Flüchtling unterstützt Flüchtlinge in Pankow : Hilfe zur Selbsthilfe

Ein junger Syrer aus Prenzlauer Berg will anderen Flüchtlingen das Ankommen erleichtern. Dafür hat er eine Online-Plattform mit Informationen über den Alltag in Deutschland aufgebaut.

Ulrike Scheffer
Ahmad Denno fühlt sich in Berlin wohl.
Ahmad Denno fühlt sich in Berlin wohl.Foto: privat

Für Ahmad Denno sind es Tage der Angst. Der 25-jährige Syrer aus Aleppo lebt seit zwei Jahren in Deutschland, hat inzwischen eine eigene Wohnung in Prenzlauer Berg. Auch seine Eltern und sein Bruder konnten nach Deutschland kommen. Doch Verwandte leben noch immer in der schwer umkämpften Stadt Aleppo. Die siebenjährige Tochter eines Cousins sei dort vor wenigen Monaten ums Leben gekommen, erzählt er mit gesenktem Blick. "Es ist nicht einfach, sich auf die Normalität hier in Deutschland einzulassen, wenn man immer diese Sorgen hat", sagt er.

Denno bewirbt sich gerade auf eine Stelle, nachdem ein erster Job-Anlauf gescheitert ist. Und er hilft Flüchtlingen, die noch ganz am Anfang stehen. Gemeinsam mit anderen Geflüchteten und deutschen Unterstützern - insgesamt sind es mehr als 30 - hat er eine arabischsprachige Online-Plattform aufgebaut, auf der Flüchtlinge praktische Informationen über das Leben in Deutschland finden können. Sie heißt "Eed Be Eed" (Hand in Hand). Eine Umfrage in Flüchtlingsunterkünften hatte zuvor ergeben, dass nur ein Bruchteil der Neuankömmlinge Angebote für Geflüchtete in Berlin kennen, und dass sie auch nur wenig über Geschichte, Kultur, Gesellschaft und Gesetze in ihrem Gastland wissen. Die meisten wünschten sich bessere Informationsmöglichkeiten. "Manche suchen nach einem Sportverein, andere wollen wieder Gitarre spielen. Doch sie wissen nicht, wie sie das organisieren können", erklärt Denno. Viele Flüchtlinge verbrächten den ganzen Tag in ihrer Unterkunft. "Das tut ihnen nicht gut." Sein Angebot soll es Flüchtlingen, die noch kein Deutsch sprechen, leichter machen, aus der Isolation herauszukommen. Deshalb wird es auch von der Integrationsbeauftragten des Bezirks unterstützt.

Computer und Kameras gesucht

Er selbst habe nach seiner Ankunft vor ähnlichen Problemen gestanden, sagt der Syrer. Als immer mehr Flüchtlinge nachgekommen seien, habe er denen dann helfen wollen. Denno begann, sich in Unterkünften zu engagieren, er übersetzte, begleitete Flüchtlinge bei Behördengängen. Schließlich kam die Idee mit der Plattform auf.

Mit dem Projekt hat er es inzwischen auch in die engere Wahl eines von SAP, der Deutschen Bank und Social Impact gegründeten Wirkungsfonds geschafft. Der Fonds finanziert Vorhaben gemeinnütziger Initiativen. Um das Geld zu bekommen, muss "Eed Be Eed" aber mehrere öffentliche Voting-Runden überstehen. Die aktuelle Runde läuft noch bis zum 20. Dezember. Denno und seine Mitstreiten hoffen auch auf Sachspenden. Vor allem Computer und Videokameras fehlten, sagte er. "Und wir brauchen dringend Arbeitsräume."

Zeitung geplant

Langfristig soll "Eed Be Eed" auch als gedruckte Zeitung in Flüchtlingsunterkünften verteilt werden. Denn anders als allgemein angenommen hat bei weitem nicht jeder Flüchtling ein Smartphone mit Zugang zum Internet. "Die Finanzierung der Zeitung wird natürlich nicht leicht. Aber ich bin es gewohnt, schwierige Situationen zu meistern", sagt Denno. Zunächst aber will seine Internet-Plattform durch Plakate besser bekannt machen. Nebenbei muss er sich um seine Eltern kümmern. Die wurden nach Trier geschickt. Ein Umzug nach Berlin hätten die Behörden abgelehnt, sagt er. "Jetzt fahre ich hin und her, um mich um sie und meinen Bruder zu kümmern." Sollte sich die Lage in Syrien ändern, will Denno in jedem Fall nach Aleppo zurückkehren. "Berlin ist zwar schon wie ein zweites Zuhause für mich, aber wenn der Krieg in Syrien vorbei ist, will ich auf jeden Fall beim Wiederaufbau Aleppos mitmachen." Vor dem Krieg hatte er dort in der Marketingabteilung eines Verlages gearbeitet.

Wer die Initiative von Ahmad Denno unterstützen möchte, kann das durch eine Spende oder persönlichen Einsatz. Spendenkonto: Pfefferwerk Stadtkultur gGmbH Verwendungszweck: EedBeEed arabic multimedia platform, IBAN DE65 1002 0500 0003 0668 06. Facebook-Seite: https://www.facebook.com/EedBeEed.de/

Ulrike Scheffer schreibt für Pankow


Ulrike Scheffer lebt mit ihrer Familie in einer sogenannten Intelligenzsiedlung in Pankow-Niederschönhausen. Einst lebten hier Wissenschaftler und Künstler, die schaffende Intelligenz der DDR. Einige ihrer Nachbarn wohnen schon seit den 1950er Jahren in der kleinen Straße und können kaum fassen, wie sich ihre Umgebung verändert hat: exklusive Townhäuser, Privatschulen und Müttercafés. Die meisten nehmen es gelassen, denn bei all dem hat sich Pankow seinen eigenen Charme bewahrt. Und deshalb fühlen sich wohl auch die Neubürger hier wohl.

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