter anderem, Kasachstan beschränke massiv die Versammlungs-, Meinungs- und Religionsfreiheit. 2014 seien Zeitungen geschlossen und Dutzende Menschen nach friedlichen Protesten verhaftet worden. Regierungskritiker würden vor Gericht gebracht, wo sie aber keine fairen Prozesse erwarten könnten. Viele säßen in Haft.

Traditionelle Elemente im Treppenhaus.
Traditionelle Elemente im Treppenhaus.Foto: Ulrike Scheffer

"Unser Staat ist erst 24 Jahre alt, da werden auch Fehler gemacht", sagt der Botschafter zu den Vorwürfen. Kasachstan orientiere sich klar an europäischen Werten, aber die könnten nicht von heute auf morgen umgesetzt werden. Solche Argumente kennt man auch aus den sogenannten asiatischen Tigerstaaten: Stabilität und Wohlstand sind die wichtigsten Voraussetzungen für die Entwicklung eines Landes, Demokratie kann man sich dann immer noch leisten. Auf eines besteht Nussupov jedoch: "Wir sind keine Diktatur, sondern ein funktionierendes Land." Der nun in Deutschland als Potentat gescholtene Nasarbajew habe den Kasachen Wohlstand gebracht. Ein Diktator sei für ihn jemand wie Stalin, ein Massenmörder, und mit dem habe sein Präsident nun gar nichts gemein.

Ein Faible für Pankow

Botschafter Nussupov, seit September 2014 in Berlin, bleibt bei seinen Ausführungen immer freundlich. Manchmal lacht er sogar über das ganze Gesicht. Es ist ein offenes, ehrliches Lachen. Er sagt, er sei gern in Berlin, gern in Pankow, weil es hier so ruhig und grün sei. Man glaubt es ihm. "Ich kann hier gut atmen und denken", sagt der Botschafter. Privat wohnt er allerdings in Charlottenburg, seine Mitarbeiter hingegen in botschaftseigenen Gebäuden im Majakowskiring. Nussupov spricht sehr gut Deutsch. Das hilft ihm, Kontakte zu knüpfen. "Ich gehe zum Beispiel gern ins Spok", sagt er. In dem Sportzentrum gleich gegenüber der Botschaft, das zu DDR-Zeiten exklusiv für ausländische Diplomaten gebaut wurde, spielen viele Botschaftsmitarbeiter mit Deutschen aus der Nachbarschaft Fußball. Ihre Kinder nehmen im Sommer dort an Sportcamps teil. "Die Menschen hier sind sehr offen und gastfreundlich", sagt der Botschafter. Dass Kasachstan ein schlechtes Image in Deutschland hat, kann er nicht bestätigen. "Ich erlebe das anders." Wenn nur die Presse nicht wäre.

Autor

Ulrike Scheffer schreibt für Pankow


Ulrike Scheffer lebt mit ihrer Familie in einer sogenannten Intelligenzsiedlung in Pankow-Niederschönhausen. Einst lebten hier Wissenschaftler und Künstler, die schaffende Intelligenz der DDR. Einige ihrer Nachbarn wohnen schon seit den 1950er Jahren in der kleinen Straße und können kaum fassen, wie sich ihre Umgebung verändert hat: exklusive Townhäuser, Privatschulen und Müttercafés. Die meisten nehmen es gelassen, denn bei all dem hat sich Pankow seinen eigenen Charme bewahrt. Und deshalb fühlen sich wohl auch die Neubürger hier wohl.

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