Deutsch-deutscher Spaziergang : Der etwas andere Nachbar

Hans Otto Bräutigam war Ständiger Vertreter der Bundesrepublik in der DDR und lebte in dieser Zeit in Niederschönhausen. Noch heute kommt er gern hierher zurück.

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Hans Otto Bräutigam kommt immer mal wieder in die Kuckhoffstraße.
Hans Otto Bräutigam kommt immer mal wieder in die Kuckhoffstraße.Foto: Ulrike Scheffer

Mit beiden Händen schirmt Hans Otto Bräutigam sein Gesicht ab, als er durch die Scheibe in der Eingangstür schaut. Im Innern des Gebäudes in der Kuckhoffstraße hat er eine junge Frau erspäht. Er klopft gegen die Scheibe, doch die Frau reagiert nicht. Er klopft noch einmal. Kräftiger diesmal, mit Erfolg. Wenige Sekunden später öffnet die junge Frau die Tür. “Hi”, sagt sie mit unüberhörbar amerikanischem Akzent. Bräutigam reagiert sofort. “I lived here 25 years ago!, erklärt er. “Oh yes, come in”, ist die freundliche Antwort. Bräutigam fragt sie, woher sie kommt. Sie ist tatsächlich Amerikanerin.

Arbeitstische statt Cocktails

Der Mann in dem braun-schwarz gemusterten Flanelljacket schaut sich ungläubig um. Nach mehr als 25 Jahren hat er soeben die ehemalige Residenz des Ständigen Vertreters der Bundesrepublik Deutschland in der DDR betreten. Von 1982 bis Januar 1989 war er dieser Vertreter. Und hat in dieser Zeit mit seiner Familie hier gewohnt. Noch etwas zögerlich betritt Hans Otto Bräutigam einen großen, schlichten Raum mit großen Fenstern zum Garten. “Das war das Empfangszimmer”, sagt er. Heute stehen hier große Arbeitstische auf dem Parkett, an den Wänden Poster und einige Regale. In einer Ecke sitzen zwei andere junge Frauen, die sich ebenfalls auf Englisch unterhalten. Es sind Studentinnen des Bard-College, das in Niederschönhausen mehrere ehemalige Botschaftsgebäude bezogen hat und an dem mehr als 100 Studenten aus aller Welt studieren. In der Kuckhoffstraße 41/43 ist die Bibliothek des College untergebracht. Und der ehemalige Empfangssaal des Ständigen Vertreters der Bundesrepublik in der DDR ist zum Arbeitszimmer der Bibliothek umfunktioniert worden.

In Bräutigams alten Arbeitszimmer sitzt nun eine Bibliothekarin.
In Bräutigams alten Arbeitszimmer sitzt nun eine Bibliothekarin.Foto: Ulrike Scheffer

Die Bibliothekarin kommt aus dem Nebenzimmer hinzu und fragt Bräutigam, ob sie etwas für ihn tun könne. Auch sie stammt dem Akzent nach aus einem englischsprachigen Land. Bräutigam erklärt ihr, dass er einmal der westdeutsche Repräsentant in der DDR war und hier gewohnt hat. Die zierliche Frau mit dem schulterlangen dunklen Haar, sie mag um die 40 sein, ist entzückt: “Ach so, ich verstehe”, sagt sie und lächelt. Ob sie um das deutsch-deutsche Verhältnis zur Zeit der Mauer weiß, oder ob sie Bräutigam einfach nur für einen normalen ehemaligen Botschafter hält, bleibt unklar.

Auf Wiederentdeckungstour

Bräutigams Neugier ist nun geweckt. Er blinzelt durch seine rot-braune Hornbrille und streckt den Kopf ins Nebenzimmer. “Darf ich?”, fragt er die Bibliothekarin, doch die Antwort wartet er nicht ab. Nun steht er in einem kleinen Raum, der gerade Platz bietet für einen Schreibtisch samt Computer. Der Arbeitsplatz der Bibliothekarin. “Früher war das mein Arbeitszimmer”, sagt Bräutigam und grinst. Rasch geht er noch durch zwei weitere Räume, entschuldigt sich im Vorbeigehen leise bei einer Studentin, die in der Videothek, dem alten Gästezimmer der Residenz, in einer Decke gehüllt auf einem Sofa sitzt und ein Buch liest, dann verabschiedet er sich wieder. Einmal im Jahr vielleicht gehe er mit seiner Frau in der Umgebung spazieren, erzählt er, als er wieder auf der Straße steht. “Aber in der Residenz war ich heute zum ersten Mal wieder.”

Hans Otto Bräutigam vor seiner alten Residenz in der Kuckhoffstraße.
Hans Otto Bräutigam vor seiner alten Residenz in der Kuckhoffstraße.Foto: Ulrike Scheffer

An eine Residenz erinnert das Gebäude allerdings kaum noch: innen ist es karg, außen blättert die grünliche Farbe, in der der Mittelteil gestrichen ist. Denn eigentlich besteht die ehemalige Residenz des Ständigen Vertreters aus zwei Gebäuden, einfache zweigeschossige Wohnhäuser aus den 1950er Jahren, die in den 1970er Jahren durch einen Verbindungsbau zusammengefügt wurden. “Uns war es sehr recht, dass das Haus nicht so elegant war, denn wir wollten nicht auffallen”, erklärt Bräutigam. Ganz normale Deutsche wollten Hans Otto Bräutigam und seine Frau Hilla sein. Dabei waren die meisten ihrer Nachbarn selbst alles andere als Normalbürger. Professoren, Künstler, Funktionäre lebten in der Gegend, und dazwischen ausländische Diplomaten. Gleich gegenüber etwa residierte der Schweizer Botschafter. Hinter der Residenz des Ständigen Vertreters wohnte der Architekt Hermann Henselmann, der die Stalinallee geplant hatte. “Mit ihm habe ich so manches Gespräch über den Gartenzaun geführt, eigentlich immer freundlich”, sagt Bräutigam, als er die Straße entlang geht.

Ost-West-Begegnungsstätten

Kurz vor der Ecke Waldstraße bleibt er stehen. “Hier wohnte die Schauspielerin Inge Keller, wir haben sie im Theater gesehen, und sie war häufig Gast bei uns.” Die Erinnerungen holen den inzwischen 83-Jährigen ein. Die Residenz und die Ständige Vertretung in der Hannoverschen Straße seien deutsch-deutsche Begegnungsstätten gewesen, sagt er. Christa Wolf, Stephan Hermlin, Stefan Heym und viele andere seien hier mit westdeutschen Journalisten und Gästen aus der Bundesrepublik zusammengekommen - und auch mit DDR-Funktionären. “Ich glaube, die Einladungen waren sehr begehrt.” Der Kontakt zu einfachen DDR-Bürgern blieb jedoch begrenzt. Oft sei er abends mit seiner Frau im Viertel spazieren gegangen, sagt Bräutigam. “Viele habe uns dann gegrüßt, aber angesprochen hat uns nie jemand.”

Alles ist bunter geworden

Die Struktur des Viertels habe sich bis heute kaum verändert, stellt Bräutigam bei seinem Rundgang fest. Aber bunter sei es geworden, der graue Rauputz verschwunden. Über die Waldstraße und Platanenstraße wandert er Richtung Friedrich-Engels-Straße, wo er ebenfalls drei Jahre lang gewohnt hat (im Haus mit der Nummer 78). Denn er erlebte von 1974 bis 1977 auch die Anfänge der deutsch-deutschen Diplomatie mit. Als Stellvertreter des ersten Ständigen Vertreters der Bundesrepublik in der DDR, Günter Gaus. Mit seiner Frau und drei kleinen Kindern zog Bräutigam damals nach Ostberlin, für alle ein großes Abenteuer. Der jüngste Sohn ging in einen kirchlichen Kindergarten in der Nähe. “Dort hat er sich immer ein wenig fremd gefühlt”, erinnert sich Bräutigam.

In der Friedrich-Engels-Straße 78 lebte Familie Bräutigam in den 1970er Jahren. Die Büsche vor dem Haus haben sie gepflanzt.
In der Friedrich-Engels-Straße 78 lebte Familie Bräutigam in den 1970er Jahren. Die Büsche vor dem Haus haben sie gepflanzt.Foto: Ulrike Scheffer

Die beiden Älteren fuhr er anfangs selbst jeden Morgen nach Westberlin zur Schule. Später organisierten westliche Botschaften einen Schulbus, denn die meisten Diplomaten aus dem Westen schickten ihre Kinder in Schulen jenseits der Mauer. An der Grenze habe es nie Probleme gegeben, erzählt Bräutigam. Sein Sohn sei sogar einmal ohne Ausweis in den Westteil durchgelassen worden, als er diesen vergessen hatte. “Man kannte uns, und außerdem waren die DDR-Behörden sehr daran interessiert, dass unsere Kinder nicht im Osten die Schule besuchten. Da hätten sie ja einen schlechten Einfluss auf ihre Mitschüler haben können.” Für die Kinder selbst sei die Situation allerdings nicht einfach gewesen. Ihre Freunde wohnten im Westen, im Osten fanden sie kaum Anschluss. Auch die Mitgliedschaft im Sportverein sei nicht erwünscht gewesen. “Die Kinder haben schon realisiert, dass sie in zwei Welten leben,” sagt der Vater rückblickend. Gewöhnt hätten sie sich daran nie.

Nachbarschaftshilfe von der Stasi

Zu der Welt im Osten gehörte natürlich auch die Stasi, die Bräutigam stets begleitete. “Dass wir überwacht wurden, war uns klar”, sagt er, “wir haben einfach versucht, das zu ignorieren.” Einmal allerdings kam der Familie die “Betreuung” sogar ganz gelegen. Als die Bräutigams spät abends von einer Feier nach Hause kamen und ihren Schlüssel vergessen hatten. Der jüngste Sohn schlief im Haus und reagierte nicht, die beiden älteren Kinder übernachteten bei Freunden im Westen. Hans Otto Bräutigam ging schließlich zum Haus schräg gegenüber. Er wusste, dass hier seine Bewacher von der Stasi saßen, und war sich sicher, dass die einen Schlüssel für sein Haus hatten. “Als ich den Mann, der mir öffnete, um Nachbarschaftshilfe bat, war der allerdings zunächst empört, und sagte, er habe keinen Schlüssel. Doch ich insistierte und forderte ihn auf, mit seinen Vorgesetzten zu telefonieren. Danach kam er dann mit uns rüber und ließ uns ins Haus.” Noch heute freut sich Bräutigam diebisch über diese "Dekonspiration". Ehemalige DDR-Bürger fänden sie allerdings meist gar nicht komisch. “Die haben mit der Stasi natürlich ganz andere Dinge erlebt.”

Viele Kontakte sind geblieben

Bis heute hält Bräutigam Kontakt zu Menschen, mit denen er in seiner Zeit in der DDR zu tun hatte: zu seiner alten Köchin aus der Kuckhoffstraße etwa, zu Kirchenleuten und sogar zu seinem Ansprechpartner im DDR-Außenministerium. Die Wende erlebte er aus der Ferne. Anfang 1989 wurde er an die Vertretung der Bundesrepublik bei den Vereinten Nationen in New York versetzt. Erst Weihnachten 1989 reiste er mit seiner Frau nach Berlin. “Wir kamen spät abends an und sind noch um Mitternacht zum Brandenburger Tor gegangen, das schon wieder offen war. Es war unglaublich, das zu sehen.” Seit Ende 1990, als der Diplomat parteiloser Minister im ersten Kabinett von Manfred Stolpe in Brandenburg wurde, leben Hans Otto Bräutigam und seine Frau Hilla wieder in Berlin. Jetzt allerdings im Westend.

Autor

Ulrike Scheffer schreibt für Pankow


Ulrike Scheffer lebt mit ihrer Familie in einer sogenannten Intelligenzsiedlung in Pankow-Niederschönhausen. Einst lebten hier Wissenschaftler und Künstler, die schaffende Intelligenz der DDR. Einige ihrer Nachbarn wohnen schon seit den 1950er Jahren in der kleinen Straße und können kaum fassen, wie sich ihre Umgebung verändert hat: exklusive Townhäuser, Privatschulen und Müttercafés. Die meisten nehmen es gelassen, denn bei all dem hat sich Pankow seinen eigenen Charme bewahrt. Und deshalb fühlen sich wohl auch die Neubürger hier wohl.

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