Flüchtlingsunterkunft in Berlin-Buch : Willkommen auf der Baustelle

Donnerstag ziehen die ersten Flüchtlinge in ein Containerdorf in Berlin-Buch ein. Die meisten Anwohner sind gelassen. Die Bauarbeiter nicht.

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Noch ist das Containerdorf in Buch eine Baustelle. Foto: Ulrike Scheffer
Noch ist das Containerdorf in Buch eine Baustelle.Foto: Ulrike Scheffer

Draußen werden Wege gepflastert. Die Maschinen, mit denen die Steine festgeklopft werden, machen einen Höllenlärm. Drinnen stapeln sich Großpackungen mit Toilettenpapier und Papierhandtüchern auf dem Flur. Das Containerdorf an der Karower Chaussee in Buch wird für die ersten 75 Flüchtlinge hergerichtet, die hier am Donnerstag einziehen sollen. Bis zum Sommer sollen es 480 werden. Doch noch wird überall gebaut.

“Wir stehen unter großem Zeitdruck”, sagt Manfred Nowak von Arbeiterwohlfahrt (Awo). Die Awo wird die Flüchtlingsunterkunft, um die es viel Ärger gab, betreiben. Als eine der ersten Maßnahmen hat sie den Wachschutz verdoppelt, denn Anfang der Woche griffen drei Rechte nachts zwei Wachleute an. Es war nicht der erste Vorfall dieser Art. Auch Demonstrationen gegen den Bau des Containerdorfes gab es in Buch. Zum Teil waren auch sie von der rechten Szene, der NPD und Neonazis, initiiert worden.

Doch seit Jahresbeginn ist es deutlich ruhiger geworden. Ende März konnten Anwohner die Baustelle des “Refugiums Buch”, wie die Awo das Containerdorf nennt, besichtigen. 1.200 kamen und informierten sich. “Das hat die Spannungen rausgenommen”, sagt Nowak.

Flüchtlingsunterkunft in Buch
Manfred Nowak von der Awo bekommt Unterstützung von ehrenamtlichen Helfern. Foto: Ulrike SchefferWeitere Bilder anzeigen
1 von 10Foto: Ulrike Scheffer
22.04.2015 14:46Manfred Nowak von der Awo bekommt Unterstützung von ehrenamtlichen Helfern.


In den Plattenbauten gleich gegenüber der drei Containergebäude beobachten am Tag vor der Eröffnung viele Bewohner von ihren Balkonen aus das Geschehen. Kaum 20 Meter beträgt der Abstand zwischen ihren Häusern und der Flüchtlingsunterkunft. “Wir haben nichts dagegen, nur schade, dass wir jetzt keine grüne Aussicht mehr haben”, sagt einer. Sein Nachbar ist nicht ganz so gelassen. Er fürchtet, dass es bald wieder Aufmärsche und Auseinandersetzungen geben wird. Gegen die Flüchtlinge sagt er aber nichts.

Wut auf die Behörden

Die drei Containerbauten mit ihren bunten Wänden wurden auf einer Grünfläche errichtet. Nur noch ein Teil des Areals ist nun öffentlich zugänglich. Anwohner müssen daher Umwege gehen, um zum Einkaufszentrum oder zur Bushaltestelle zu gelangen. “So etwas sorgt natürlich für Unmut, zumal die Kommunikation nicht ideal war”, erklärt Manfred Nowak von der Awo.

Tatsächlich fokussiert sich die Kritik der Anwohner vor allem auf die Behörden, die über die Köpfe der Bürger hinweg entschieden und zu wenig und zu spät informiert hätten. “Für uns wird nichts getan”, sagen einige Frauen, Rentnerinnen die meisten, die sich morgens mit ihren Hunden an einer kaputten Parkbank auf der Grünfläche zum Rauchen und Reden treffen. Die Grünanlage lasse man verkommen, während für die Flüchtlinge ein neuer Spielplatz gebaut werde, sagen sie. “Die Flüchtlinge bekommen alles, während viele Rentner nichts zu essen haben. Aber wenn man etwas sagt, wird man ja gleich als Nazi beschimpft”, sagt eine von ihnen.

Die Zimmereinrichtung ist spartanisch. Foto: Ulrike Scheffer
Die Zimmereinrichtung ist spartanisch.Foto: Ulrike Scheffer

Ein Blick in die künftigen Wohnräume der Flüchtlinge lässt allerdings wenig Neid aufkommen. In den kleinen, kahlen Zimmern stehen zwei Betten, zwei Stühle, ein kleiner Tisch und ein Kühlschrank. Mehr nicht. Kleiderschränke sollen noch folgen. Manche Zimmer haben Verbindungstüren, damit sie von Familien genutzt werden können. Dass auf den Containerfluren bald Kinder toben werden, ist allerdings kaum vorstellbar. Noch wirkt alles steril und wenig wohnlich. Auf den langen weißen Gängen hängt kein einziges Bild, es riecht nach kaltem Staub. In den Gemeinschaftsduschen wird sogar noch gebaut, und die spartanischen Küchen sind auch einen Tag vor dem Einzug der ersten Flüchtlinge nicht voll ausgestattet. “Für die Ersten wird es nicht angenehm sein, aber immerhin ist es hier besser als in einer Turnhalle”, sagt Manfred Nowak, dem die Containeratmosphäre offenbar selbst nicht behagt.

Viele Nationen für Buch

75 Flüchtlinge sollen zunächst kommen, aus den Erstaufnahmeheimen in der Motardstraße in Spandau und der Rhinstraße in Hohenschönhausen. Dort sollen dann zum Teil noch am selben Tag Flüchtlinge einziehen, die derzeit noch in Turnhallen untergebracht sind. “Wegen des Bahnstreiks haben wir im Moment aber Schwierigkeiten, Busse für den Transport zu bekommen”, sagt Nowak. Die Flüchtlinge, die nach Buch kommen, stammen laut dem Awo-Mitarbeiter vom Balkan, aus den Krisenländern des Nahen Ostens, aus Pakistan, Turkmenistan, Iran und Vietnam. Unter ihnen seien viele Familien.

Breites Unterstützernetzwerk

Ehrenamtliche Helfer wollen die Flüchtlinge am Donnerstag mit Geschenken begrüßen. Schüler aus Bucher Schulen hätten außerdem Willkommenskarten geschrieben, sagt Nowak. “Insgesamt gibt es viel Unterstützung aus der Bevölkerung, dafür sind wir sehr dankbar.”
Zu den Unterstützern gehört das “Netzwerk für Demokratie und Respekt in Buch und Karow”. Darin haben sich Träger der freien Wohlfahrtspflege zusammengetan, Pankows SPD, Linke und Piraten, Bürgervereine und auch das Max-Delbrück-Centrum für molekulare Medizin vom nahegelegenen Campus Berlin-Buch. “Wir sind guten Mutes, dass sich unser Engagement lohnt,” sagt Sascha Schlenzig vom Netzwerk. NPD und Neonazis seien inzwischen isoliert. “Sie schaffen es nicht mehr, die Bürger zu mobilisieren.” Buch sei kein Problemfall, auch wenn Rechte hier “ein gewisses Potenzial” hätten, fügt er hinzu. “Jetzt kommt es darauf an, dass die Integration der Flüchtlinge gelingt." Auch dabei will das Netzwerk helfen und plant unter anderem Ende Mai ein Fest der Nachbarn.

Autor

Ulrike Scheffer schreibt für Pankow


Ulrike Scheffer lebt mit ihrer Familie in einer sogenannten Intelligenzsiedlung in Pankow-Niederschönhausen. Einst lebten hier Wissenschaftler und Künstler, die schaffende Intelligenz der DDR. Einige ihrer Nachbarn wohnen schon seit den 1950er Jahren in der kleinen Straße und können kaum fassen, wie sich ihre Umgebung verändert hat: exklusive Townhäuser, Privatschulen und Müttercafés. Die meisten nehmen es gelassen, denn bei all dem hat sich Pankow seinen eigenen Charme bewahrt. Und deshalb fühlen sich wohl auch die Neubürger hier wohl.

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