Junge Theaterleute in Pankow : "Castorf wäre in New York undenkbar"

18 junge Künstler aus den USA und Großbritannien absolvieren gerade einen Theater-Intensivkurs am Pankower Bard College. Sie sind fasziniert von Berlin und der experimentierfreudigen Theaterszene - und von Pankow.

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Kurze Verschnaufpause beim Tanzworkshop. Mit dabei Hannah Cullen (mit Dutt) aus New York.
Kurze Verschnaufpause beim Tanzworkshop. Mit dabei Hannah Cullen (mit Dutt) aus New York.Foto: Frederick Peters

Nach dem Mittagessen gönnen sich die Workshop-Teilnehmer eine kleine Auszeit im Garten. Auf der Terrasse der kleinen Mensa in der Waldstraße, mitten im beschaulichen Niederschönhausen, sitzen sie bei Tee und Wasser zusammen und genießen die Frische des weitläufigen Gartens, der zu dem ehemaligen Botschaftsgebäude gehört. Hannah, 21, aus New York steht allerdings lieber. Drei Wochen hartes Theater- und Tanztraining sind an der zierlichen blonden Tänzerin nicht spurlos vorübergegangen. Der Rücken macht ihr Probleme. Hannah ist eine von 18 Studenten aus den USA und Großbritannien, die am Berliner Bard College of Liberal Arts ein vierwöchiges Theater-Intensivprogramm absolvieren.

Das Bard gehört zum namensgleichen College in New York und besitzt mehrere frühere Botschaftsgebäude in Niederschönhausen, dem alten DDR-Diplomatenviertel. Es bietet interdisziplinäre Studiengänge in Geistes- und Sozialwissenschaften an, darunter zwei Bachelor-Programme. Die Abschlüsse sind in den USA und in Deutschland anerkannt. Aber auch Kunst- und Theaterkurse haben einen festen Platz beim Bard. 150 Studenten aus mehr als 40 Ländern studieren hier. Und sie wohnen auch auf dem dezentralen Campus.

Die meisten sind derzeit allerdings nicht in Berlin. Am Bard sind bereits Ferien. Die Studenten des Sommerkurses sind daher fast unter sich. Ihr Programm ist prall gefüllt: Frühstück um 8 Uhr, tagsüber Vorlesungen und Workshops, abends besucht die Gruppe Aufführungen an der Volksbühne, am Deutschen Theater, an der Schaubühne oder am Maxim Gorki Theater. Ein Marathon durch das deutsche Regietheater. Auch einen Brecht-Liederabend mit Nina Hagen im Berliner Ensemble haben sie erlebt.

"Das alles ist sehr intensiv, aber ich war auch regelrecht hungrig, neue Erfahrungen zu machen und zu sehen, wie außerhalb New Yorks Theater gemacht wird", sagt Hannah. Mayaa, 25, und Assistentin des Programms, spricht von einer Tool-Box, die sie mit nach Hause nehmen wird, wenn sie wieder ins Flugzeug steigen wird. Auch sie kommt aus New York. Am 9. Juli präsentieren die Teilnehmer ihren Lehrern aber noch eigene Stücke und Performances, die sie in den vergangenen Wochen erarbeitet haben.

An Inspiration dafür fehlt es ihnen sicher nicht. Insgesamt 15 Berliner Aufführungen werden sie am Ende gesehen haben, darunter "Berlin Alexanderplatz" am Deutschen Theater, die Gob-Squad-Produktion "War and Peace" an der Volksbühne, "Angst essen Seele auf" am Maxim Gorki Theater und natürlich Castorf ("Die Kabale der Scheinheiligen. Das Leben des Herrn de Molière"). Die Castorf-Aufführung war für die meisten Studenten eindeutig der Höhepunkt. "Diese Kraft zu inszenieren ist unglaublich", sagt Gideon, 20, und die anderen nicken. Sie schwärmen von der Experimentierfreude der Berliner Theatermacher und von der Freiheit, die die Künstler dank der staatlichen Förderung hätten. "In New York ist der finanzielle Erfolgsdruck so groß, da wird nichts riskiert", erklärt Gideon. "Castorfs Arbeit wäre dort undenkbar, das würde wohl niemand produzieren", fügt er hinzu.

Hauptstadt der Kreativen

Jonathan Rosenberg und Dawn Akemi Saito, die das Sommerprogramm am Bard verantworten, sehen das ähnlich. Berlin sei kompromissloser, sagt die Performance-Künstlerin. "Und es gibt einen lebendigen Diskurs in der Kunstszene." Nur in Berlin sei es überhaupt möglich, ein solches Programm zu organisieren, erklärt Rosenberg, der sonst am Bard New York unterrichtet. "In New York wäre es unbezahlbar, mit einer Gruppe jeden Abend ein anderes Theater zu besuchen." Im Vergleich zu New York seien auch die Lebenshaltungskosten in Berlin noch immer gering, sagt Rosenberg. "Das lockt viele junge Kreative an und prägt die Szene zusätzlich." Bestes Beispiel: Nina Tecklenburg vom Partizipativtheater Interrobang und Sharon Simon von der deutsch-britischen Performance-Gruppe Gob Squad. Beide Künstlerinnen unterrichten auch im Sommerkurs am Bard.

Die Gob-Squad-Inszenierung an der Volksbühne wird einer der Studenten in ganz besonderer Erinnerung behalten. Satwik Srikrishnan, 21, New Yorker, geboren in Mumbai, wurde von den Performern spontan auf die Bühne geholt. "Das war einfach unglaublich", erzählt er.

Die meisten der Sommerstudenten wollen nach Berlin zurückkommen. Vielleicht sogar nach Pankow. "Mich erinnert Pankow mit seinen kleinen Nachbarschaften an Los Angeles, das ist großartig", sagt Gideon. Lehrer Rosenberg hat es der Bezirk besonders angetan: "Die Fahrt mit der M1 ist einfach spektakulär."

Autor

Ulrike Scheffer schreibt für Pankow


Ulrike Scheffer lebt mit ihrer Familie in einer sogenannten Intelligenzsiedlung in Pankow-Niederschönhausen. Einst lebten hier Wissenschaftler und Künstler, die schaffende Intelligenz der DDR. Einige ihrer Nachbarn wohnen schon seit den 1950er Jahren in der kleinen Straße und können kaum fassen, wie sich ihre Umgebung verändert hat: exklusive Townhäuser, Privatschulen und Müttercafés. Die meisten nehmen es gelassen, denn bei all dem hat sich Pankow seinen eigenen Charme bewahrt. Und deshalb fühlen sich wohl auch die Neubürger hier wohl.

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