Gastbeitrag : Black Box Pankow

Unsere Gastautorin betreut ein Kulturprojekt für junge Erwachsene in Pankow. Der Anfang war schwieriger als gedacht. Sie musste feststellen: Pankow ist nicht Wedding.

Johanna Sailer
„Acoustic Night“ im Jugendkulturzentrum M24.
„Acoustic Night“ im Jugendkulturzentrum M24.Foto: Johanna Sailer

Als ich Ende letzten Jahres gefragt wurde, ob ich eine neue Veranstaltungsreihe für junge Erwachsene in Pankow mitorganisieren möchte, hatte ich ja keine Ahnung, was auf mich zu kommt. Was für Pankow geplant war, funktionierte im Wedding ganz wunderbar: Wir öffneten die Tore für junge Autoren und Musiker. Der gemütliche Kleinkunstabend im interkulturellen Gartenprojekt „Himmelbeet“ im Wedding entwickelte im letzten Sommer schnell eine Eigendynamik und wurde von der Nachbarschaft dankbar angenommen. Ein paar Kilometer weiter nördlich, in Pankow, sieht die Situation etwas anders aus. Zu der ersten „Acoustic Night“ im Jugendkulturzentrum M24 erschien kaum Publikum. Gibt es in Pankow keinen Bedarf, in gemütlicher Runde erfrischenden Texten und Songs zu lauschen? Ist man irritiert von der ungewöhnlichen Tatsache, dass ein Jugendkulturzentrum nun auch anspruchsvolle Abendunterhaltung für jegliche Altersgruppen anbietet?

Johanna Sailer will Pankows Kulturszene aufmischen.
Johanna Sailer will Pankows Kulturszene aufmischen.Foto: privat

Stadt der Künstler

Berlin ist Kulturhauptstadt. Seit einem guten Jahrzehnt strömen junge Künstler aus aller Herren Länder hierher, um die Vorteile der günstigen Lebenshaltungskosten und des belebten Austausches für sich zu nutzen. Angehende Künstler haben in Berlin unzählige Möglichkeiten, sich auf offenen Bühnen zu präsentieren. Ebenso groß ist das Angebot an Auftrittsmöglichkeiten für Musiker. Auch bildende Künstler haben es nicht schwer, eine passende Galerie zu finden. Tänzer und Schauspieler beginnen ihre Karriere in Improvisationsgruppen.

Berlin ist nicht gleich Berlin

Allerdings ist Berlin nicht gleich Berlin. Reden wir über die junge Berliner Künstlerszene, denken wir vielleicht erst einmal an Neukölln oder Mitte. Der Ortsteil Pankow kommt uns nicht so schnell in den Sinn. Pankow gilt als provinziell, bürgerlich und vielleicht ein wenig spießig. Galerien sucht man im Straßenbild vergeblich. Die wenigen Jugend-Kulturangebote sind oft verschult und richten sich an ein sehr junges Publikum. Es gibt die Lesebühne „Lauschgift“ im Kurt Lade Klub, die offenen Bühnen im Zimmer 16 und Bandproberäume im M24 und der Garage Pankow.

Wohin am Abend?

Weniger verschult geht es im unabhängigen JUP in der Florastraße zu. Hier gibt es eine Siebdruckerei, einen Sportraum, ein Tonstudio und sogar die Möglichkeit, selbst Kurse zu organisieren oder sich im interkulturellen Café zu treffen. Doch was macht der Pankower zur Abendstunde? Die abendliche Unterhaltung verlagern Pankower erfahrungsgemäß in ihr Wohnzimmer. Jugendliche treffen sich auf Spielplätzen oder strömen in die umliegenden Bezirke Prenzlauer Berg und Wedding. Von einer Pankower Clubszene hat man noch nichts gehört.

Ruhe statt Kultur

Nur schwer findet sich für Bands eine Möglichkeit, einen anständigen Auftritt hinzulegen. Auch junge Autoren haben es schwer, sich gegen das alteingesessene Establishment durchzusetzen. Außerdem ist fraglich, ob eine kulturelle Veranstaltung in Pankow ausreichend Anklang findet. Wer nach Pankow zieht, schätzt die Ruhe und denkt nicht an das Kulturangebot. Und wer Kultur machen oder erleben möchte, kommt nicht nach Pankow, in diesen Bezirk „jwd“ (janz weit draußen).

Veranstaltungen für jedermann im M24

Das M24 ist das Mutterschiff der öffentlichen Jugendeinrichtungen in Pankow und verwaltet ebenfalls die Garage Pankow und den Kurt Lade Klub. Es befindet sich nur zehn Gehminuten vom S-Bahnhof Pankow, gerade einmal zwei U-Bahnstationen von der Schönhauer Allee entfernt. Ein Besuch im imposanten Gebäude in der Mühlenstraße 24 lohnt sich. Ende des 19. Jahrhunderts öffnete es erstmals seine Pforten für jüdische Lehrlinge. Zu DDR-Zeiten befand sich hier die Stadtbezirksbibliothek Pankow. Nach der Wende wurde es dem Jugendamt übergeben und ab 2006 saniert. Seit 2008 engagiert das M24 sich für Jugendliche. Es bietet unter anderem Proberäume, eine Fahrradselbsthilfewerkstatt, ein Fotostudio und seit 2014 nun auch abendliche Veranstaltungen für jedermann.

Erfrischende Autoren

In diesem Jahr wird es fünfmal die Gelegenheit geben, eine „Acoustic Night“ im M24 zu besuchen. An diesen Abenden treten jeweils vier erfrischende Autoren, Musiker und Kleinkünstler auf. Einige starten gerade ihre Karriere, andere können auf jahrelange Bühnenerfahrung zurückblicken. Nicht nur Zuschauer, sondern auch potenzielle Mitwirkende sind herzlich willkommen. Die nächste „Acoustic Night“ findet am 14. Februar statt (20.30 Uhr im M24, Mühlenstraße 24, 13187 Pankow, Eintritt: 3 Euro). Gäste sind diesmal Stephen Blaubach (komisches Kabarett), Kathrin Bach und Mischa Mangel (Lyrik Paarformance), Jon Lupus (Liedermacher) und Matthias Rische (Prosa).

Johanna Sailer schreibt und lebt in Pankow. Neben ihrem Philosophie-Studium engagiert sie sich in verschiedenen sozialen und kulturellen Projekten, spielt in dem Live-Hörspiel „primaterz“ und bloggt auf primatberlin.com .

Ulrike Scheffer schreibt für Pankow


Ulrike Scheffer lebt mit ihrer Familie in einer sogenannten Intelligenzsiedlung in Pankow-Niederschönhausen. Einst lebten hier Wissenschaftler und Künstler, die schaffende Intelligenz der DDR. Einige ihrer Nachbarn wohnen schon seit den 1950er Jahren in der kleinen Straße und können kaum fassen, wie sich ihre Umgebung verändert hat: exklusive Townhäuser, Privatschulen und Müttercafés. Die meisten nehmen es gelassen, denn bei all dem hat sich Pankow seinen eigenen Charme bewahrt. Und deshalb fühlen sich wohl auch die Neubürger hier wohl.

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