Flüchtlinge in Berlin-Pankow : Zwischen Nazi-Protesten und Willkommensgrüßen

In Pankow sollen mehr Flüchtlinge unterkommen als bisher. Der Bau einer Unterkunft in Buch mit 480 Plätzen rief Nazis auf den Plan. Doch im Bezirk gibt es auch viel Unterstützung.

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In Pankow gibt es viel Unterstützung für Flüchtlinge.
In Pankow gibt es viel Unterstützung für Flüchtlinge.Foto: imago

Wer Flüchtlinge für ein Problem hält, musste Pankow bisher für eine Insel der Seligen halten: Berlins nördlichster und bevölkerungsreichster Bezirk, nach Steglitz-Zehlendorf und Charlottenburg-Wilmersdorf zugleich der gutbürgerlich-wohlhabendste, beherbergt derzeit nur etwa 1000 Flüchtlinge. Doch dabei wird es nicht bleiben. 51 Millionen Menschen, so haben die Vereinten Nationen errechnet, sind in diesem Jahr weltweit auf der Flucht, so viele wie nie seit dem Zweiten Weltkrieg. Und obwohl nur Promille-Anteile davon Europa erreichen, bedeuten auch sie für Berlin derzeit etwa 1200 Menschen mehr pro Monat, die Hilfe brauchen – ein Dach überm Kopf, Plätze in Schulen und Kitas, Versorgung und Unterstützung im deutschen Alltag.

Auch in Pankow werden daher mehr Plätze gebraucht, schätzungsweise doppelt bis dreimal so viele wie bisher. Und gegen die Neuankömmlinge, die bisher vergleichsweise geräuschlos aufgenommen werden konnten, formiert sich neuerdings Widerstand. Im Oktober gab Sozialsenator Mario Czaja bekannt, dass in Buch, dem armen äußersten Norden des Bezirks, zusätzlich zu den bisher fünf Unterkünften eine sechste an der Karower Chaussee entstehen soll. Sie wird die bisher größte und soll spätestens im Februar 480 Flüchtlinge aufnehmen können. An der Baustelle wird seither immer wieder der Bauzaun umgeworfen, über Facebook mobilisierte die Gruppe „Kein Asylanten-Containerdorf in Buch“ und immer wieder wird vor der Noch-Brache demonstriert, am vergangenen Donnerstag erst sammelten sich dort hundert, die protestierten. 

Genügend Platz für alle

Die Festlegung hat den Bezirk kalt erwischt. „Das Bezirksamt war an der Entscheidung des Senators zu keinem Zeitpunkt beteiligt“, hieß es kürzlich in einem Brief des Pankower Bezirksbürgermeisters Matthias Köhne (SPD) und der vier zuständigen Stadträte an die Bucher Bürger, die „überrascht und teilweise verunsichert“ seien und die der Brief beruhigen sollte. Durch die Flüchtlinge werde es weder in den Kitas noch in den Schulen eng werden und für die dort geplante Gewerbeansiedlung bleibe auch genügend Platz. Der Bürgermeister hält Buch daher nicht für einen schlechten Standort. "Man kann nicht jeden Standort ablehnen", sagte er kürzlich vor Pankower Schülern.

 

Der Protest gegen Flüchtlingsunterkünfte in Pankow wird inzwischen von Neonazis dominiert.
Der Protest gegen Flüchtlingsunterkünfte in Pankow wird inzwischen von Neonazis dominiert.Foto: imago

Die Proteste, die es bald nach Bekanntgabe des neuen Standorts an der Karower Chaussee gab, seien „sicher auch von besorgten Bürgern gekommen“, sagt Andreas Ziehl von „Moskito“, der Pankower „Netzwerkstelle gegen Rechtsextremismus, für Demokratie und Vielfalt“. Inzwischen allerdings spielten Nazis im Protest eine große Rolle, vor allem die jungen und sehr aktiven Bucher Neonazis. Am Bauzaun stünden ortsbekannte rechte Funktionäre wie der Pankower NPD-Kreisvorsitzende, die Parolen während der Demonstrationen „Ausländer raus“, „Buch bleibt weiß“ und neonazistische Transparente sprächen eine ebenso klare Sprache wie die Wortwahl der Facebook-Gruppe, die der der NPD Pankow auffallend ähnle. „Die Organisation wird klar von Rechtsextremen gestemmt“, sagt Ziehl und auch wer vielleicht nicht dazugehöre, wehre sich bei den Aufmärschen nicht gegen deren Parolen. In einer Gegend, wo die Rechten bei der letzten Bundestagswahl in einzelnen Wahllokalen dicht an 16 Prozent kamen, gebe es eben "ein Umfeld, das Rassismus und Rechtsaffinität begünstigt".

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 Bündnis vom Buchladen bis zum Forschungsinstitut

Und die andere Seite? „Da gibt es noch keine gewachsenen Strukturen“, sagt Ziehl. Auch lokale Unterstützergruppen für Flüchtlinge in den Nachbarschaften – vier gibt es bisher in Pankow - steckten „noch in den Kinderschuhen".  Auch das „Netzwerk für Demokratie und Respekt in Buch und Karow“, das es seit August gibt, entfalte seine Aktivitäten erst langsam, sagt Ziehl – darin haben sich Träger der freien Wohlfahrtspflege zusammengetan, Pankows SPD, Linke und Piraten, Bürgervereine und auch das Max-Delbrück-Centrum für molekulare Medizin vom nahegelegenen Campus Berlin-Buch.

Katarina Niewiedzial ist für die Zukunft der Flüchtlinge im Bezirk dennoch zuversichtlich. Niewiedzial, seit Frühjahr letzen Jahres Integrationsbeauftragte von Pankow, verweist auf die Erfahrungen auch ihrer Vorgänger. „Bisher lief das super, wir konnten alles vorbereiten, die Menschen vorab informieren und mitnehmen, dass es dann kaum Probleme gab. Bis zu der Entscheidung um die Karower Chaussee. "Für die gab es nicht nur keinen Vorlauf, sie liegt auch im sozialen Hotspot Buch. Statt wie bisher zentral und mittendrin im Kiez wird der neue Fertigbau nun in eine Brache an Berlins Nordrand gesetzt, der Bauzaun zwingt viele zudem zu langen Fuß-Umwegen ins nahe Einkaufszentrum. „Klar, dass Leute dann auch sauer werden“, sagt Niewiedzial.

 Die Verwaltung muss sich auf alle Migranten einstellen

Dennoch, auch das sagt sie: „Wir tragen die Entscheidung der Senatsverwaltung mit.“ Pankow nämlich, der bunte große Bezirk aus Wissensindustriegebiet und Szenemeilen, Weißenseer Bürgervierteln und wenigen Armutsnischen*, wächst stürmisch, am schnellsten nach Berlin-Mitte, Raum ist rar. Im Bezirk, sagt Niewiedzial, „gibt es praktisch keine Gebäude, die wir in so kurzer Zeit für die Unterbringung von Menschen umbauen könnten“.  Und weil die Zuzügler in den letzten sechs Jahren fast zur Hälfte aus dem Ausland kam – die meisten von ihnen EU-Bürger meist gut qualifiziert, wie Niewiedzial sagt, Polen an der Spitze, aber auch Spanier und Italiener – steht Pankow und vor allem seine Verwaltung insgesamt vor einem Lernprozess: „Jetzt dominieren die Flüchtlinge die Debatte“, sagt Niewiedzial. "Aber wir müssen auch für andere Migranten unsere Zugänge in die Verwaltung verbessern. Ob Kitagutscheine, Eheschließung oder die Anmeldung beim Bürgeramt: So klar und übersichtlich sind unsere Systeme nicht. Auch gebildete Leute haben Schwierigkeiten, sich bei uns zurecht zu finden, vor allem, wenn sie noch kein Deutsch sprechen.“

 Willkommenskultur? Willkommensstruktur!

Willkommenskultur? Hier will Pankow Vorbild sein. Das ist das erklärte Ziel des Bezirks. Niewiedzial sagt aber, sie spreche lieber von „Willkommensstrukturen“. Vor allem für die Anliegen von Flüchtlingen – „Sie sind in unseren Abläufen noch zu wenig berücksichtigt“ - knüpft der Bezirk derzeit ein Netzwerk der Ämter, informiert die Verwaltung, benennt Ansprechpartner. Dabei sei aber klar: „Das Bezirksamt allein schafft das nicht.“ Hilfe stehe jedoch schon bereit, sie habe Angebote von Schulen und Kitas und vielen Menschen erhalten. Sie sei selbst überrascht gewesen, sagt die Integrationsbeauftragte. „Es gibt hier unglaublich viele engagierte und hilfsbereite Leute.“

*In einer früheren Fassung stand fälschlicherweise "Armutsnischen in Oberschöneweide"; Oberschöneweide liegt jedoch nicht in Pankow, sondern im Bezirk Treptow-Köpenick. An dieser Stelle bitten wir hierfür um Entschuldigung.

Autor

Ulrike Scheffer schreibt für Pankow


Ulrike Scheffer lebt mit ihrer Familie in einer sogenannten Intelligenzsiedlung in Pankow-Niederschönhausen. Einst lebten hier Wissenschaftler und Künstler, die schaffende Intelligenz der DDR. Einige ihrer Nachbarn wohnen schon seit den 1950er Jahren in der kleinen Straße und können kaum fassen, wie sich ihre Umgebung verändert hat: exklusive Townhäuser, Privatschulen und Müttercafés. Die meisten nehmen es gelassen, denn bei all dem hat sich Pankow seinen eigenen Charme bewahrt. Und deshalb fühlen sich wohl auch die Neubürger hier wohl.

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