Kolumne : Ein denkwürdiger Heiliger Abend

Werner Krätschell erlebte die Wende hautnah mit. Sein Pankower Pfarrhaus war Anlaufstelle für Oppositionelle und Friedensaktivisten. In einer Kolumne für Tagesspiegel online berichtet er, was sich zwischen Mauerfall und Wiedervereinigung in seinem Umfeld ereignete - zum Beispiel als er Egon Krenz besuchte.

Werner Krätschell

         

Egon Krenz während seines Prozesses 1997 in Moabit. Unser Kolumnist Werner Krätschell besuchte ihn später im Gefängnis.
Egon Krenz während seines Prozesses 1997 in Moabit. Unser Kolumnist Werner Krätschell besuchte ihn später im Gefängnis.Foto: dpa

24. Dezember 1989, Heiligabend. Um 18 Uhr werde ich die Christvesper halten. In jedem Jahr ist die Kirche überfüllt, in diesem sicher noch extremer. Wir alle sind in großer Sorge wegen der blutigen Vorgänge in Rumänien. In meinem Pfarrbezirk, in der Parkstraße, befindet sich die rumänische Botschaft, vor der seit Tagen eine Mahnwache von jungen Menschen gehalten wird. Die Fassade ist mit roten Farbbeuteln beworfen worden. Ich bitte darum, zum Botschafter vorgelassen zu werden. Ich sage ihm, dass er die Möglichkeit hat, in meinem Gottesdienst uns Pankowern zu sagen, welche geeigneten Hilfsgüter wir für die Menschen in seinem Land sammeln sollen. Ich lade ihn ein. Wird er kommen?

Werner Krätschell berichtet über seine Erlebnisse in der Wendezeit.
Werner Krätschell berichtet über seine Erlebnisse in der Wendezeit.Foto: Ulrike Scheffer

Ein weinender Botschafter

Kurz vor Beginn der Vesper sitze ich allein im Altarraum auf dem vorletzten freien Stuhl, umgeben von Besuchern, von denen viele nur noch auf dem Fußboden Platz finden. Beim Glockengeläut erscheint der Botschafter mit Begleitern, doch die bleiben zurück. Er setzt sich neben mich. Der Chor singt zum Auftakt „Tochter Zion“. Der groß gewachsene Mann neben mir fängt plötzlich an zu schluchzen. Ich frage ihn, was los sei und ob er sprechen könne. Beim Gemeindegesang erzählt er mir leise, dass er letztmalig als Kind, als Sänger in einem orthodoxen Chor, in einer Kirche gewesen sei. Danach hätte er seine kommunistische Karriere absolviert. Die Musik hätte ihn erinnert und einfach umgeworfen. Er fasst sich, geht an das Mikrophon und beginnt seinen Vortrag mit den Worten „Liebe Schwestern und Brüder“.

Besuch bei Egon Krenz

Nach der bewegenden Christvesper und der Feier in der Familie mit all den alten Traditionen begebe ich mich, wie in jedem Jahr, nach draußen, um einsame Menschen zu besuchen. Wohin in dieser ganz besonderen Heiligen Nacht in der deutschen Geschichte, in der für uns Ostdeutsche erstmals der Zweite Weltkrieg mit seinen Folgen zu Ende gegangen ist?  Mir fällt Egon Krenz ein, der nur zehn Minuten zu Fuß entfernt wohnt. Die Kommunisten hatten ja versucht, trotz der friedlichen Revolution an der Macht zu bleiben. Deswegen hatten sie Wochen vor dem Fall der Mauer den langjährigen Parteichef Erich Honecker abgesetzt und an seiner Stelle einen jüngeren Genossen zum Staatsratsvorsitzenden gemacht: Egon Krenz. Der Fall der Mauer und die nachfolgenden Ereignisse stürzten auch ihn Anfang Dezember 1989.

Die Verfassung von 1848 unter dem Arm

Ich nehme eine Kerze aus dem Gottesdienst mit und ein Poster, auf dem der mir befreundete Künstler Manfred Butzmann den freiesten, deutschen Verfassungstext von 1848 abgedruckt hat. Dieses Poster bedeutete noch vor Wochen seinen Protest gegen die kommunistische Diktatur.

Drei Stunden Zwiegespräch

Ich gehe zum Haus von Egon Krenz. Wird er mich hereinlassen oder den Besuch sich verbitten? Ich bin überrascht, weil er mich sehr freundlich hereinbittet. Wir reden in dieser Nacht drei Stunden miteinander. Vom Inhalt kann ich wegen meines Berufes als Seelsorger nichts sagen. Nur so viel: Er sagt nach eine Weile zu mir: „Wissen Sie, von den Genossen kommt keiner mehr. Aber mein Pastor kommt.“ Es stellt sich heraus, dass er als Kind getauft und als Jugendlicher sogar konfirmiert worden ist. Erst danach begann seine steile Karriere in der Partei. Als ich sein Haus verlasse, fragt mich Egon Krenz, ob ich ihn auch besuchen würde, wenn er ins Gefängnis käme. Ich habe das später getan, als er in Plötzensee saß.



Ulrike Scheffer schreibt für Pankow


Ulrike Scheffer lebt mit ihrer Familie in einer sogenannten Intelligenzsiedlung in Pankow-Niederschönhausen. Einst lebten hier Wissenschaftler und Künstler, die schaffende Intelligenz der DDR. Einige ihrer Nachbarn wohnen schon seit den 1950er Jahren in der kleinen Straße und können kaum fassen, wie sich ihre Umgebung verändert hat: exklusive Townhäuser, Privatschulen und Müttercafés. Die meisten nehmen es gelassen, denn bei all dem hat sich Pankow seinen eigenen Charme bewahrt. Und deshalb fühlen sich wohl auch die Neubürger hier wohl.

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