Florakiez und Niederschönhausen : Gehört das zusammen, oder wächst das nur?

In der Florastraße sieht es inzwischen aus wie im Prenzlauer Berg. Weiter im Norden wird zwar viel gebaut, szenige Läden und Kneipen sind hier aber noch Mangelware. Ein Vergleich in unserem neuen Pankow-Blog.

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Die Läden auf der Florastraße könnten auch in der Kastanienallee bestehen. Zum Beispiel der Blumenladen "Flora Garten" mit dem schönen Beinamen: ein Stückchen Eden.
Die Läden auf der Florastraße könnten auch in der Kastanienallee bestehen. Zum Beispiel der Blumenladen "Flora Garten" mit dem...Foto: Ulrike Scheffer

”Fuck Yuppies”, hat jemand auf das Bauschild einer Baugruppe in der Wollankstraße, kurz vor dem Abzweig Florastraße geschrieben. Baugruppe? Gibt es das nicht nur im Prenzlauer Berg? Dort tun sich seit Jahren junge Familien zusammen und bauen gemeinsam Häuser. Nun werden auch Baulücken in Pankow auf diese Weise geschlossen. Jedenfalls im südlichen Teil, rund um die Florastraße.   

Die Florastraße: Noch Pankow oder schon Prenzlauer Berg?
"Fuck Yuppies" hat jemand auf das Bauschild auf der Wollankstraße, Ecke Florastraße geschrieben.Weitere Bilder anzeigen
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08.10.2014 12:45"Fuck Yuppies" hat jemand auf das Bauschild auf der Wollankstraße, Ecke Florastraße geschrieben.

Ein kleiner Prenzlberg

Der Florakiez entwickelt sich immer mehr zu einer Art kleinem Prenzlberg. Erkennbar ist das allein schon an der Bugaboo-Dichte, das "Must-have"- Kinderwagenmodell entlang der Schönhauser Allee.

Wiebke Schleser hat vor fünf Jahren einen Kinderbuchladen auf der Florastraße eröffnet.
Wiebke Schleser hat vor fünf Jahren einen Kinderbuchladen auf der Florastraße eröffnet.Foto: Ulrike Scheffer

"Im letzten Jahr hat es hier plopp gemacht", sagt Wiebke Schleser, die seit fünf Jahren den Kinderbuchladen "BuchSegler" in der Florastraße betreibt. Ihre Freunde hatten sie damals für verrückt erklärt, ausgerechnet auf dem Teil der Straße zwischen Mühlen- und Wollankstraße einen Kinderbuchladen zu eröffnen. Doch mittlerweile boomt es gerade hier. Mütter-Cafés haben eröffnet, ein Second-Hand-Geschäft und vor wenigen Monaten sogar eine Bar.  

Der Norden ist bürgerlicher

Das gibt es im nördlicheren Niederschönhausen, wo vor der Wende vor allem DDR-Funktionäre, Wissenschaftler, Künstler und ausländische Diplomaten lebten, nicht. Neueröffnete Restaurants schließen meist schnell wieder, die Kneipen, die sich halten, heißen "Abseits" oder "Kummerkasten". Das Publikum ist entsprechend - original. Doch es gibt auch Inseln: Im Windschatten des Biosupermarktes auf der Herrmann-Hesse-Straße hat im vergangenen Winter das Café “Lieblingsstück” eröffnet. Dort treffen sich nun auch regelmäßig Mütter - allerdings eher solche, die einen etwas bürgerlicheren Emaljunga-Kinderwagen vor sich herschieben.

Emmely Pritschow in ihrem "Lieblingsstück" in Niederschönhausen.
Emmely Pritschow in ihrem "Lieblingsstück" in Niederschönhausen.Foto: Ulrike Scheffer

Besitzerin Emmely Pritschow hat selbst eine kleine Tochter, lebt aber in Friedrichshain. “In Friedrichshain gibt es schon so viel, da habe ich mich lieber woanders umgeschaut, und hier fand ich es einfach schön”, sagt sie zur Motivation, ausgerechnet in der Gastro-Wüste Niederschönhausen ein szeniges Café zu eröffnen - mit hellen Holzmöbeln, einer nostalgischen Couchgarnitur und einem alten Apothekenthresen im Jugendstil. Früher war Pritschow Eventmanagerin im FEZ in der Wuhlheide, jetzt backt sie vegane und glutenfreie Kuchen für das ausgehungerte Pankower Publikum. “Viele haben mir gesagt, dass sie auf so ein Lokal gewartet haben”, berichtet sie. Schon in der Vorbereitungszeit seien Neugierige hereingekommen und  hätten Unterstützung angeboten. “Es ist hier wie auf einem Dorf, man kennt sich und hilft sich.”

Die Immobilienpreise sind explodiert

Viele, die sich im “Lieblingsstück” treffen, sind erst in den letzten Jahren nach Niederschönhausen gezogen. In die neuen Reihenhaussiedlungen nahe der Schönholzer Heide oder in Einfamilienhäuser, die nach dem Tod der Altbesitzer von den Erben lieber verkauft als bewohnt werden. Kein Wunder, denn die Preise für Häuser und Grundstücke sind hier seit der Finanzkrise regelrecht explodiert. Wer heute nach Niederschönhausen zieht, gehört daher meist zur oberen Mittelschicht.

In den Sommermonaten fungierte bisher das alteingesessene Café Kubitza weiter oben auf der Dietzgenstraße als Anlaufstelle. Dort tummeln sich bei schönem Wetter draußen ganze Familien mit Eiswaffeln in der Hand, während drinnen in etwas düsterer Gewächshaus-Atmosphäre ältere Pankower bei Kännchen-Kaffee und Kuchen sitzen. In Niederschönhausen verträgt sich das ganz offensichtlich gut.

Wolfgang Kotzott vermisst im neuen Florakiez die alte Sozialkultur.
Wolfgang Kotzott vermisst im neuen Florakiez die alte Sozialkultur.Foto: Ulrike Scheffer

Nicht jeder mag das neue Florastraßen-Flair

Auch auf der Florastraße gibt es so etwas wie eine gastronomische Institution: das “Firenze”. Mit seinem Saal mit großem Italien-Wandbild und dem kleinen Trattoria-Raum mit Wein- und Feinkostregalen im vorderen Teil, ist es auch irgendwie unentschieden. Kellnerin Diana Gallina arbeitet seit sieben Jahren in dem italienischen Restaurant. Sie findet, dass sich der Kiez nicht so sehr verändert hat. “Es gibt mehr Leute und mehr Kinder, aber unsere Stammkunden sind noch immer die alten”, sagt sie. Wolfgang Kotzott zum Beispiel, um die 50, der früher im Florakiez gewohnt hat und noch immer gelegentlich im “Firenze” vorbeischaut. Eigentlich hat er mit der Gegend aber abgeschlossen:  “Hier regiert nur noch das Geld, das Soziale bleibt auf der Strecke”, sagt er. Auf der einst beschaulichen Florastraße sei es nun voll und hektisch. “Das ist nicht mehr Meins.”

Manche können die Mieten nicht mehr zahlen

Offensichtlich befindet sich die Florastraße gerade an einem Wendepunkt. Neben etwas heruntergekommenen Altbauten, an denen zwar der Putz bröckelt, die aber meist liebevoll dekorierte Balkone haben, sind nüchterne Neubauten im Townhouse-Stil entstanden. Grau und glatt und irgendwie noch ein Fremdkörper. Doch es werden immer mehr. Und das bleibt nicht ohne Folgen. “Die Vermieter zocken hier gerade richtig”, sagt Buchladenbesitzerin Wiebke Schleser. “Und die Ersten gehen, weil sie es sich hier nicht mehr leisten können.” Auch für den ein oder anderen Geschäftsinhaber werde es langsam eng, sagt sie. Vergleiche mit dem Prenzlauer Berg hört sie dennoch nicht gern. “Wir sind hier noch mehr bei uns”, sagt sie bestimmt und wendet sich wieder ihren Kunden zu.  

Autor

Ulrike Scheffer schreibt für Pankow


Ulrike Scheffer lebt mit ihrer Familie in einer sogenannten Intelligenzsiedlung in Pankow-Niederschönhausen. Einst lebten hier Wissenschaftler und Künstler, die schaffende Intelligenz der DDR. Einige ihrer Nachbarn wohnen schon seit den 1950er Jahren in der kleinen Straße und können kaum fassen, wie sich ihre Umgebung verändert hat: exklusive Townhäuser, Privatschulen und Müttercafés. Die meisten nehmen es gelassen, denn bei all dem hat sich Pankow seinen eigenen Charme bewahrt. Und deshalb fühlen sich wohl auch die Neubürger hier wohl.

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