Kolumne : Vorbereitungen für den Ernstfall

Werner Krätschell erlebte die Wende hautnah mit. Sein Pankower Pfarrhaus war Anlaufstelle für Oppositionelle und Friedensaktivisten. In seiner Kolumne für Tagesspiegel online öffnet er sein Tagesbuch. Diesmal geht es um die kritische Phase vor den März-Wahlen 1990.

Werner Krätschell
Werner Krätschell berichtet über seine Erlebnisse in der Wendezeit.
Werner Krätschell berichtet über seine Erlebnisse in der Wendezeit.Foto: Ulrike Scheffer

Der Weg vom 9. November 1989, dem Tag des Mauerfalls, bis zur Vereinigung der beiden deutschen Staaten am 3. Oktober 1990 bestand für uns Ostdeutsche in einem höchst anstrengenden Umstellungsprozess. Dieser vollzog sich bis in das persönliche Leben hinein, auch bei mir persönlich. Neben der beruflichen Verantwortung in meiner Kirche kostete die Moderatorenarbeit am Berliner Runden Tisch im Roten Rathaus viel Kraft. Daneben vollzog sich ja auch das Familienleben mit unseren vier Kindern zwischen sieben und 22 Jahren und der Berufstätigkeit meiner Frau. Schließlich gab es, wie mein Tagebuch zeigt, auch im Ausland ein großes Interesse an den Vorgängen in Deutschland.

11. Februar 1990

London. Westminster Abbey. Schon im November hatte mich der mit mir befreundete Canon an dieser historischen Kirche, Anthony Harvey, gebeten, dort zu predigen.

Der Bibeltext für diesen Sonntag ist gut geeignet, etwas von der geistlichen Qualität der politischen Wende in unserem Land zu vermitteln, Lukas 6, die Verse 27 und 28: „Liebet eure Feinde, tut wohl denen, die euch hassen; Segnet die, so euch verfluchen; bittet für die, die euch beleidigen.“

Meine Frau ist dabei – ein Geschenk der Abbey, ermöglicht von Canon Colin Semper, diesem herrlich irdischen Geistlichen. Wir genießen zum ersten Mal, gemeinsam in Europa zu sein. Blitzbesuch in Oxford bei meinem alten Freund Timothy Garton Ash und seiner Familie. Unglaublich, dass wir einfach hinfahren können. Mein kleiner Patensohn sieht ein wenig aus wie der Papst in klein. Seine Mutter, Tims Frau, ist Polin. Wir fühlen uns zu Hause.

21. Februar 1990

Gespräch im Schöneberger Rathaus mit Professor. Schröder, dem Chef der Senatskanzlei. Man ist besorgt um die Regierbarkeit Ostberlins. Der immer leiser tretende Ostberliner Oberbürgermeister Krack, der mir am Runden Tisch im Roten Rathaus immer gegenübersitzt. Krack steht unter dem Verdacht, die Ostberliner Wahlergebnisse gefälscht zu haben. Ich weiß es von den Freunden des anderen wichtigen Gremiums in Ostberlin, aus der Kommission, die die Hintergründe der staatlichen Gewaltanwendung vom Oktober 1989 untersucht. Freund und Kollege Michael Passauer, Pfarrer an der Sophienkirche, leitet souverän diese Kommission, der so wichtige Menschen wie Christa Wolf, Christoph Hein und Manfred Butzmann angehören. Es zeichnen sich langsam die Konturen des teuflischen Koloss „Staatssicherheitsdienst“ ab, der auf allem und allen gelastet und alles und alle vergiftet hat.

Ich werbe bei Prof. Schröder für dieses Gremium. Der Runde Tisch und die Kommission wären im Ernstfall bereit und in der Lage, vor den Wahlen am 18. März politische Verantwortung zu übernehmen. Im Nebenzimmer empfängt mich kurz der Regierende Bürgermeister Walter Momper. Er hat Geburtstag. Ich gratuliere ihm. Ein Berliner Typ, obwohl er aus Bremen stammt.

Abends ist Timothy Garton Ash aus Oxford gekommen. Sein Vorschlag ist gut: das neue Parlament muss schnell eine Kommission einsetzen von unabhängigen Persönlichkeiten, die über das Material der „Stasi“ wacht, zum Beispiel müsste Historikern Zugang gewährt werden.

Ulrike Scheffer schreibt für Pankow


Ulrike Scheffer lebt mit ihrer Familie in einer sogenannten Intelligenzsiedlung in Pankow-Niederschönhausen. Einst lebten hier Wissenschaftler und Künstler, die schaffende Intelligenz der DDR. Einige ihrer Nachbarn wohnen schon seit den 1950er Jahren in der kleinen Straße und können kaum fassen, wie sich ihre Umgebung verändert hat: exklusive Townhäuser, Privatschulen und Müttercafés. Die meisten nehmen es gelassen, denn bei all dem hat sich Pankow seinen eigenen Charme bewahrt. Und deshalb fühlen sich wohl auch die Neubürger hier wohl.

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