Ein ganz besonderer Chor : Hart und herzlich

Der HardChorELLA ist organisiert wie eine Familie. Die Großen helfen den Kleinen auch mal bei den Hausaufgaben. Und Leiterin Bettina Kurella reißt alle mit.

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Die jüngeren Mitglieder des HardChorELLA bei einem Auftritt.
Die jüngeren Mitglieder des HardChorELLA bei einem Auftritt.Foto: Ines Weinmann

"Liebe Frau Scheffer, ich bin morgen den ganzen Tag in der Schule (ausgenommen 30 Minuten essen so gegen zwei) - und die Erwachsenen proben ja bis 20 Uhr, einige sogar bis 21 Uhr, also da finden wir uns." Die Mail von Bettina Kurella erklärt schon mal, warum ihr Chor "HardChorELLA" heißt. Bei dem Tagespensum muss die Frau schon hart gesotten sein. Und das ist sie auch. Um sechs Uhr am Mittwochabend hat die Lehrerin der Kurt-Tucholsky-Oberschule in der Neumannstraße bereits einen langen Schultag und die Nachmittagsprobe für die jüngeren Schüler ihres Chores hinter sich. Nun geht es in einem der Musikräume der Schule in die nächste Runde.

Bettina Kurella hängt sich auch bei den Proben voll rein.
Bettina Kurella hängt sich auch bei den Proben voll rein.Foto: Ulrike Scheffer

Einige der Jugendlichen bleiben noch, um mit den Erwachsenen zu proben, die nach und nach eintrudeln. Einer der Neuankömmlinge bringt Bettina Kurella einen Kaffee mit. Sie bedankt sich und nimmt gleich ein paar hastige Schlucke aus dem braunen Plastikbecher. Die 54-Jährige sieht müde aus. Eine Haarklammer verhindert, dass ihre glatten braunen Haaren in ihre Augen fallen, denn ihr Körper ist hellwach. Während sich die Chormitglieder mit innigen Umarmungen verabschieden und begrüßen, erzählt sie mit ausladenden Armbewegungen ihre Geschichte und die des HardChorELLA. Mit ähnlich intensivem Körpereinsatz wird sie von ihrem Lehrerpult aus später auch die Probe leiten.

"Ich bin mittwochs nur ein seltsam unentspannter Gesprächspartner :-)", hatte sie noch geschrieben in ihrer Mail. Unruhig trifft es wohl eher. Allein die Tatsache, dass sie schon dreizehnmal umgezogen ist, spricht dafür, dass Bettina Kurella in ihrem Leben selten zur Ruhe kommt. Pankow, wo sie auch aufgewachsen ist, bleib sie aber immer treu. Nur zum Studium ging sie ein paar Jahre in Halle fremd.

Die Proben finden in der Kurt-Tucholsky-Oberschule statt.
Die Proben finden in der Kurt-Tucholsky-Oberschule statt.Foto: Ulrike Scheffer

"Der Chor, das ist Meins", antwortet sie auf die Frage nach der Motivation für ihr ungewöhnliches Engagement. Der sei wie eine Großfamilie. So ist er auch organisiert. Jeweils drei Chormitglieder verschiedener Altersgruppen bilden eine Geschwistergruppe. Mitmachen kann man ab der 6. Klasse, dann gehört man zu den "Küken". Sänger der 7. bis 9. Klasse heißen "Süße", ab Klasse 10 darf man sich "Großer" nennen und wer die Schule hinter sich gelassen hat, wird zum "Fossil". Die Geschwister unterstützen sich im Chor, die Älteren helfen den Jüngeren aber auch mal bei den Hausaufgaben. "Der Zusammenhalt ist toll", sagt Kurella.

Chor kann offenbar viel Spaß machen. Max (l.) und Jonas stimmen sich auf die Probe ein.
Chor kann offenbar viel Spaß machen. Max (l.) und Jonas stimmen sich auf die Probe ein.Foto: Ulrike Scheffer

Die Chormitglieder bestätigen das. Der 15-jährige Max zum Beispiel, Schüler der Tucholsky-Oberschule, der von den gemeinsamen Chorfahrten schwärmt und sagt, dass er in der Gemeinschaft seine Schüchternheit verloren hat. Oder Jonas, der schon 26 ist und die Schule längst verlassen hat. Beruflich habe er seither viel ausprobiert, den richtigen Weg aber noch nicht gefunden. Gerade jobbt er als Veranstaltungstechniker in der Brotfabrik, das könnte etwas mit Zukunft sein. Seit er mit 13 zu Bettina Kurella kam, ist der Chor die feste Größe in seinem Leben, auch wenn er jetzt ein schwarzes Sweatshirt mit dem Schriftzug der "Toten Hosen" trägt.

Ungewöhnliche Leute an ungewöhnlichen Orten

Max sieht mit seinen ausgewaschenen Jeans und dem hippen T-Shirt ebenfalls nicht aus wie ein klassischer Chorknabe. Andere haben Tunnel im Ohrläppchen oder krass gefärbte Haare. Und dennoch singen sie emotionale irische und ungarische Volkslieder, immer unter wortreicher Anleitung ihrer Chorleiterin. Sie suche vor allem nach Liedern, die ein "Wir-Gefühl" vermittelten, sagt sie. Das könnten durchaus auch Popsongs sein. "Nur Hip-Hop singen wir noch nicht." Dafür tritt sie mit ihrer Gruppe an ungewöhnlichen Orten auf, neulich etwa im Neumann Forum. Die Bühne war unweit des Aldi-Marktes aufgebaut. "Da hatten wir das Klingeln der Kassen als Begleitmusik." Schön sei es dennoch gewesen. "Als wir ein ukrainisches Lied gesungen haben, fingen zwei Bauarbeiter glatt an zu weinen", erinnert sich Bettina Kurella.

Die nächsten Auftritte

Bis Weihnachten sind weitere Auftritte geplant: Am 10. 12. tritt HardChorELLA in der Pankower Hoffnungskirche auf (19 Uhr). Am 19. 12. singt er sein Advent-Abschlusskonzert zusammen mit dem Erich-Fried-Chor in der Pankower Kirche in der Breiten Straße (19 Uhr).

Autor

Ulrike Scheffer schreibt für Pankow


Ulrike Scheffer lebt mit ihrer Familie in einer sogenannten Intelligenzsiedlung in Pankow-Niederschönhausen. Einst lebten hier Wissenschaftler und Künstler, die schaffende Intelligenz der DDR. Einige ihrer Nachbarn wohnen schon seit den 1950er Jahren in der kleinen Straße und können kaum fassen, wie sich ihre Umgebung verändert hat: exklusive Townhäuser, Privatschulen und Müttercafés. Die meisten nehmen es gelassen, denn bei all dem hat sich Pankow seinen eigenen Charme bewahrt. Und deshalb fühlen sich wohl auch die Neubürger hier wohl.

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